Geschichte

Siegener bestimmen Erinnerungsorte

Auch ein Ankerpunkt: die  HTS.

Auch ein Ankerpunkt: die HTS.

Foto: Hendrik Schulz

Siegen.   In einem 3-D-Modell werden Erinnerungsorte sichtbar gemacht: Was da am Oberen Schloss präsentiert wird, bestimmen die Siegener selbst.

Irgendwie sind wir alle das Obere Schloss. Die identitätsstiftende Wirkung von Orten ist eine tragende Säule im Projekt „Zeit.Raum Siegen“, in dem Universität und Siegerlandmuseum neue Weg beschreiten wollen, um Geschichte zu vermitteln. Im Kern steht das Konzept der so genannten Erinnerungsorte: Plätze, Begriffe, Namen, die im kollektiven Bewusstsein der Siegener eine prägende Rolle spielen.

H istorische Zahlen, Daten und Fakten sind in der Geschichts-Vermittlung wichtig. Aber der Ansatz des Zeitraum-Projekts „macht den Leuten auch klar, dass sie selbst ein Teil von Geschichte sind – auch die Menschen, die nicht an den Schaltstellen sitzen“, sagt Prof. Bärbel Kuhn, Inhaberin des Lehrstuhls Didaktik der Geschichte. Die Uni Siegen ist mit mehreren Bereichen an dem Vorhaben beteiligt. Der Blick auf Geschichte erweitere sich inzwischen um eine zusätzliche Perspektive, „weg von den großen Männern und Frauen, hin zur Alltagskultur“, erläutert Matthias Opitz. Der Wissenschaftliche Mitarbeiter von Prof. Kuhn ist maßgeblich für das Projekt zuständig und schreibt in diesem Rahmen seine Dissertation.

I ns tägliche Leben der „einfachen“ Bevölkerung möchten Geschichtsforscher und Archäologen seit jeher Einblicke gewinnen. Die Erinnerungsorte, basierend auf Arbeiten des französichen Historikers Pierre Nora aus den 1980er Jahren, nehmen aber außer materiellen und streng sachlichen Aspekten eine emotionale und ideelle Dimension hinzu. Erinnerungsorte sind „Anknüpfungs- oder Ankerpunkte von kollektiven Erinnerungen“, sagt Opitz. Diese Definition macht plausibel, wieso „Ort“ hier ein sehr weit gefasster Begriff ist: Es geht nicht nur um geografische Plätze, sondern auch um Personen, Ereignisse, Traditionen.

S iegener Erinnerungsorte hat Opitz bereits für seine Staatsarbeit ermittelt, im Gespräch mit Vereinen und Gruppen unterschiedlichen Alters: Genannt wurden Unteres und Oberes Schloss, die Nikolaikirche, die HTS, der Monte Schlacko; Persönlichkeiten wie Walter Krämer, und Hilde Fiedler; auch Siegerländer Platt oder Backesfest, Geschäfte wie Daub oder Reichwalds. Die kollektive Erinnerung an diese „Orte“, ihre Bedeutung und die damit verbundenen Gefühle sind das, was Menschen miteinander verbindet. Das funktioniert, wie Kuhn erklärt, sowohl zur Empfindung von Gemeinsamkeit innerhalb einer Gruppe, als auch zur Abgrenzung gegen andere, die diese Erinnerungsorte nicht haben.

T eilweise variiert dabei die Bedeutung je nach Alter oder spezifischer Gruppenzugehörigkeit erheblich. Beispiel: Jüngeren Leute ist der Schlosspark vielleicht eher wegen mit Freunden verbrachter Zeit auf der Wiese präsent, ältere verknüpfen ihn vielleicht eher mit Konzerten am Pavillon. Im Gespräch mit einem Heimatverein, sagt Opitz, habe sich die Haubergsordnung von 1592 als Erinnerungsort erwiesen, also etwas sehr Spezielles. Das Konzept stützt sich immer darauf, dass keine individuelle und einzelne Erinnerung den jeweiligen Ort hervorhebt, sondern eine kollektive, die zumindest eine größere Gruppe teilt. Und Erinnerungsorte verschieben sich im Lauf der Zeit: Für viele ältere Menschen sei die Bombardierung Siegens ein Erinnerungsort, für jüngere nicht so sehr.

O ffenheit ist eine Grundbedingung für das Vorgehen, betont Kuhn. Die Erinnerungsorte sollen mit dem 3D-Modell der Stadt verknüpft werden, das im Fab Lab (Fabrication Laboratoy) der Uni Siegen mittels diverser 3D-Druckverfahren erstellt und dann im Siegerlandmuseum aufgebaut wird. Museumsbesucher können hier Punkte in der Stadt anklicken und dazu eben nicht nur nüchterne Daten und Fakten auf Displays anzeigen lassen, sondern auch „die erinnerungskulturelle Debatte“, so Opitz. Die an eine Datenbank gekoppelte Plattform ist auf Austausch und Diskussion angelegt: Nutzer können sich melden und zustimmen, widersprechen oder die Ausführungen erweitern.

R eine Berieselung mit Informationen weicht dabei dem interaktiven Angebot. „Die Leute sollen nicht einfach nur klicken“, sagt Kuhn. „Sie sollen sich selbst über ihre Stadt Gedanken machen, darüber, welche Orte ihnen wichtig sind.“

I deal fänden es die Experten, wenn sich nach Inbetriebnahme des Modells – möglicherweise schon Ende dieses oder Anfang kommenden Jahres – Menschen und Gruppen mit Ergänzungen melden. Die Fachleute geben zwar zunächst einige Erinnerungsorte vor, aber die Beiträge aus der Bevölkerung sind entscheidend wichtig. Ganz stark seien Schulen angesprochen. „Unsere Hoffnung ist, dass Lehrer das anbieten, um im Unterricht stärker mit ihrer Region zu arbeiten“, betont Prof. Bärbel Kuhn. „Und dass Schüler neue Motivation bekommen, sich regional einzubringen und für ihre Region zu interessieren.“

E iniges ist bis dahin noch zu tun. Das interdisziplinäre Projekt, erstmals im vergangenen Januar vorgestellt (wir berichteten), erfordert viel Koordination und konzeptionelle Arbeit. Das physische 3D-Modell muss so mit den Inhalten verknüpft werden, dass es möglichst einfach zu bedienen ist. Das fertige Ergebnis macht Geschichte dann schließlich auf neue Art erfahrbar. An einem besonderen Erinnerungsort der Siegener: im Oberen Schloss.

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Hintergrund

„Zeit.Raum Siegen“ ist ein gemeinsames Projekt des Siegerlandmuseums und der Uni Siegen.

Außer dem dem Lehrstuhl für Didaktik der Geschichte und dem Fab Lab sind Prof. Volkmar Pipek (Professur für Computerunterstützte Gruppenarbeit und Soziale Medien) und Prof. Monika Jarosch (Lehrstuhl für Geodäsie und Geoinformation) samt ihrer Teams beteiligt.

Der Verein der Freunde und Förderer des Siegerlandmuseums unterstützt das Projekt finanziell.

Das fertige 3D-Modell der Stadt soll in etwa Tischgröße haben und die realen Höhenverhältnisse zeigen. Auf das Modell sollen Informationen und Visualisierungen projeziert werden können.

Die Bedienung soll möglichst einfach sein, um keine Hürden aufzubauen. Denkbar wäre etwa Gestensteuerung.

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