Forschung

Siegener Medienwissenschaftler untersucht Twitter

Der Siegener Medienwissenschaftler Dr. Johannes Paßmann ist für seine Doktorarbeit dem Phänomen Twitter nachgegangen.

Foto: Uni Siegen

Der Siegener Medienwissenschaftler Dr. Johannes Paßmann ist für seine Doktorarbeit dem Phänomen Twitter nachgegangen.

Siegen.   Doktorarbeit über Twitter stößt auf mediales Interesse. Johannes Paßmann untersucht die soziale Verbundenheit durch die Vergabe von Herzchen.

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Donald Trump macht in wenigen Zeichen Politik und Mesut Özil entfacht eine Rassismus-Debatte. Twitter ist ein Phänomen, dessen sich der Siegener Medienwissenschaftler Dr. Johannes Paßmann angenommen hat. In „Die soziale Logik des Likes“ zeigt er auf, wie durchdrungen unsere Gesellschaft von Followern, Likes und Retweets ist.

Von der Dissertation zum Buch

Der Anfang seiner Doktorarbeit liest sich eher ungewöhnlich. „Ich habe schon längst einen Twitteraccount!“ Mit diesen Worten beginnt Paßmann sein Werk, das in aller Munde ist.

Im April erhielt der Medienwissenschaftler den „Preis der Universität Siegen für die Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses“. Inzwischen hat er seine Dissertation als Buch veröffentlicht. Ob FAZ, Die Zeit oder Neue Zürcher Zeitung, seine Erkenntnisse stoßen auch außerhalb der sozialen Netzwerke auf großes Interesse. Was auch daran liegen dürfte, dass sich viele Verhaltensweisen aus der Twittersphäre im alltäglichen Leben wiederfinden.

„Ich fand es unheimlich interessant, wie das Geben und Nehmen dieser Favs, Likes und Retweets funktioniert“, erläutert Paßmann. Er beobachtete und analysierte ab 2011 das Verhalten eines Teils der Community und reaktivierte seinen eigenen, ein wenig in Vergessenheit geratenen Account.

Da sich die sozialen Netzwerke und ihre Nutzergruppen schnell verändern, war es eine „intensive Zeit“, wie Paßmann berichtet. Vom Zuhause für viele Blogger und der Piratenpartei zum Kommunikationskanal für immer mehr Politiker, Journalisten und Unternehmen.

Paßmann hat sich bei der Suche nach Gründen für den Erfolg von Twitter auf eine spezielle Gemeinschaft konzentriert: die sogenannten Favstar-Twitterer, deren Ziel es ist, Tweets zu verfassen, die möglichst viele Likes erhalten sollen. „Entscheidend ist dabei, dass fast alle darauf erpicht sind, sich nicht zu sehr davon leiten zu lassen“, hat Paßmann festgestellt.

Die Suche nach Anerkennung, ohne danach zu gieren. Es klingt paradox, aber: „Erfolg auf Twitter bedeutet, sich von den Erfolgskriterien unabhängig zu machen.“

Likes als Erfolgmodell

Für seine Forschungen besuchte der Medienwissenschaftler auch Twitter-Treffen in verschiedenen Städten – und gewann aufschlussreiche Erkenntnisse. Ein wichtiger Punkt: Likes als Geschenke sind vage und deshalb ein Erfolgsmodell. Sobald man sich gegenüberstehe, gehe diese Vagheit verloren. „Die große Stärke der sozialen Medien besteht nicht darin, dass sie besonders gut Informationen übertragen, sondern dass so wenig gesagt wird, dass Likes uneindeutig sind und sich jeder seine eigene Version davon bilden kann.“

Letztendlich ist das Verteilen eines Herzchens unter einem Tweet eine freiwillige Gabe. Doch mit einem Geschenk wird stets sehr viel mehr gegeben als das Geschenk selbst, so eine Erkenntnis, die schon lange vor Twitter Bestand hatte. Der Beschenkte fühlt sich möglicherweise verpflichtet, sich zu revanchieren. Eine soziale Bindung entsteht.

Der Unterschied: Während Menschen in ihrem „normalen“ Umfeld nicht jedes Geschenk eines Fremden annehmen würden, haben Twitter und andere soziale Netzwerke diese kleinen Präsente zur Normalform gemacht.

Geplant war das nicht: „Vielmehr haben die Plattformen den Nutzerinnen und Nutzern einfach ermöglicht zu tun, was Menschen schon immer tun: Durch kleine Signale der Anerkennung baut man das Soziale auf“, erklärt Paßmann.

Revolution durch Alt und Neu

Interessant sei, wie die Geschenke funktionieren. Die Twitterer erhalten Anerkennung – und können diese in nackten Zahlen festhalten. Likes werden gezählt, verglichen und in Statistiken übertragen. Die alte Kulturtechnik des Gebens trifft auf die relativ neue Kulturtechnik der Verdatung. Der Erfolg von Twitter? „Diese Seiten zusammenzubringen war das Entscheidende.“

Paßmanns Dank gilt dabei auch der Universität Siegen, die die Bedeutung des Themas erkannt und ihn in der Forschungsphase unterstützt habe. „Man ist bereit, neue Wege zu gehen. Das ist toll.“

Mit der Veröffentlichung des Buchs ist das Thema Twitter für ihn nicht abgehakt. An der Forschungsstelle „Populäre Kulturen“ soll auf den Forschungsergebnissen aufgebaut werden.

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