Arbeitsmarkt

Studie: Digitalisierung kostet in der Region Arbeitsplätze

Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung geht davon aus, dass viele Arbeitsplätze im verarbeitenden Gewerbe durch die Digitalisierung entfallen werden.

Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung geht davon aus, dass viele Arbeitsplätze im verarbeitenden Gewerbe durch die Digitalisierung entfallen werden.

Foto: Nadine Przystow / FUNKE Foto Serivces

Siegen.  Studie sieht Siegen-Wittgenstein in der Gruppe der stärksten Verlierer von Arbeitsplätzen in Deutschland. Akteure in der Region widersprechen.

Jeder vierte Arbeitsplatz in Deutschland kann durch Computer und von Computern gesteuerte Maschinen ersetzt werden – deutlich mehr, als noch vor wenigen Jahren angenommen wurde. Für den Bezirk der Arbeitsagentur Siegen hat das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) eine Nachricht, die auf den ersten Blick noch mehr Angst machen könnte: Siegen-Wittgenstein/Olpe gehört zu den vier Regionen in Deutschland mit dem höchsten Anteil an „substituierbaren“, also: ersetzbaren, Arbeitsplätzen: 35,9 Prozent. Mehr haben nur noch Schwarzbach-Baer, Wunsiedel und Coburg.

Was sagt die Wirtschaft?

Die Studie, die das Forschungsinstitut der Bundesagentur für Arbeit jetzt veröffentlicht hat, ist den Arbeitsmarkt-Akteuren in der Region nicht neu. Die Zahlen seien seit 2017 bekannt und Thema verschiedener Beratungen, sagt Klaus Fenster, Geschäftsführer der Industrie- und Handelskammer (IHK): „Die Konsequenzen werden so nicht eintreten.“

Die Studie hat Arbeitsabläufe in allen Berufen analysiert und geprüft, welche Schritte im Zuge von Digitalisierung wegfallen – zum Beispiel durch das „Internet der Dinge“, durch virtuelle Realität oder die Produktion mit 3-D-Druckern. „Dass eine Tätigkeit als substituierbar eingestuft wird, heißt nicht automatisch, dass sie künftig nur noch von Computern erledigt wird“, betonen die Autoren der Studie.

IHK-Geschäftsführer Fenster weist auf eine falsche Schlussfolgerung hin: Tätigkeiten im Bereich der Steuerungstechnik würden Ingenieuren zugeschrieben, könnten aber tatsächlich von Facharbeitern ausgeführt werden, deren Arbeitsplätze künftig aufgewertet würden. „Die Facharbeiter werden selbst zu Technologieträgern“, sagt Klaus Fenster. „Wir brauchen Fachkräfte mit ausgeprägtem Facharbeiterwissen.“ Facharbeiter verfügten zudem über Erfahrungswissen, das sich „schlecht oder gar nicht digitalisieren lässt“. Die bloße Addition einzelner Arbeitsschritte ergebe kein Gesamtbild. Gerade kleine und mittelständische Unternehmen, die oft Maßarbeit für einzelne Kunden leisten oder sich auf Sonderprodukte spezialisiert haben, würden vor dem Umrüsten auf digitale Produktion kalkulieren müssen: „Investitionen rechnen sich erst bei extrem hohen Stückzahlen.“

Die Erklärung, wie die Region zu ihrem Spitzenplatz kommt, liegt auf der Hand: In beiden Landkreisen ist das verarbeitende Gewerbe stark vertreten, in dem Automatisierung und Digitalisierung viele Einsatzmöglichkeiten finden. Am anderen Ende der Skala finden sich Regionen, in denen Dienstleistungen, Gesundheits- und Sozialberufe oder – wie zum Beispiel in Mecklenburg-Vorpommern – das Gastgewerbe stark vertreten sind. Ob ihn der IAB-Befund beunruhige? „Überhaupt nicht“, sagt IHK-Geschäftsführer Klaus Fenster. „Es wird natürlich Verschiebungen geben.“ Dadurch würden Facharbeiter nicht überflüssig. Manche werden allerdings andere Einsatzgebiete finden: weniger in der Produktion, mehr in Wartung und Service.

Was sagen Gewerkschaften?

Die Vertreter der Beschäftigteninteressen sind darauf eingestellt. Den Tarifvertrag Qualifizierung und Innovation gebe es seit zehn Jahren, erinnert Gewerkschaftssekretär Hans-Jürgen Groß von der IG Metall in Siegen. In den Belegschaften würden „Transformationsatlanten“ erarbeitet, „Transformation nicht ohne uns“ war das Thema der Großdemonstration der IG Metall am 29. Juni in Berlin, und auch der am Sonntag beginnende Gewerkschaftstag stelle dieses Thema in den Mittelpunkt: „Das rückt jetzt nach vorn.“ Auch der DGB-Regionsgeschäftsführer weist auf den „theoretischen“ Charakter der IAB-Studie hin. Qualifizierung werde notwendig sein. „In der Praxis ist das Wissen und Können der Facharbeiter nicht so ohne weiteres zu ersetzen.“

Was sagt die Arbeitsagentur?

„Wir haben Möglichkeiten, Arbeitgeber und Arbeitnehmer zu unterstützen“, sagt Nina Appel, Sprecherin der Agentur für Arbeit in Siegen – ein neues Instrument dafür biete das Qualifizierungschancengesetz. „Natürlich verändert sich die Arbeitswelt.“ Dass aber die Tätigkeit eines Zerspanungsmechanikers, wie von den Wissenschaftlern angenommen, zu 100 Prozent „substituiert“ werde, sei „vollkommen unrealistisch“.

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