Gesundheit

Telemedizin: Netphen wagt Versuch mit „eHealth“

Über das Tablet oder den Bildschirm nimmt der Patient den ersten Kontakt zur Arztpraxis auf.  In Routinefällen. so die Idee von eHealth First, wird dann ein Besuch der Praxis sogar überflüssig.

Über das Tablet oder den Bildschirm nimmt der Patient den ersten Kontakt zur Arztpraxis auf. In Routinefällen. so die Idee von eHealth First, wird dann ein Besuch der Praxis sogar überflüssig.

Foto: Jochen Tack / imago/

Netphen.  Der Arzt auf dem Tablet: Die Stadt Netphen will Teil der „Digitalen Modellregion Gesundheit Dreiländereck“ werden.

Kreuztal, Burbach und Freudenberg sind schon drin – jetzt will auch die Stadt Netphen Teil der „Digitalen Modellregion Gesundheit Dreiländereck“ werden. Dafür hat sich der Rat jetzt auf Antrag aller Fraktionen einstimmig ausgesprochen. Forschungsprojekte sollen Wege erarbeiten, wie die ärztliche Versorgung im ländlichen Raum sichergestellt werden kann. Für Netphen ist eine Studie zum Thema „eHealth First“ vorgesehen. Hausärzte sollen Aufgaben an „nichtärztliche Praxisassistentinnen“ delegieren können, die den „telemedizinischen Erstkontakt“ betreuen.

Was ist der Anlass?

Dr. Olaf Gaus, Geschäftsführer des Forschungskollegs an der Uni Siegen (Fokos), nennt Zahlen. Mit einer Versorgungsdichte von nur 60 Hausärzten für je 100.000 Einwohner sei Südwestfalen Schlusslicht in Nordrhein-Westfaken, mit einem Altersdurchschnitt von 55,7 bis 57 Jahren haben die Kreise die bundesweit ältesten Ärzte – eine Pensionierungswelle rollt in fünf Jahren an. Die nächste Generation wird die Lücke nicht schließen: Über 70 Prozent des Berufsnachwuchses sind Ärztinnen, die verstärkt Teilzeitarbeitsplätze bevorzugen und nicht einzelkämpfende Rund-um-die-Landärztinnen sein wollen.

Was ist das Rezept?

In der „Modellregion“ sollen Ärzte entlastet werden, Digitalisierung werde da „ein Weg von vielen“ sein, sagt Dr. Olaf Gaus über das Projekt von Fokos und Lebenswissenschaftlicher Fakultät. Telemedizin könnte Distanzen überwinden, „wir kommen von der Patientenmobilität zur Datenmobiltät“. Über den Tele-Kontakt können die entsprechend qualifizierten Assistentinnen Diagnosen vorbereiten, Standardsituationen bearbeiten und am Ende auch Rezepte übermitteln, ohne dass Arzt und Patient sich in der Praxis begegnen: „Den grippalen Infekt möchten wir zum Beispiel auf diesem Weg feststellen können.“ Telemedizin soll es dm Hausarzt aber auch erleichtern, in Nicht-Routinefällen auf kurzem Weg das Fachwissen von Klinikärzten oder auch Pflegediensten einzubinden. Ob und in welchem Umfang „eHealth first“ akzeptiert wird, „möchten wir gern gemeinsam mit den Ärzten in Netphen herausfinden.“

Was kostet das?

Zunächst geht es um eine einjährige Studie, in die die beteiligten Hausärzte die Zeit für ausführliche Interviews einbringen und die idealerweise von zwei wissenschaftlichen Mitarbeitern, einem Mediziner und einem Informatiker, begleitet wird. Zweiter Schritt ist das Umsetzungsprojekt, für das zunächst eine Arztpraxis mit der erforderlichen technischen Ausstattung versehen wird. Die Uni bemühe sich um Mittel des Gesundheitsministeriums, der Krankenkassen und aus dem Innovationsfonds des gemeinsamen Bundesausschusses von Ärzten und Krankenkassen. „Ideal“ wäre die Finanzierung der wissenschaftlichen Mitarbeiter durch die Kommune, sagt Dr. Gaus – im Raum steht die Summe von 180.000 Euro. Burbach zum Beispiel habe sich das Geld aus dem Leader-Budget des Landes geholt.

Welche Einwände gibt es?

Ekkard Büdenbender (Linke) spricht die Datensicherheit an: „Es bereitet mir Kopfzerbrechen, Daten durch die Gegend zu schicken.“ Und: Das Problem des Ärztemangels werde dadurch nicht gelöst. Dr. Gaus erwidert: „Sie werden genau wissen, wo der Server mit Ihren Gesundheitsdaten steht.“ Denn die Modellregion wird sich der neuen German Edge Cloud bedienen und nicht auf die globalen Internetkonzerne angewiesen sein. Die Ärzte? Dr. Gaus verweist auf die absehbare Entwicklung: In zehn Jahren halb so viele wie heute. Und jeder mit doppelt so vielen Patienten.

„Was können wir tun, um mehr Ärzte zu bekommen?“, fragt Bürgermeister Paul Wagener. Dr. Gaus verweist auf den Humanmedizin-Studiengang Bonn/Siegen: Die 25 „Siegener“ Studenten werden zwar nun niemals in Siegen studieren, aber hier zumindest ihre Praktika absolvieren. 93 Praxen in Südwestfalen hätten daran ihr Interesse bekundet. „Es ist an uns, diese Studierenden zu begeistern.“ Dazu werde auch eine digitale, telemedizinische Ausstattung gehören. „Wenn Sie dann blank sind, wird das nicht reichen.“

Ulrich Müller (SPD) äußert Unbehagen und spricht von „Entmenschlichung“: „Ein Arzt ist was anderes als ein Geschäft, in dem ich einen Kühlschrank kaufe.“ „Ältere Menschen haben kein Tablet“, wendet Ignaz Vitt (UWG) ein.

Was denkt die Mehrheit?

„Wir müssen jeden Weg mitgehen, der die Situation verbessern kann“, sagt Manfred Heinz (SPD). „Wir sollten offen mit den Chancen, die sich bieten, umgehen“, sagt Rüdiger Bradtka (CDU). „Und die ersten Schritte gemeinsam gehen“, wirbt Marc Seelbach (SPD) um Konsens. Und der ist dann auch da.

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