Volkshochschule

Siegen: Bunter VHS-Abend zum 101. Geburtstag

Es gibt mehrere Auftritte an dem Abend.

Es gibt mehrere Auftritte an dem Abend.

Foto: Michael Kunz / Michael Kunz, Siegen

Siegen.  Die Volkshochschulen der Republik feiern Geburtstag. In Siegen gibt es eine Ausstellung, einen Vortrag und einen Leseabend.

Die Volkshochschule VHS hat ihr 100-jähriges Bestehen gefeiert, mit einer bundesweiten „langen Nacht“, und auch im Siegener Krönchencenter ist dazu am Freitag eingeladen worden. Allerdings war alles ein wenig anders, als in den meisten der rund 400 Volkshochschulen quer durch die Republik. Zum einen ist die Siegener Einrichtung schon 1918 gegründet worden, mithin ein Jahr älter als viele andere. Zweitens gibt es eher einen langen Abend, statt einer entsprechenden Nacht. Es sei ja nicht die erste Veranstaltung dieser Art, zuckt der stellvertretende Leiter Andreas Richter schmunzelnd die Achseln. Inzwischen seien die Gewohnheiten der Siegener vertraut, die eben keine Lust auf ein Nachtprogramm hätten. Was vor allem am Altersdurchschnitt der Besucher liege.

Launiger Vortrag

Immerhin sind zur Eröffnung der Jubiläums-Ausstellung im Flur neben der Stadtbücherei genug Besucher gekommen, um den Vortragsraum am hinteren Ende zu füllen. „Die Macht der Gefühle“ wird da auf einer Reihe von Wandtafeln untersucht, die sich mit Schlüsselereignissen von 1919 bis 2019 beschäftigen. Es sind Collagen von Texten und Bildern, die unter Schlagworten wie „Angst“, „Hass“ oder „Liebe“, bis hin zu „Vertrauen“, „Wut“ und „Zuneigung“ die Zeit der Weimarer Republik und des anschließenden „3. Reich“ ebenso in den Blick nehmen, wie markante Augenblicke in der Geschichte der Bundesrepublik, vor und nach 1989. Dabei haben die Autorinnen Ute und Bettina Frevert, die im Auftrag der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ (EVZ) und der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur aktiv waren, keinerlei Berührungsängste, stellen unter dem Stichwort „Ekel“ etwa einen Moment aus dem Fernseh-„Dschungelcamp“ der perfiden NS-Hetze gegen die Juden gegenüber. Unter „Hoffnung“ sieht der Besucher das bekannte Selfie der Kanzlerin mit einem Migranten, unter Hass jene Gestalten, die mit solchen Momenten gar nichts anfangen können. Die Ausstellung ist bis zum 31. Oktober zu sehen.

Zur Eröffnung ist der stellvertretende Bürgermeister Jens Kamieth gekommen. Zum Vortrag über die Geschichte der Volkshochschulen im Allgemeinen, mit kleinen Schlenkern speziell zur Siegener VHS, ist er nicht mehr anwesend. Auch viele Ratsvertreter sind da schon wieder gegangen. Sie verpassen einen informativen und unterhaltsamen Abriss von Dr. Donatella Chiancone–Schneider, die launig durch die vergangenen 100 Jahre führt und dabei deutlich macht, dass die Ursprünge der VHS weiter zurückreichen, bis ins Jahr 1896. Allerdings sei es durch die Verankerung der Volksbildung in der Weimarer Verfassung zu einem ersten Schub 1919 gekommen, mit der Gründung von 150 Volkshochschulen. Die in Siegen wohlbekannte Kunst- und Filmhistorikerin betont die große Freiheit und Gleichheit in den Artikeln der damaligen Verfassung und auch, wie stark der Einfluss der Frauen von Beginn an gewesen sei. Ein weiteres Thema ist die Schließung der Schulen in der NS-Zeit, beziehungsweise die Umwandlung in völkisch orientierte Einrichtungen. Wie auch schon im Kaiserreich Schulen für erwiesene Deutsche freigehalten werden sollten, während in der Weimarer Zeit die Öffnung für alle angestrebt wurde. Dr. Donatella Chiancone–Schneider beschreibt die Unterschiede, die nach 1945 in den beiden deutschen Staaten gemacht wurden und die Wiederzusammenführung nach dem Mauerfall.

Für Siegen geht sie kurz auf die Geschichte des heutigen Krönchencenters ein, berichtet über die Gründung in Siegen als „Vaterländische VHS“ und geht dann weitgehend zur Geschichte nach der Wiedereröffnung 1948 ein. Was Traute Fries ein wenig ärgert, die im Vorfeld eigens zahlreiche seltene Unterlagen aus den Beständen ihres Vaters eingereicht hatte, der nach dem Großen Krieg 14/18 ein fleißiger Besucher der VHS gewesen sei.

Hobby-Autoren treten auf

Zum Abschluss gibt es noch ein Experiment. „Raus aus der Schublade!“ hieß das Angebot an alle interessierten Hobby-Autoren, Geschichten und Erzählungen vor einem kleinen Publikum vorzutragen, vorgestellt und moderiert von Olaf neopan Schwanke. Der Siegener Künstler ist der VHS selbst seit vielen Jahren verbunden, lobt die Teilnehmer und wirbt bei seiner Chefin Anke Homfeld mehrfach für neue Schreibwerkstätten im Katalog. „Sechs bis acht haben sich angemeldet. Wir brauchten ja etwas Sicherheit“, hatte die vor der Lesung berichtet. Am Ende sind es sogar neun, die sich trauen, darunter VHS-Mitarbeiterin Ursula Adler und ihre Schülerin Andrea Ade, sowie Kevin Rudek ein Student, der Gedichte schreibt und zur Ukulele eine selbstübersetzte deutsche Fassung von Tom Waits’ „Flowers Grave“ singt, den Altersdurchschnitt des Abends doch noch ein wenig senken kann. Drumherum gibt es auch Musik, vom Duo „Windwood“, das an diesem Abend für einen anderen Künstler einspringt und einen internationalen Gast dabei hat, die Japanerin Yusuki Ueda.

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