Nahverkehr

Ausfälle und Verspätungen: Warum es in Siegen beim ÖPNV hakt

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Fahrgäste warten am Siegener ZOB auf den Bus. Der Anteil der verspäteten und ausgefallenen Fahrten im ÖPNV hat zugenommen.

Fahrgäste warten am Siegener ZOB auf den Bus. Der Anteil der verspäteten und ausgefallenen Fahrten im ÖPNV hat zugenommen.

Foto: Hendrik Schulz / WP

Siegen-Wittgenstein.  Es gibt eine Reihe an Gründen, warum die Qualität des Nahverkehrsgelitten hat. Und dann sind da noch die Energiepreise. Doch es gibt Hoffnung.

Es ist nicht gut bestellt um den öffentlichen Nahverkehr in Siegen-Wittgenstein. Busse und Züge fahren verspätet, so viele Fahrten wie selten zuvor fallen ganz aus. „Über gute Qualität zu berichten ist im Moment schwierig“, räumt Markus Stirnberg, Abteilungsleiter beim Nahverkehr Westfalen-Lippe (NWL), ein. Und auch Stefan Wied, Geschäftsführer des für den Busverkehr zuständigen Zweckverbandes Personennahverkehr Westfalen-Süd (ZWS), spricht von „extremen Ausschlägen“. Die Verbandsversammlung des ZWS hat sich jetzt mit der Situation befasst.

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Das Bus- und Bahn-Problem

Nur 87,4 Prozent der Busse in Siegen-Wittgenstein waren im August pünktlich, damit wird das Ziel von 90 Prozent verfehlt. Der Anteil der Fahrten, die ganz ausfallen, stieg auf fünf Prozent – bisher waren es im Jahresschnitt 2,1 Prozent, im Nachbarkreis sogar nur 0,8 Prozent. Unter den fünf Prozent Ausfällen, im Schnitt täglich um die 100 Fahrten, sind mit einem Anteil von 1,8 Prozent Krankmeldungen, vor allem wegen Corona, verzeichnet. Die Verspätungen werden vor allem an den Omnibusbahnhöfen in Siegen, Weidenau und Kreuztal gemessen – „nachvollziehbar“, sagt Stefan Wied, angesichts der Großbaustellen im Verlauf der von Siegen nach Littfeld fahrenden Hauptlinie R 10.

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Von einer „unseligen Kombination“ spricht Markus Stirnberg beim Blick auf den Bahnverkehr: Die Züge sind kürzer, weil in den Werkstätten Personal für die Wartung fehlt. Sie waren, bis Ende August, voller wegen des 9-Euro-Tickets – deshalb dauerten die Aufenthalte an den Stationen zum Ein- und Aussteigen länger, so dass Verspätungen entstanden. Und schließlich fallen Züge aus, weil die Triebwagenführer krank oder gar nicht vorhanden sind. „Extreme Nachfragespitzen“ habe es vor allem beim RE 9 nach Köln gegeben, aber auch der RE 99 nach Frankfurt „war bis unters Dach voll“.

Das Intercity-Problem

Im September gehe die Zahl der Fahrgäste, nun ohne 9-Euro-Ticket, zurück. „Aber insgesamt bleibt die Situation höchst angespannt.“ Dazu trägt auch der Intercity bei, der alle zwei Stunden anstelle des Regionalexpress 16 fährt und auch Nahverkehrs-Fahrgäste mitnimmt. Nur 55,8 Prozent aller Züge des IC von Frankfurt nach Dortmund und zurück kommen pünktlich in Siegen an, 7,4 Prozent überhaupt nicht – weil sie entweder ganz ausfallen oder am Siegener Hauptbahnhof vorbeigeleitet werden. Das, so Markus Stirnberg, habe Folgen für alle Regionalzüge auf den Strecken. Nadelöhr ist der eingleisige Giersbergtunnel, vor dem die anderen Züge den IC abwarten müssen. Ärgerlich für wartende Fahrgäste am Siegener Hauptbahnhof: Dort wird nicht angezeigt, wenn der IC nur in Weidenau hält. „Das ist immer eine relativ kurzfristige Entscheidung“, erklärt Markus Stirnberg, „dafür sind unsere Anzeigesysteme nicht schnell genug.“ Wären sie es, hätten Fahrgäste noch die Chance, mit einem Regionalzug nach Weidenau zu fahren und dort umzusteigen.

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„Von einem Fahrplan kann man überhaupt nicht mehr reden, höchstens von einem unverbindlichen Vorschlag“, kommentiert Bernd Banschkus (SPD) die Darstellung des IC-Verkehrs. „Akzeptieren kann man das nicht“, stellt Horst-Günter Linde (UWG) fest. „Die Akzeptanz ist schnell dahin“, fürchtet Anke Flender (SPD) um die lange herbeigewünschte Fernverkehrsverbindung, die im Dezember 2021 an den Start ging, „ein Shitstorm folgt dem anderen. Da muss etwas passieren."

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„Wir haben kaum Einflussmöglichkeiten“, erwidert NWL-Abteilungsleiter Markus Stirnberg. Der Intercity fahre nicht im Auftrag des NWL, sondern sei ein Angebot, das die Deutsche Bahn auf eigene Rechnung macht. Nur einen finanziellen Hebel gibt es: die Ausgleichszahlungen, die der NWL an die DB dafür überweist, dass auch Fahrgäste mit Nahverkehrstickets – neuerdings bis Dortmund – mitfahren dürfen. Die Akzeptanz-Delle konnte bereits beobachtet werden: Während sich in den Regionalzügen die Fahrgäste mit 9-Euro-Tickets drängten, waren in den ICs immer noch Plätze frei.

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Das Finanz-Problem

„Deutlich verschlechtert“ habe sich die Finanzlage für den Nahverkehr, berichtet Markus Stirnberg. Vor allem durch die erhöhten Energiekosten werde das bis 2033 zu erwartende Defizit des NWL von 500 auf 900 Millionen Euro steigen. Derzeit reiche das Budget „noch nicht einmal für das komplette Fahrplanjahr 2023“. Kürzungen des Zugangebotes seien nicht ausgeschlossen, „es gibt Abbestellszenarien.“ Allerdings: Weil das Problem bundesweit bestehe, sei zu erwarten, dass der Bund sich finanziell engagiere. „Wer die Mobilitätswende will, muss Geld in den öffentlichen Nahverkehr stecken“, sagt Michael Sittler (SPD). Das „Abbestellen“ von Zügen „kann keine Lösung sein“.

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