Schule

Siegen: „D.E.IN.E Schule“ in den Startlöchern

Treffpunkt Oase: Tobias Leßner, Sabrina Spickermann, Jessica Helmke und Alina Schulte-Buskase (von links) planen „D.E.IN.E Schule

Treffpunkt Oase: Tobias Leßner, Sabrina Spickermann, Jessica Helmke und Alina Schulte-Buskase (von links) planen „D.E.IN.E Schule

Foto: Steffen Schwab / WP

Siegen.  Eine freie und demokratische Schule, in der Kinder selbst bestimmen: Als Studierende haben sie davon geträumt – jetzt wird daraus Wirklichkeit.

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Mittwochs nachmittags ist die Oase Werkstatt für Kinder und nicht für angehende Grundschullehrer, die dort „Offene Arbeits- und Sozialformen entwickeln“. Mittwochs nachmittags tummeln sich um die 20 Kinder an den Tischen, holen sich Materialien aus den Regalen, musizieren oder experimentieren. Lassen eine Büroklammer auf Spüli-Wasser schwimmen, zaubern Wolken mit Eiswürfeln und heißem Wasser. Die Studierenden sind Lernbegleiter.

„Die sind oft enttäuscht, dass sie gar nicht so gebraucht werden“, berichtet Alina Schulte-Buskase, wissenschaftliche Mitarbeiterin der Oase, „die Kinder machen vieles untereinander klar.“ Die Lehrerinnen und Lehrer – beziehungsweise in der Oase die, die den Beruf gerade studieren – machen Angebote, geben Hinweise, haben Ideen. „Genauso sollte es an der Schule laufen“, sagt Tobias Leßner. Der studierte Grundschullehrer arbeitet an der Uni und gehört zu den Initiatoren von „D.E.IN.E Schule Siegen“.

Was ist das?

Die Abkürzung steht für „Demokratie erleben – Inklusion entwickeln“. Wer einfach „Deine Schule“ liest, liegt auch nicht falsch: Die freie und demokratische Schule ist die Schule der Kinder, die selbst bestimmen, wann, wie und was sie lernen. „D.E.IN.E Schule Siegen“ soll bald, vielleicht im Sommer 2021, an den Start gehen. Das Team ist im Gespräch mit der Bezirksregierung und der Stadt. Auch der Arbeitskreis Schulentwicklung des städtischen Schulausschusses hat sich das Konzept bereits vorstellen lassen.

Wer macht das?

„Es fing eigentlich mit einem Seminar an“, berichtet Tobias Leßner über das Jahr 2015. „Das war das erste Mal, dass wir mit einer anderen Art von offenen Schule in Kontakt gekommen sind.“ Die Seminargruppe bleibt dran, besucht die weit entfernten demokratischen Schulen, veranstaltet Vorträge. Nach zwei Jahren kommt die Idee auf den Tisch, selbst so eine Schule aufzumachen. 2018 finden die ersten Schulgründungsstammtische statt. Mit jungen Lehrern wie Tobias Leßner und Jessica Helmke, die selbst schon Mutter von zwei Kindern ist und derzeit als Vertretungslehrerin arbeitet. Und mit Eltern wie Sabrina Spickermann, die zwei Jungs hat, zwei und dreieinhalb, „die hoffentlich auf diese Schule gehen werden“. „Es kommen immer mehr Menschen auf uns zu“, sagt Tobias Leßner, „ohne dass wir viel Werbung machen müssten.“ Zehn Mitglieder hat der im April gegründete Förderverein zurzeit, weitere zehn bis 20 Interessierte schließen sich an.

Worauf lassen sich Kinder und ihre Eltern ein?

