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Studium früher, Studium heute

Wina (links) und Mutter Ingrid sprechen über die Unterschiede zwischen dem Studium heute und in den Achtziger Jahren.

Wina (links) und Mutter Ingrid sprechen über die Unterschiede zwischen dem Studium heute und in den Achtziger Jahren.

Foto: Kristin Scheller

Siegen.   Das Studentenleben hat sich in den letzten 30 Jahren gewandelt. Die Veränderungen: Bessere Busverbindungen, mehr Freizeit und mehr Arbeit am PC.

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„Hast du mal das moodle-Passwort?“ und „Unisono funktioniert schon wieder nicht“ sind Sätze, die an der Uni heutzutage normal sind. Doch wie war das früher? Ingrid Kalberg, Architekturstudentin in Siegen in den 1980er Jahren, gibt uns zusammen mit Tochter Wina Benner, die Literatur, Kultur, Medien studiert, einen Einblick in die Unterschiede des Studienalltags von heute zu damals:


Der Weg hoch auf den Uniberg kann schon einmal steinig sein. Wie sah/sieht das bei euch aus?
Wina: Circa eine Viertelstunde brauche ich bis zum Kreuztaler Bahnhof, dann fahre ich einige Minuten mit dem Zug nach Weidenau und warte kurz auf den nächsten Bus zur Uni. Meistens bin ich schon eine Dreiviertelstunde vorher da – lieber zu früh als zu spät. Auf dem Rückweg laufe ich manchmal auch runter.

Ingrid: Zu meiner Studienzeit wohnte ich in Osthelden, wo die Busverbindungen nicht so gut waren. Der Bus war oft rappelvoll. Wir stiegen in Weidenau aus und gingen zu Fuß den Setzer Weg hoch. Wenn es Glatteis gab, konnte man sich nur an Mäuerchen hochhangeln, um sicher hoch zu kommen. Das dauerte so anderthalb Stunden. Wenn ich nach Hause fahren wollte, musste ich in Kreuztal oft eine Stunde auf den Bus warten. Deshalb habe ich dann noch Lebensmittel eingekauft und bin mit einer Unitasche voller Zeichenmaterialien und zwei Plastiktüten voll Einkäufen zu Fuß von Kreuztal nach Osthelden gelaufen.
Wie haben sich die Arbeitsweisen mit dem Voranschreiten der Technologie verändert?

Wina: Zur Recherche verbringe ich die meiste Zeit in der Bibliothek, suche Bücher heraus. Der Laptop ist immer dabei, um online den Katalog zu durchforsten. Für Referate erstellt man Power Point Präsentationen, Hausarbeiten in Word – generell wird alles am PC gemacht.

Ingrid: Recherche war bei uns dann nötig, wenn wir große Entwürfe machten, eine Friedhofsgärtnerei oder ein Thermalbad. Dafür hatte man ein halbes Jahr Zeit und bevor ich überhaupt angefangen habe, musste ich mich erstmal einlesen. Viel Literatur hatte ich zuhause. Alles weitere suchte ich in der Bibliothek. Damals haben wir Mikrofiche genutzt, Planfilmblätter, auf denen der Katalog vermerkt ist, nur mit einem speziellen Gerät lesbar, das die Schrift vergrößert.


Wie sah/sieht die studentische Wohnsituation bei euch aus?

Wina: Ich wohne noch in meinem Elternhaus. Da meine Mutter aber viel Zeit bei ihrem Lebensgefährten verbringt, habe ich quasi eine WG mit meinem Bruder. Wir beteiligen uns an den Kosten und sind für unsere Oma in der Etage unter uns da.

Ingrid: Als ich das Studium begonnen habe, hatte ich noch mein Kinderzimmer. Nach der Hochzeit im ersten Semester, sind wir ins Haus meiner Schwiegereltern gezogen. Die Wohnung dort war nur 36 Quadratmeter groß.


Für so manchen Studi ist es schwer, sich finanziell über Wasser zu halten. Was ist also mit Nebenjobs?

Wina: Ich habe schon während der Schulzeit in der Hausaufgabenbetreuung meiner Schule geholfen, außerdem am Wochenende in der Kreuztaler Stadtbibliothek. Ich babysitte auch regelmäßig und gehe mit dem Nachbarshund Gassi.

Ingrid: Ich habe während des Studiums zwei Jahre im Möbelhaus und in der Schreinerei Leber als Aushilfe gearbeitet. Im Architekturbüro in Kreuztal habe ich ebenfalls kurze Zeit geholfen. Schließlich mussten Studium und Familienleben finanziert werden.


Und wie steht’s mit dem berüchtigten Studentenleben?

Wina: Es gibt viele Angebote hier für Studenten, für beginnende Schriftsteller die Literalisten, für Filmfans das Panoptikum oder sogar Campus TV, außerdem das Radio. Auch außerhalb der Uni gibt es Möglichkeiten, sich zusammen in die Kneipe zu setzen oder in eine Disco zu gehen.

Ingrid: Ein Studentenleben in dem Sinne hatte ich keines. Das lag an den schlechten Ostheldener Busverbindungen, meiner Finanzsituation und später wegen meines Kindes. Das Angebot damals war eh mager und auch die Kneipenkultur war damals nicht so präsent.


Wie unterscheidet sich die Kursorganisation von heute und damals?

Wina: Dafür haben wir das Onlineportal moodle. Dort werden Präsentationen, Skripte etc. hochgeladen und stehen jedem zur Verfügung. Manchmal schreibe ich zusätzlich auch mit.

Ingrid: Wir haben ausschließlich mitgeschrieben. Hin und wieder konnte man Skripte käuflich erwerben. Eine andere Art von kursinterner Organisation gab es nicht.


Und das Studium im Großen und Ganzen?

Wina: Ich richte mich bei der Stundenplanerstellung nach Prüfungsordnung und Modulhandbuch. Mithilfe des Vorlesungsverzeichnisses wähle ich aus, welche Kurse mir gefallen. Insgesamt habe ich etwa 12 bis 14 Wochenstunden, zwischendurch muss man Veranstaltungen nach- und vorbereiten und für Klausuren lernen.

Ingrid: Ich hatte 32 Wochenstunden. Selbst erstellen musste ich den Stundenplan nicht, wir haben einen im Schulstil bekommen. Ein Tag konnte schon einmal von acht Uhr morgens bis sechs Uhr abends gehen – an Vor- und Nacharbeiten war gar nicht zu denken.


Laut Statistischem Bundesamt haben Frauen heute doppelt so oft einen Hochschulabschluss wie die Generation ihrer Mütter. Wie unterscheidet sich die Situation für Frauen an der Uni aus eurer Sicht?

Wina: Der Frauenanteil war in meinen Kursen deutlich höher als der der Männer, was aber auch am Studiengang liegt. Auch bei den Profs ist das Verhältnis sehr ausgewogen. Diskriminierung habe ich selbst noch nicht erlebt.

Ingrid: Zwischen einem Drittel und der Hälfte der Studenten waren Frauen. Die Professoren allerdings waren ausschließlich männlich – keine Frauen in Sicht. Auch Praktika zu bekommen, war in meinem Feld nicht immer einfach. Schon wenn der Betrieb keine Toilette für Damen hatte, durfte ich gar nicht eingestellt werden.

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