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Siegener Politik diskutiert über die Person Alfred Fißmers

Die Fißmer-Anlage ist ein beliebter Platz in der Oberstadt. Alfred Fißmer war etwa für den Bunkerbau in Siegen verantwortlich.

Die Fißmer-Anlage ist ein beliebter Platz in der Oberstadt. Alfred Fißmer war etwa für den Bunkerbau in Siegen verantwortlich.

Foto: Hendrik Schulz

Siegen.   Sollte die Fißmer-Anlage in „Klubb“ umbenannt werden oder nicht? Der frühere Oberbürgermeister war eine zwiespältige Persönlichkeit.

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Siegen, wir müssen reden. Und zwar über Alfred Fißmer. War der frühere Oberbürgermeister ein Nazi, ein Unterstützer des Systems – oder insgeheim ein Regimegegner, der nach außen hin mitspielte und im Verborgenen gegen das Unrecht kämpfte? Oder irgendetwas dazwischen? Oder vielleicht sogar beides? Ein Bürgerantrag fordert, die Fißmer-Anlage in der Oberstadt in „Klubb“ umzubenennen, weil es Zweifel an Fißmers historischer Rolle gibt. Das löste Diskussionen aus, nicht nur auf der Facebookseite dieser Zeitung, sondern auch in der Siegener Kommunalpolitik.

Die Universität Siegen bereitet derzeit ein Seminar vor, um die Gesamtsituation der Siegener Verwaltung in der Nazizeit gründlich untersuchen zu lassen, auch das Stadtarchiv beschäftigt sich mit dem Thema. Auf Basis dieser Erkenntnisse soll dann eine Entscheidung getroffen werden.

Eher pro Fißmer

Bürgermeister Steffen Mues zitierte aus einem Artikel dieser Zeitung über Klaus Dietermann, der mit Hugo Hermann gesprochen hatte, einem Überlebenden der Jüdischen Gemeinde von Siegen. Hermann zufolge sei es Verdienst Fißmers, seine schützende Hand über die Juden zu halten, „wo immer es ihm möglich war“. Es gebe weitere Äußerungen Hugo Hermanns in diese Richtung, auch Fritz Fries, den Fißmer 1933 hatte verhaften lassen, habe Ähnliches geschildert.

„Vielleicht ist jetzt erst die Zeit gekommen, in der man sich mit diesem Thema beschäftigen kann, das mit vielen Emotionen verbunden ist“, überlegte Peter Schulte (WAS). Er hoffe, dass die Untersuchungen weitere Erkenntnisse über die „schillernde Person“ Fißmer zutage fördere. „Die Anlage umzubenennen, wäre verdient. Aber vielleicht wollen wir sie ja gar nicht umbenennen“, so Schulte. Denn damit könnte ein Verdrängen und Vergessen beginnen. „Ich möchte nicht, dass unsere Geschichte in Vergessenheit gerät, auch eher negative Personen nicht.“ Man müsse das Für und Wider sorgfältig abwägen und im Falle einer Beibehaltung der Bezeichnung Widersprüche und eine differenzierte Sichtweise auf die Person Fißmer mit einer Gedenktafel oder Ähnlichem aufarbeiten. Und selbst mit neuen Ergebnissen sei eine allgemeingültige Bewertung kaum möglich. Walter Schneider (FDP) pflichtete bei: „Wir dürfen Geschichte nicht wegradieren, sie soll in den Köpfen präsent bleiben.“

„Wir würden die Anlage umbenennen“, sagte Michael Groß (Grüne) – aber die Diskussion zeige deutlich, dass es nötig sei, die Faktenlage zu aktualisieren. „Nur eins darf dabei am Ende nicht rauskommen: Dass es bleibt, wie es ist. Dann müssen auch alle Facetten dargestellt werden.“

„Er hatte viele Facetten. Wir haben diese Zeit alle nicht erlebt“, mahnte Rüdiger Heupel (CDU) – „wir sollten das sehr genau untersuchen. Das hat auch Alfred Fißmer verdient.“

„Recherchen aus dem Jahr 1953 haben die Gründe für die Ehrenbürgerschaft Fißmers geliefert“, so Brigitte Eger-Kahleis, eine Umbenennung würde auf Widerspruch aus der Bevölkerung stoßen – und ohnehin habe man dringendere Probleme.

Eher contra Fißmer

„Ich bezweifle, dass die Uni uns da weiterhelfen kann“, sagte Traute Fries (SPD), „wir wissen alles über Fißmer.“ Sie habe sich seit Jahrzehnten mit dem Thema beschäftigt, dass Fißmer etwa Juden vor der Deportation bewahrt habe, sei ihr völlig fremd. „Ich gehe davon aus, dass er selbst nicht schuldig geworden ist, aber dass er ein Befürworter des Systems war. Er hat keinen Juden gerettet.“

Dass Fißmer als unbelastet entnazifiziert worden sei, gehe auf einen „Persilschein“ Fritz Fries’ zurück, sagte Peter Schulte (WAS). Das wiederum habe es ihm, Fißmer, ermöglicht, weitere Persilscheine auszustellen. Zudem sei er auch für die Militarisierung Siegens verantwortlich gewesen, habe etwa die Kasernen auf den Heidenberg geholt: „Ohne ihn wäre die Stadt ein schlechteres Luftangriffsziel gewesen.“ Und vor der Machtergreifung der Nazis habe Fißmer als Oberbürgermeister in den 1920ern Aufmärsche der damals verbotenen NSDAP genehmigt – „ganz so kritisch kann er nicht gewesen sein“.

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