Vielleicht, ahnt Sabrina Spickermann, ist die Herausforderung sogar für die Eltern am größten. „Sie müssen Vertrauen haben.“ In ihre Kinder und deren Lehrer. Dass sie gut lernen, auch wenn sie dabei eigene Wege gehen. „Als Eltern wird man dann schon mal nervös.“ Weil es keine Noten, keinen Vergleich, keinen Wettbewerb gibt. „Noten haben überhaupt keinen Nutzen“, stellt Tobias Leßner klar, „man gaukelt Vergleichbarkeit vor. Auch 1en sind langfristig nicht motivierend.“ Nur das Lernen selbst. Wobei Selbstständigkeit natürlich begleitet wird, wie Tobias Leßner betont: „Kein Kind wird allein gelassen.“ Jessica Helmke: „Die Kinder kommen und wollen lernen.“ Dass die Motivation bleibt und die Lust nicht verloren geht – das ist der Anspruch der freien Schule: „Es liegt an den Lernbegleitern, zusammen mit den Kindern zu schauen, welche Ziele als nächste erreicht werden sollen.“

Für wen ist so eine Schule richtig?

Das kommt auf das Kind an. „Wir wollen jedem den Schulbesuch ermöglichen“, betont Tobias Leßner. Das Schulgeld, das die „private Ersatzschule“ zwangsläufig erheben muss, weil der Staat nicht 100 Prozent der Kosten trägt, wird kein Hindernis sein. Die Eltern müssen das freie Konzept mittragen, die Offenheit auch zwischen den Jahrgängen – denn Jahrgangsklassen gibt es an „Deiner“ Schule nicht. Wer seine Kinder hierhin schickt, sagt Jessica Helmke, „will Kinder haben, die selbstständig denken und eigenverantwortlich handeln“. Und natürlich kann es sein, dass die klassische Grundschule um die Ecke sich als die bessere Alternative herausstellt. Auch weil der kürzere Schulweg wichtiger ist. Oder die Klassengemeinschaft mit den Freundinnen und Freunden aus der Nachbarschaft. „Inklusion“ trägt die Schule schon im Namen. „Da sind wir vielleicht eine Alternative“, sagt Tobias Leßner, „wir haben einen weiten Inklusionsbegriff – jedes Kind ist anders.“

Wie lange kann ein Kind „D.E.IN.E Schule Siegen“ besuchen?

Das wird das neue Angebot von allen anderen im Kreisgebiet unterscheiden: Die Schule umfasst Primar- und Sekundarstufe, also die Klassen 1 bis 10. „Für die Kinder ist eine Schulkarriere ohne Bruch besser“, sagt Tobias Leßner. Was nicht ausschließt, dass es trotzdem Übergänge gibt: wenn die Familie umzieht oder nach der 4. Klasse doch ein Wechsel zu einer kommunalen Schule gewünscht wird. Ein solcher Umstieg wird dann vorbereitet. „Wichtig ist, dass das frühzeitig feststeht.“ Den Abschluss nach der 10. Klasse werden die Jugendlichen in einer externen Prüfung erlangen, nachdem sie sich in ihrer Schule darauf vorbereitet haben. Dann rückt zwangsläufig der Stoff des klassischen Lehrplans in den Vordergrund – allerdings selbstgewählt. Tobias Leßner: „Die Kinder verstehen, wofür man einen Abschluss braucht.“ Auch für den Übergang in eine gymnasiale Oberstufe werden die Schülerinnen und Schüler sich auf den Wissensstand der Gleichaltrigen von anderen Schulen bringen können. Denn das Abi an „Deiner“ Schule ist noch kein Thema.

Wo?

Die Initiative sieht sich um, prüft Alternativen, hat sich noch nicht entschieden. Im Siegener Stadtgebiet soll die neue Schule sein. Zentral gelegen, aber auch naturnah mit einem guten Außengelände. Und viel Platz sollen die 80 bis 100 Kinder und Jugendlichen auch haben. Kompromisse werden nicht auszuschließen sein, räumt Tobias Leßner ein. „Den idealen Standort gibt es nicht.“ Die Schule wird klein sein, jeder wird jeden kennen. „Ein zweites Zuhause.“ Wie – für die angehenden Lehrkräfte – die Oase an der Uni.

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