Justiz

Schwangere: Keine Erinnerung an Prügelattacke des Ex-Freunds

Vor dem Siegener Landgericht sagen die ersten Zeugen aus.

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Vor dem Siegener Landgericht sagen die ersten Zeugen aus. Foto: dpa

Siegen.   Das Baby kommt gesund zur Welt und wächst bei Pflegeeltern auf. Angeklagter beschuldigt Zeugen, seine Ex-Lebensgefährtin angegriffen zu haben.

Ein Mann verprügelt seine Lebensgefährtin, schlägt mit diversen Gegenständen so heftig auf sie ein, dass die Frau lebensgefährliche Verletzungen am Hinterkopf und im Gesicht erleidet. Beim Eintreffen der Notärztin am Nachmittag des 21. November 2016 liegt die heute 34-jährige Frau im Koma, sie wird später im Krankenhaus künstlich im Koma gehalten. Und sie ist schwanger. Die Anklage gegen ihren Freund: versuchter Totschlag.

Der Mann schweigt. Am Freitag hört das Schwurgericht die ersten Zeugen. Das Opfer macht vor Gericht deutlich, sich an nichts zu erinnern. Einem Bekannten — und weiteren Tatverdächtigen — gegenüber soll sie den Angeklagten aber beschuldigt haben.

Knochenbrüche im Gesicht

Zunächst konkretisieren die Notärztin und eine Gerichtsmedizinerin, dass die Verletzungen der Frau lebensgefährlich gewesen sind. Sie habe röchelnd am Boden gelegen, mit Blut im Rachen und der Zunge im Hals. Es gab auch eine kleine Hirnblutung.

Mit Abständen war die junge Frau bis zum März immer wieder in Krankenhäusern, bis sie Ende dieses Monats ihr Kind bekam. Das sei gesund und jetzt in einer Pflegefamilie, erzählt sie, während der 42-jährige Angeklagte sehr aufmerksam zuhört und in diesem Moment mit einem Hauch von Erleichterung auf den Zügen nickt.

Nachwirkungen spüre sie nicht mehr, versichert die schlanke, zierliche Frau, wohingegen ihr Anwalt, der die Nebenklage vertritt und sie „schon seit zehn Jahren“ kennt, meint, „Veränderungen zu spüren“. Die Frau wirkt von der Tat gezeichnet, bei der sie zahlreiche Knochenbrüche im Gesicht erlitt.

Zusammen und wieder getrennt

Beide Beteiligten kommen aus dem Drogen- und Obdachlosenmilieu. Der Angeklagte hat seit 2013 eine eigene Wohnung, sein Opfer war immer wieder mit ihm zusammen, dann wieder trennte sie sich, gelegentlich lebte sie bei ihm, aber auch bei ihrer Familie oder Freunden. Oder auf der Straße. Selbst zu der Zeit, als das Kind zur Welt kommen sollte, hatte sie keine feste Adresse und kann auch nicht sagen, ob der jetzt Angeklagte der Vater ist oder nicht.

Gegenüber seinem Bewährungshelfer hat der Mann euphorisch berichtet, Vater zu werden, hat diesem stolz von der Beziehung erzählt und Fotos gezeigt. Zugleich hat der Sozialarbeiter beobachtet, dass der drogensüchtige Klient immer wieder Rückfälle hatte und mit dem Gesetz in Konflikt geriet, wenn die Frau gerade wieder in sein Leben getreten war.

Mehrfach Rippenbrüche erlitten

Von früherer Gewalt gegen die Frau weiß der Bewährungshelfer nichts. Die Zeugin selbst berichtet von Schlägen und mehrfach erlittenen Rippenbrüchen. Sie habe gehen wollen – er schloss sie ein und würgte sie: Das hatte sie Ende 2015 in einer Anzeige geschrieben, die später zurückgenommen wurde. An den Tattag will sie keine Erinnerungen haben. Gerade wieder einmal getrennt, habe sie ihn zufällig in der Nähe der Wohnung getroffen. „Ich habe ihm auf der Treppe noch aus Spaß gesagt, er wird mich doch nicht wieder grün und blau schlagen.“ Was danach war, wisse sie nicht mehr.

„Mir hat sie vor ein paar Wochen gesagt, die Erinnerung sei wieder da, er habe es getan“, sagt später der Zeuge, der wiederum von dem Angeklagten der Tat beschuldigt wurde. Er soll ihn und das Opfer gemeinsam mit einem weiteren Mann und einer Frau überfallen haben. . „Ich würde nie eine Frau überfallen“, empört er sich. Sein angeblicher Mittäter präsentiert ein Alibi.

Am Ende ein Schrei — und Stille

Ein Künstler, der im gleichen Haus ein Atelier unterhält, hat nur den Angeklagten und eine Frau im Flur gehört, außerdem zwei Kinder einer anderen Mietpartei. Keine Fremden. Das Treppenhaus sei sehr hellhörig, versichert der Mann. Es habe regelmäßig Auseinandersetzungen in der Wohnung des M. gegeben. Am 21. November sei es sehr laut geworden, es seien Gegenstände geflogen. „Dann gab es einen Schrei, der abrupt abbrach“, fügt der Zeuge an. Etwa eine Viertelstunde später sei die Polizei gekommen.

Das Opferkennt den Angeklagten nach eigener Angabe schon seit ihrem 14. Lebensjahr. Während der Bewährungshelfer berichtet, er habe Heroin, Marihuana und Tabletten genommen, will sie nie etwas von Tabletten bemerkt haben. Er sei auch nie eifersüchtig gewesen. Später schiebt sie allerdings seine Wutanfälle auf eben dies: Eifersucht. Der Verteidiger will sie noch einmal vernehmen lassen.

Am 29. Mai geht es weiter.

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