Gleichstellung

Stadt Siegen will geschlechtergerechte Sprache verbessern

 

 

Foto: Hendrik Schulz

Siegen.   Geschlechtergerechte Sprache soll dauerhaft als selbstverständlich etabliert werden. Pragmatische Möglichkeiten für Sprachgebrauch.

Um geschlechtergerechte Sprache in der Verwaltung dauerhaft als Selbstverständlichkeit zu verankern, erarbeitet die Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Siegen, Martina Kratzel, derzeit einen Flyer für die interne Verwendung. Ziel ist es, pragmatische Möglichkeiten für einen Sprachgebrauch aufzuzeigen, in dem Männer, Frauen und Menschen, die keinem der beiden Geschlechter angehören, gleichwertig und gleichberechtigt repräsentiert sind. Das Ergebnis soll noch in diesem Jahr vorliegen.

Der Bedarf

„Sprache schafft Bewusstsein, sie erzeugt Bilder“, sagt Martina Kratzel. Wenn Frauen in diesen Bildern weder auf bewusster noch auf unbewusster Ebene vorkommen, weil lediglich männliche Formen verwendet werden, sei das problematisch. Die Verwendung so genannter geschlechtergerechter Sprache ist im Landesgleichstellungsgesetz Nordrhein-Westfalen (LGG NW) verankert und in der Fortschreibung des Gleichstellungsplans der Stadt Siegen festgelegt. Es gehe aber nicht um einen theoretischen Papiertiger, der von außen oktroyiert werde, wie Martina Kratzel deutlich macht, sondern um einen faktisch relevanten Punkt des menschlichen Miteinanders: Um „Respekt und Höflichkeit“ einerseits, wie es im Gleichstellungsplan heißt, und um das eindeutige verbale Sichtbarmachen von Frauen andererseits. „Die Formulierung ,Frauen sind mitgemeint’ ist nicht zu vertreten“, heißt es in den Ausführungen.

Die Vorgabe

Geschlechtergerechte Sprache ist als Standard für die gesamte interne und externe behördliche Kommunikation vorgegeben, wie Martina Kratzel erläutert. Das betrifft Rundschreiben und Dienstvereinbarungen ebenso wie Briefe, Flyer und Broschüren, jedwede Kommunikation „in schriftlicher und möglichst auch in mündlicher Form“. Dabei müssen natürlich auch Menschen adressiert werden, die weder männlich noch weiblich sind. Bei Stellenausschreibungen ist zum Beispiel vorgeschrieben, dass auch die Option „divers“ angegeben ist. Gesetzliche Verpflichtungen seien die eine Sache, betont Martina Kratzel, es gehe aber noch um etwas anderes: „Wir haben als Stadt auch eine Vorbildfunktion.“

Das Problem

Gendergerechte Sprache stößt im öffentlichen Diskurs immer wieder auf Widerstände. Vor allem in konservativen Kreisen – erst recht rechts davon – wird die grundsätzliche Notwendigkeit angezweifelt. Unabhängig von der politischen oder ideologischen Verortung gibt es auch eine stilistische Kritik, die Unterbrechungen des Leseflusses durch Konstruktionen mit Slashs oder Sternchen moniert oder sprachlich unkorrekte Hilfslösungen ablehnt. Bekanntes Beispiel ist das Wort „Studierende“: Als substantivierte Form des Partizips Präsens Aktiv bezeichnet es faktisch nur Personen, die sich gerade im Moment mit der Tätigkeit des Studierens beschäftigen – auf Studentinnen und Studenten, die sich mit etwas anderem befassen, würde es folglich nicht zutreffen.

Ob Menschen generell bereit sind, geschlechtergerechte Sprache zu verwenden, sei dabei übrigens keine Altersfrage, sagt Martina Kratzel. Gerade junge Menschen empfänden die Notwendigkeit „oft gar nicht so sehr, leider“, so die Expertin. Sie sehe das „mit Sorge“. Die Erfolge auf dem langen Weg zur Gleichberechtigung der Geschlechter nähmen viele als selbstverständlich hin: „Dabei sind sie ein hohes Gut, das auch wieder verloren gehen kann.“

Die Lösung

In der Vergangenheit wurde bereits „eine Beispielsammlung mit geschlechtergerechten und alternativen Formulierungen von der Gleichstellungsstelle an alle Abteilungsleitungen und Institute versandt“, wie der Fortschreibung des Gleichstellungsplans zu entnehmen ist. „Die Erfahrung zeigt aber, dass die Umsetzung nicht immer ausreichend war.“ Die aktuellen Bemühungen der Gleichstellungsbeauftragten und der noch folgende Flyer sollen noch weiter gehen und den Fokus auf Alltagstauglichkeit und pragmatische Ansätze legen. „Ich muss gucken: Was ist umsetzbar, ohne sich stilistisch zu verbiegen“, erläutert Martina Kratzel.

Die neue Übersicht, für die sie sich im Netzwerk mit anderen Gleichstellungsbeauftragten austauscht, soll Beispiele für Synonyme und Formulierungen bündeln, die sich flüssig und organisch in die – schriftliche und mündliche – Kommunikation integrieren lassen. In extremen Auslegungen ließe sich natürlich „alles auf die Spitze treiben“ – aber im Sinne der Sache sei das nicht.

Und auch eine schlichte Anordnung von oben habe keine wirkliche Aussicht auf nachhaltigen Erfolg: „Unter Zwang funktioniert’s nicht.“ Martina Kratzels Ansatz: Selbstverständliche Anwendung dank Akzeptanz und Praxisnähe. Sie „finde es auch wichtig, das mit etwas Humor zu verpacken“ – es gehe nicht um verbissene Prinzipeinreiterei, sondern um ein gesellschaftlich sehr wichtiges Anliegen.

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben