Expertengespräch

Soll Wirtschaft auf dem Stundenplan oder nicht?

Dr. Jürgen Schlösser ist Wirtschaftswissenschaftler und beteiligte sich an der Gesprächsrunde. 

Foto: Uni Siegen

Dr. Jürgen Schlösser ist Wirtschaftswissenschaftler und beteiligte sich an der Gesprächsrunde.  Foto: Uni Siegen

Siegen.  Vier Experten diskutieren an der Universität Siegen darüber, ob das Fach Wirtschaft an Schulen eingeführt werden soll.

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Sollte das Schulfach Wirtschaft eingeführt werden, so wie es die Landesregierung in NRW vorhat? Das diskutierten nun Experten an der Uni Siegen.

Die „Pro-Seite“ vertraten der Siegener Wirtschaftswissenschaftler Professor Jürgen Schlösser und der FDP-Landtagsabgeordnete Alexander Brockmeier. Auf der „Contra-Seite“ standen der Siegener Politikwissenschaftler Dr. Christian Zimmermann und Sozialwissenschaftler Prof. Tim Engartner von der Goethe-Universität Frankfurt.

„Die Schule ist ein Schutzort und nicht dafür da, Schüler auf eine kapitalistische Konkurrenzgesellschaft vorzubereiten, ohne Solidarität und Blick auf das Gemeinwohl“, sagte Zimmermann. Wirtschaft ohne politischen und historischen Kontext zu lehren, käme einer pädagogischen Kapitulation gleich. Engartner stimmte zu, dass es zur wirtschaftlichen Urteilsbildung Sachverstand brauche, es aber nicht Aufgabe der Schulbildung sei, dieses Verständnis zu schaffen.

Lebenstüchtigkeit lernen

„Natürlich wollen wir das Fach nicht entpolitisieren“, so Brockmeier. „Schüler müssen auch außerhalb des Schutzortes Schule klarkommen.“ Versicherungspolicen, Miet- oder Handyverträge – die Schule dürfe ruhig Lebenstüchtigkeit und Verbraucherwissen vermitteln. Das Problem sei: Einkommensschwache Familien sprechen selten oder gar nicht über Geld, Kinder von einkommensstarken Familien wiederum erhalten von Eltern finanzielle Bildung. „Damit verfestigen sich Schichteffekte“, sagte Schlösser. „Mit einem Schulfach Wirtschaft fordern wir ökonomische Bildung für alle, um den Teufelskreis zu durchbrechen.“

Engartner und Zimmermann befürchten, dass externe Lehrkräfte aus Unternehmen ohne pädagogische Fähigkeiten Schüler unterrichten. „Wir sehen in anderen Bundesländern, wie das Fach unterwandert wird. Die Schule muss ein neutraler Ort bleiben“, sagte Engartner. Die „Pro-Seite“ widersprach dem. „Wir möchten die Schüler nicht auf den kapitalistischen Marktdschungel vorbereiten, wie die Gegenseite es oft behauptet.“ Ganz im Gegenteil: Die Schüler zu mündigen Bürgern ausbilden, die strukturelle Zusammenhänge verstehen, und dieses Wissen für Handeln und Entscheidungen nutzen können, das sei das Ziel. Dazu gehöre auch, die Themen Ökologie und Nachhaltigkeit zu thematisieren. Außerdem müssten alternative Gesellschafts- und Wirtschaftssysteme neben der parlamentarischen Demokratie und der sozialen Marktwirtschaft besprochen werden.

Voraussetzungen für Lehrkräfte

Um zu vermeiden, dass Lehrkräfte aus Unternehmen fürs Klassenzimmer rekrutiert würden, gäbe es eine entscheidende Voraussetzung: „Wir brauchen Lehrer mit einem Fachstudium in Wirtschaft“, forderte Schlösser. „Nur so können wir ein Pflichtfach in der Schule etablieren. Wenn wir Ökonomie mal hier und dort in allen Fächern behandeln, dann erziehen wir nur eloquente Ignoranten.“

Zimmermann und Engartner befürchten, dass die Wirtschaft die heutige Ego-Gesellschaft verstärke. „Warum versucht die Politik, dieses Schulfach durchzubringen?“, fragte Zimmermann. Sie sollte sich der realen Ängste der Hauptschüler annehmen, die häufig erst ein Jahr nach Schulabschluss eine Ausbildung finden.

Brockmeier berichtete aus seiner Erfahrung mit Arbeitgebern: „Die Ansprüche an Auszubildende und Fachkräfte steigen. Viele Unternehmen wünschen sich Bewerber, die wirtschaftliche Grundkenntnisse besitzen. Mit einem verpflichtenden Schulfach könnte man diesen Störfaktor beheben.“

Ein Fach müsste weichen

Eine Frage blieb bis zum Schluss offen: „Es muss ein Fach sterben, wenn wir Wirtschaft einführen wollen. Welches soll das sein?“, fragte die „Contra-Seite“ wiederholt. „Die Fächer Politik und Geschichte dürfen nicht darunter leiden“, betonte Brockmeier. Eine klare Antwort auf die Frage blieb aus. „Im Zuge der G9-Einführung haben wir die Chance, in NRW Wirtschaft einzuführen und idealerweise kein Fach zu verdrängen.“

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