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Siegen-Wittgenstein ist deutscher Durchschnitt

Erstklassiger Durchschnitt

Erstklassiger Durchschnitt

Foto: WP

Siegen-Wittgenstein.   Siegen-Wittgenstein ist der durchschnittlichste Landkreis Deutschlands. Zumindest wenn man die Ergebnisse des Forschungsinstituts Prognos betrachtet. Die Schweizer haben alle 402 Städte und Kreise in Deutschland abgeklopft. Gemoje, Herr Mustermann!

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Durchschnitt. Keine Ausreißer nach oben oder nach unten. Alles im grauen Bereich. Siegen-Wittgenstein ist der durchschnittlichste Landkreis in Deutschland. Hier wohnen laut Handelsblatt Herr und Frau Mustermann. Die Zeitung hat die Studie beim Prognos-Institut in Auftrag gegeben. Siegen-Wittgenstein liegt dort auf Platz 202 vom 402 Landkreisen und kreisfreien Städten.

Blick in die Glaskugel

Das Institut füttert seine Rechner mit Zahlen aus 29 Faktoren: Arbeitslosenquote, Schulabbrecherquote, Kriminalitätsrate, Vermögen, Kauf- und Innovationskraft. Mit den Ergebnissen malt Prognos ein Zukunftsbild der Regionen. Doch dem Blick in die Glaskugel misstraut Landrat Paul Breuer. „Die haben schon in den 80er Jahren den Untergang unserer Region vorhergesagt.“ Er sieht das Ranking eher gelassen. „Wenn es nach Prognos gegangen wäre, wären wir heute schon pleite.“

Damals habe das Berner Forschungsinstitut die schillernde Zukunft im Dienstleistungssektor gesehen, auf die hoch technisierte und anpassungsfähige Metallindustrie in Siegen-Wittgenstein hätte es keinen Franken gesetzt. Breuer hält es eher mit den Worten von Mark Twain: Prognosen sind schwierig, besonders wenn sie die Zukunft betreffen.

„Herr Breuer, auf welchem Rankingplatz sehen Sie denn die Region?“ „Das ist mir egal. Wir haben hier gute Zukunftsaussichten, weil hier Menschen leben, die die Ärmel hochkrempeln, aber sich natürlich auch stets bewusst machen, wo sie stehen.“

Mittelklasse. Die Prognos-Studie gibt das Handelsblatt in Auftrag. Wald, weite Wege, wilde Wisente, Weltmarktführer weit draußen. Das alles schreibt die freie Journalistin Désirée Linde in einem Artikel für die Zeitung auf. In dem auch Norbert Dickel etwas sagen darf, der wie die Autorin selbst aus Wittgenstein stammt. Siegen-Wittgenstein kommt zwischen den Zeilen unterdurchschnittlich weg.

Mittelstand. Ein Blick in die Nachbarschaft zeigt jedoch, dass Siegen-Wittgenstein sich in unterdurchschnittlicher Gesellschaft befindet. Marburg-Biedenkopf liegt bei Prognos auf Platz 216, Olpe auf 228, Lahn-Dill auf 230, das Hochsauerland auf 273, Altenkirchen auf 290 und Waldeck-Frankenberg gar auf Platz 314. Besser als in Siegen-Wittgenstein sieht es nur im Westerwaldkreis aus: Platz 192. Und innerhalb der fünf südwestfälischen Kreise? Da liegt nur Soest weiter vorn auf 182.

„Besonderheiten werden in der Studie nivelliert. Individuelle Stärken finden keine Beachtung“, kritisiert Hubertus Winterberg. Seine Südwestfalenagentur schreibt sich das Regional-Marketing auf die Fahnen, wirbt für die 147 Weltmarktführer und die Tatsache, dass unsere Mittelständler viel besser Krisen bewältigen als Konzerne. „Wir wissen was wir können und wo die Herausforderungen liegen“, so Winterberg.

Versuchskaninchen

Musterkreis. Die Gemeinde Haßloch in der Pfalz ist so durchschnittlich, dass Marktforscher ihre Neuheiten an deren Bürgern testet. Sie bekommen eigene Fernsehwerbespots ins Programm gestreut und in den Supermärkten gibt es Produkte, die es sonst nirgendwo in Deutschland gibt. Klingt nach Versuchskaninchen, dafür darf man neue Schokoladen und Biersorten probieren. Auch das Siegerland galt zum Beispiel in Musikerkreisen als derart wertvoll durchschnittlich, dass einige Bands in den 80er und 90er Jahren ihre ersten Auftritte in die Siegerlandhalle verlegten. Bei den so genannten Pre-Starts testeten die Bands, z.B. die Bläck Föös, Bühnenbild und Show aus. Denn es war klar, wenn Herr Büdenbender klatscht, klatscht Deutschland.

Durchschnittslandrat?

Mittelmaß. Irgendwie klingt es eben doch negativ. Es klingt nach „Da ist noch viel Luft nach oben.“ Aber alles könnte auch viel schlimmer sein. In Stendal zum Beispiel – mit Rang 401 möchte nun wirklich keiner tauschen. Und Landrat des durchschnittlichsten Kreises Deutschlands zu sein, könnte man ja auch positiv deuten: es hieße, dass ihn auch Herr und Frau Mustermann wählen würden. Der Durchschnittslandrat. Nur, dass die Wähler nicht Mustermann oder Otto Normal Verbraucher, sondern Fräulein Irle und Herr Büdenbender hießen. „Hier leben keine Durchschnittsmenschen! Die Menschen hier sind überdurchschnittlich engagiert“, sagt Paul Breuer mit überdurchschnittlicher Inbrunst.

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