Erklärungsversuche

Schock und Entsetzen über vergeigte Rektorwahl an Uni Siegen

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Erschütterung auch am Tag danach: Prof. Stephan Habscheid (Vorsitzender Hochschulwahlversammlung), Kanzler Ulf Richter und Rektor Prof. Holger Burkchart (von links).

Erschütterung auch am Tag danach: Prof. Stephan Habscheid (Vorsitzender Hochschulwahlversammlung), Kanzler Ulf Richter und Rektor Prof. Holger Burkchart (von links).

Foto: Hendrik Schulz

Siegen.  „Siegen hat jetzt eine Tradition“: Rektorwahlen zu vermasseln. Uni-Führung ist erschüttert vom erneuten Wahldebakel, fürchtet ernste Konsequenzen

Als es endlich vorbei und das Desaster besiegelt ist, vergräbt Prof. Martin Herchenröder das Gesicht in den Händen. Nicht nur er. „Lange Gesichter“ im Hörsaalzentrum am Campus Unteres Schloss wären eine Untertreibung – die Hochschulwahlversammlung ist Dienstagabend, 24. Januar, daran gescheitert, einen neuen Rektor, eine neue Rektorin zu wählen. Erneut. „Siegen hat jetzt eine Tradition“, wird Kanzler Ulf Richter am nächsten Morgen voll Bitterkeit sagen. Der Schock in der Uni über das wiederholte Versagen der universitären Gremien, sich auf eine Person an der Spitze der Hochschule zu einigen, sitzt tief. Wie es weitergeht: Niemand weiß es so richtig. Zuerst: Schadensbegrenzung.

Schon die vergangene Rektorwahl an der Uni Siegen endete im Fiasko

Nach dem Debakel Ende 2018, als Hochschulrat (HSR) und Senat schon einmal mehrheitlich auf ihren Kandidierenden beharrten und nicht bereit waren, sich zu bewegen, als Holger Burckhart sich schließlich zu einer dritten Amtszeit bereiterklärte, war das komplizierte Wahlverfahren angepasst worden – Mehrheiten zu erreichen, wurde einfacher. „Das Verfahren ist mehr auf Gelingen angelegt“, sagt Prof. Stephan Habscheid am Mittwochmorgen nach der vergeigten Wahl. Vergeigt wurde sie dennoch.

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Letztlich, so der Vorsitzende der Hochschulwahlversammlung, entscheiden alle Wahlberechtigten nach bestem Wissen und Gewissen, ob sie eine Person geeignet finden für das Rektoramt. Wenn jemand gewichtige Gründe gegen einen Kandidaten hat, sei das zu respektieren. Im Vorfeld seien alle legitimen Möglichkeiten und Angebote für Gespräche genutzt worden. Das Ergebnis: „Ungünstig“, wie es Habscheid mit Blick auf Stabilität für und Vertrauen in die Uni Siegen besonnen formuliert.

Wie Rektor Burckhart und Kanzler Richter das Wahl-Debakel an der Uni Siegen bewerten

Deutlicher wird Kanzler Richter. Gegen Ende der tagesfüllenden Marathon-Sitzung hatte er mehrfach das Wort ergriffen, eindringlich und mit immer wieder brechender Stimme vor den Gefahren gewarnt, wenn wieder kein Nachfolger für Holger Burckhart gewählt würde. Er hatte gemahnt, ans Ende zu denken, an die Konsequenzen für die Uni, ans Signal, das gesendet würde. Vergeblich. „Scheinbar wollte man nicht ans Ende denken“, sagt er nun, immer noch der Verzweiflung nahe. Man habe sich entschieden, die Scherben müssen andere aufkehren. Dieser Ausgang habe der Uni, so bewertet es nicht nur das Führungsduo, einen herben Schlag versetzt: Stabilität, Vertrauen nach innen und außen hätten gelitten. „Wir versuchen zu retten, was man retten kann“, sagt Richter, ohne das ganze Ausmaß überblicken zu können. „Sehr traurig.“

Vertrauen sei aufs Spiel gesetzt und verspielt worden, findet auch Holger Burckhart. Emotionen hätten sich wohl aufgestaut, seien in der Wahl ans Licht gekommen. „Das war wohl keine direkte böse Absicht, aber wir müssen dem ins Auge sehen.“ Auch er sei „erschüttert, entsetzt, zutiefst enttäuscht und in Sorge" um die Universität Siegen – und kündigt an, vehement für das kämpfen zu wollen, was in den vergangenen 13 Jahren aufgebaut und erreicht wurde. „Ich werde das Feld nicht räumen“, sagt er, „sondern diese Aufgabe mit aller Kraft aktiv und offensiv angehen. Ich lasse die Uni nicht trudeln.“ Mit Blick auf die Menschen, die an der Hochschule studieren und arbeiten, die sich in der Region mit ihr identifizieren und mit Blick auf Politik in Land und Bund, auf außeruniversitäre Forschungseinrichtungen.

