Besucherbergwerk

Siegen: So fühlt sich ein versteinertes Meer für Blinde an

Ashraff Salem im Besucherbergwerk des Siegerlandmuseums: „Es fühlt sich feuchter an“, sagt er über das versteinerte Sediment.

Ashraff Salem im Besucherbergwerk des Siegerlandmuseums: „Es fühlt sich feuchter an“, sagt er über das versteinerte Sediment.

Foto: Hendrik Schulz

Siegen.  Vor 400 Millionen Jahren, im „Siegenium“, ein Abschnitt des Devon, war über Siegen ein Ozean. Und der kann im Siegerlandmuseum ertastet werden.

Fachsimpelnd dringen sie mit jeder Stufe Millionen Jahre weiter vor in die Erdgeschichte. Zehn Millionen Jahre pro Schritt, jede Handbreit ein Stück weiter in die Vergangenheit. „Gab es hier noch Dinos?“, fragt Ashraff Salem. Bernd Rabanus bejaht, auf Stufe 25, vor 250 Millionen Jahren, begann die Ära der Dinosaurier. Salem, von Geburt an blind, interessiert sich für die Erdgeschichte – unter anderem. Im Siegerlandmuseum kann er sie ertasten, buchstäblich.

Bernd Rabanus ist Mitglied im Förderverein des Siegerlandmuseums. Er ist der Mann, der Siegen das Planetenmodell auf der Schemscheid geschenkt hat, die Sternbilder auf der Himmelstreppe zur Oberstadt, die Städtewappen am großen Krebs im Schlosspark. Sein jüngstes Projekt ist gerade fertig geworden: Bronzetäfelchen auf jeder der 37 Stufen hinab in das Besucherbergwerk im Siegberg erläutern das Erdzeitalter, in dem diese Schicht entstanden ist. Kreide, Jura, Trias, Perm, Karbon, schließlich das Devon. 2016, zum 111. Geburtstag des Siegerlandmuseums, hat Rabanus zusammen mit Förderverein und Museumsleitung begonnen, die Bronzetäfelchen zu beschaffen und anzubringen, „die gibt es nicht im Supermarkt“, sagt er.

Bronzetäfelchen-Projekt fertiggestellt

Die Reise in die Vergangenheit beginnt im Heute und endet auf der letzten Stufe vor etwa 400 Millionen Jahren – lediglich ein Zwölftel des gesamten Erdalters, merkt Rabanus an. Zu dieser Zeit war das Siegerland bedeckt von einem Ozean. Sedimente lagerten sich ab, verdichteten sich, wurden zu Gestein, das sich durch Bewegungen der Erdkruste auffaltete. Bis dahin will sich Ashraff Salem vortasten. Er arbeitet im Dunkelcafé an der Kölner Straße und bewirtet dort in vollkommener Dunkelheit die Gäste.

Die Stufen sind uneinheitlich, mal schmaler, mal breiter, an vielen Stellen kann man sich den Kopf stoßen, aber er spürt das alles und plaudert, während sie sich Stufe für Stufe in der Geschichte zurückbewegen, mit Bernd Rabanus über den Meteoriteneinschlag auf Yucatan, der die Dino-Ära beendete, über Trilobiten und Lungenfische.

Vorliebe für Herausforderungen

Ganz unten kann Ashraff Salem das versteinerte Meer aus dem Devon fühlen. Die leicht sandige Oberfläche des Felsens, die schichtweise Ablagerung. „Es fühlt sich feuchter an“, sagt er, das kann er auch durch die Maske riechen. „Ich habe keinen anderen Tastsinn als sehende Menschen“, erklärt er und streicht langsam über die schroffe Felsoberfläche. „Ich konzentriere mich nur stärker darauf.“

Bernd Rabanus wünscht sich, dass die Siegener ihr Museum mehr wertschätzen und öfter besuchen. Als Mitglied des Fördervereins hat er eine Jahreskarte – 50 Euro für Privatpersonen, 180 Euro für Firmen – und kann bei jedem Besuch jemanden mitnehmen. Heute ist das Ashraff Salem. Die beiden sind Nachbarn, irgendwann unterhielten sie sich und stellten fest, dass sie sich beide für Erdgeschichte interessieren. Bernd Rabanus schlug vor, Salem mitzunehmen in die Tiefen des Siegbergs. Das war genau in dessen Sinne. Vergangenes Jahr ist er zum Beispiel auf die große Mauer in China gestiegen, erzählt er, er bewältige gerne Herausforderungen.

Siegener fürs Museum begeistern

Bernd Rabanus will alle Nachbarn, die rund um das Obere Schloss wohnen, ansprechen und sie mitnehmen ins Siegerlandmuseum. Es sei wie ein wunderschöner Flohmarkt, sagt er: „Jeder kann hier etwas finden.“ Einen solchen „unglaublichen Schatz“ gebe es nirgendwo anders: Ein Besucherbergwerk tief im Berg – und oben hängen die alten Meister. Hätte Rabanus ihn nicht angesprochen, wäre er vermutlich nicht ins Siegerlandmuseum gegangen, gibt Ashraff Salem zu, „ich hätte das so gar nicht gewusst“.

Bernd Rabanus hat noch viele Ideen, wie er die Siegener in „ihr“ Museum locken kann. Vor allem Kinder. Unten, auf Stufe 37 gibt es einen „Überbruch“ – ein Luftschacht in der Sprache der Bergleute. In dieser Nische könnte ein Dinosaurierpaar brüten, hat sich Rabanus überlegt: Dinos begeistern schließlich nicht nur Ashraff Salem, sondern eben vor allem Kinder, die dann hoffentlich ihre Freunde, Eltern und Großeltern mit ins Museum bringen.

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