Serie Handwerk

Siegener baut Concertinas und verkauft sie in die ganze Welt

Concertinas bestehen aus etwa 1000 teils winzigen Einzelteilen. Sie werden mit Spezialmaschinen hergestellt und mit feinstem Werkzeug zusammengebaut.

Concertinas bestehen aus etwa 1000 teils winzigen Einzelteilen. Sie werden mit Spezialmaschinen hergestellt und mit feinstem Werkzeug zusammengebaut.

Foto: Wolfgang Leipold

Sohlbach.   Jürgen Suttner baut Concertinas und verkauft sie nach Australien, Japan, USA. Die meisten gehen nach Irland, einige bleiben auch in Deutschland.

Harry Belafonte hat sie einst besungen: Angelina, die auf einer Concertina spielt. Und mancher Musikfreund wird sich schon gefragt haben, welches Instrument Belafonte da eigentlich meint. Der Siegener Jürgen Suttner weiß es genau. Denn er baut sie.

Dazu braucht er gute Augen. Sehr gute, denn die Concertinas, die er herstellt, bestehen aus etwa 1000 teils winzig kleinen Teilen, die er mit Spezialmaschinen herstellt und mit feinstem Werkzeug zusammenbaut. Über 900 dieser Instrumente hat er schon angefertigt und in jedes ist eine Zahl eingraviert. Aktuell arbeitet Jürgen Suttner an der Nummer 936. Concertinas sind kleine, 1826 erstmals in England gebaute Handharmonikas, die sowohl äußerlich wie klanglich eher einem Bandoneon (ebenfalls ein Handzuginstrument) als einem Akkordeon ähneln.

Instrument zerlegt

Mitte der 1970er Jahre, bei einer Reise nach Irland, begegnete Jürgen Suttner diesem Instrument, das aus der „Irish Music“ nicht wegzudenken ist und ihn sowohl faszinierte wie infizierte. Er kaufte sich eins, und zwar in England, denn in Irland (Suttner: „Damals eins der letzten Dritte-Welt-Länder Europas“) wurden keine hergestellt. In England haben Concertinas eine große Tradition, etwa in der Musik der Arbeiter und auch der Heilsarmee. In die Spielkunst dieses Instruments hat sich Jürgen Suttner, der damals in der Schlosserei seiner Familie arbeitete, „reingefuddelt“, wie er seine Lernfortschritte als bodenständiger Siegerländer beschreibt. Gemeinsam mit Studenten aus der sozialistischen Szene gab er kleinere Konzerte; in Marburg, Gießen und natürlich im Siegener Folk-Club St. Michael an der Kampenstraße. Aber ihn interessierte auch das Innenleben des Instruments. So baute er seine Concertina auseinander, lernte dabei deren filigrane Technik kennen.

Um 1980 gab Jürgen Suttner seine Arbeit in der Schlosserei auf, ebenso sein kommunalpolitisches Engagement. Er saß nämlich einige Jahre lang für die Grünen im Siegener Stadtrat, war unter anderem Vorsitzender im Stadtentwicklungsausschuss gewesen. Sein Fazit: „Viele Ideen, wenig umgesetzt.“

Hochpräzise Arbeit

Seine Idee, besonders hochwertige Concertinas zu bauen, setzte er jedoch um – und hatte 1983 seinen ersten Kunden. Inzwischen hat er einige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Eine hat in Klingenthal – zu DDR-Zeiten „Mekka“ des Akkordeonbaus – von der Pike auf den Beruf des „Handzuginstrumenten-Machers“ gelernt. Zeitintensive, hochpräzise Arbeit hat ihren Preis: Da wird schon einmal ein Betrag erreicht, von dem man auch einen Kleinwagen kaufen könnte. Aber jede Concertina ist ihr Geld wert. Denn es dauert viele Wochen, bis die Bälge, die Tastatur und das Gehäuse hergestellt und montiert sind. Jürgen Suttner arbeitet nur auf Bestellung. Die aktuelle Wartezeit zwischen Order und Baubeginn beträgt etwa ein Jahr.

Von den 63 Instrumenten, die im letzten Jahr Suttners Werkstatt verließen, gingen knapp 80 Prozent nach Irland. Dem Land, in dem er sich vor über 40 Jahren in Concertinas verliebte und das er mindestens zweimal im Jahr bereist. Um dort auf Festivals seine Instrumente zu präsentieren und Land, Leute und Irish Music zu genießen.

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