An welchen Stellen der Streit eskaliert: Hitzige Debatte kaum noch einzufangen

Wo die Konfliktlinien verlaufen – schwer zu sagen. Jedenfalls nicht ausschließlich zwischen HSR und Senat, beide Gremien votierten nicht einstimmig. Mit fortschreitenden ergebnislosen Wahlgängen erreichte der Ton in der Aussprache aber wiederholt ein Niveau, das nicht zur feierlichen Umständlichkeit eines solchen demokratischen Akts passt. Als sich abzeichnete, dass Favorit Andreas Pinkwart auch im dritten Wahlgang keine Mehrheit erreichen würde und der Kandidat damit verbrannt wäre, beantragte Unternehmer Arndt Kirchhoff, Vorsitzender des Hochschulrats, die Wahlversammlung zu vertagen. Er habe seinen Flieger nach Berlin absagen müssen, es sei zudem nicht angemessen, dass sich die Sitzung über Nacht ziehe. Daraufhin wurde ihm vorgeworfen, nur den Kandidaten retten zu wollen – dazu passte nach Ansicht mehrerer Senatsmitglieder auch das Gesprächsangebot des Hochschulrats an die Gruppe der Professorinnen und Professoren, deren Stimmen dreifach zählen. „Unterste Schublade“ fand letzteres ein studentischer Senator, „nach dem Motto ‘die Studierenden brauchen wir nicht’.“ Auf ihn würden zu Hause übrigens drei kleine Kinder warten, „man kann sich auf solche Termine auch anders vorbereiten.“

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Der studentische Senator Roland Wiegel warf dem Hochschulrat vor, die Uni zu zerrütten, Kapitalinteressen auf dem Rücken der Studierenden zu verfolgen, statt transparent und demokratisch zu akzeptieren, dass der favorisierte Kandidat keine Mehrheit finde. Versammlungsvorsitzender Habscheid mühte sich, zivilisierten Umgangston in die entgleiste Diskussion zu bringen, doch an der beantragten Vertagung bissen sich die Kontrahenten genauso fest wie am Wahlversehen Dagmar Schulze-Langes vom Hochschulrat: Sie gab im dritten, entscheidenden Wahlgang zu, versehentlich ihr Kreuz an der falschen Stelle gemacht zu haben. Die Veranstaltung dauerte zu diesem Zeitpunkt bereits mehr als 11 Stunden. Mahnungen nicht nur des Kanzlers, sich der Verantwortung für die Uni bewusst zu werden, verpufften.

Die möglichen Schäden für die Uni Siegen: Image, Gebäude, Forschung

„Wer möchte sich hier noch zur Wahl stellen, mit solchen Prozessen vor Augen?“, fragt Holger Burckhart nun. Die vergangenen Jahre seien super gelaufen, die Uni bekam Geld, Forschungsbudgets und -einrichtungen, der Umzug in die Stadt wurde in die Bahn gesetzt. „Dann wird gewählt und das gesamte System erodiert.“ Man könne es sich nicht erlauben, dass die Uni Siegen ein solch zerstrittenes Bild abgibt. Hochschulrat und Senat, erklärt er, müssen auch abseits einer Rektorwahl gemeinsam große Entscheidungen treffen – nun werde sich die Politik fragen, ob es in Siegen noch ein einheitliches Verständnis zum Kurs der Uni gebe, ob sie ein verlässlicher Partner, ob „Prozesssicherheit“ noch gegeben sei.

Zwei Sonderforschungsbereiche stehen bald zur Verlängerung an, erläutert Prof. Habscheid – neben den fachlichen, wissenschaftlichen Inhalten hänge es zentral vom Rektorat ab, hier Stabilität und Verlässlichkeit zu demonstrieren. So ein Ereignis könnte das durchaus in Frage stellen.

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Er habe kurz vorher Signale bekommen, dass die Uni den Umzug in die Innenstadt mit Haus Hettlage weiter vorantreiben könne, sagt Kanzler Richter: „Ich weiß nicht, was mit den Bauprojekten wird.“ Er vergleicht die Uni mit einem Tanker: „Der gerät nicht so schnell ins Schlingern.“ Aber man habe einen Schuss vor den Bug bekommen, der eine Welle ausgelöst habe, deren Konsequenzen sich noch gar nicht absehen ließen. Nun müsse man auf Sicht fahren. Eine Perspektive: Fehlt derzeit.

So geht es jetzt weiter an der Uni Siegen: Rektor bleibt erstmal im Amt

Der Ball liegt nun wieder bei der Findungskommission, jenen sechs Mitgliedern von Hochschulrat und Senat, die Andreas Pinkwart und Carola Jungwirth vorgeschlagen hatten. Einen Monat Zeit haben sie, um zu entscheiden, ob andere der zehn Bewerber nachnominiert oder die Stelle neu ausgeschrieben wird. Bis ein Nachfolger gewählt ist, bleibt der Rektor im Amt. Er habe schon beantragt, sein Beamtenverhältnis zu verlängern, sagt Holger Burckhardt. Er werde das Feld sortieren, sich den Personen und Strukturen widmen und herauszufinden versuchen, wo die Gräben verlaufen. Auch, wenn er sich seine nähere Zukunft anders vorgestellt habe – eigentlich wollte der 66-Jährige das Amt im April übergeben. Noch in der Nacht habe er lange Gespräche mit seiner Frau geführt. Das Boot für den geplanten großen Segeltörn bleibe in der Halle. „Ich baue nicht über 13 Jahre etwas auf und lasse es dann im Regen stehen.“

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