Wirtschaftsgeschichte

The Coatinc Company mit fünf Jahrhunderten Firmengeschichte

Das Werkstück, hier ein stählerner Dachträger, wird in den Verzinkungskessel getaucht. Das Eisen an der Oberfläche verbindet sich bei 450 Grad mit dem Zink und geht eine feste Legierung ein. Die Arbeiter säubern es nachher von Laufnasen.

Das Werkstück, hier ein stählerner Dachträger, wird in den Verzinkungskessel getaucht. Das Eisen an der Oberfläche verbindet sich bei 450 Grad mit dem Zink und geht eine feste Legierung ein. Die Arbeiter säubern es nachher von Laufnasen.

Foto: Hendrik Schulz

Kreuztal/Siegen.   Ältestes Familienunternehmen Deutschlands aus Siegen: Die Historie der einflussreichen Dreslers beginnt 1502 mit Schmied Heylmann Dresseler.

Im Jahr 1502 zahlte Heylmann Dresseler, etwa 42 Jahre alt, Meister der Stahlschmiedezunft, einen „Feuerschilling“, um eine Siegerländer Feuerstelle nutzen zu können. Mehr als ein halbes Jahrtausend später steht sein Nachfahre Paul Niederstein im Wohnzimmer seines Ur-Urgroßvaters Heinrich Adolf Dresler in der Weißen Villa in Kreuztal. Er ist Nachkomme und Nachfolger seines Urahnen an der Spitze des Familienunternehmens, das heute The Coatinc Company (TCC, ehemals Siegener Verzinkerei) heißt – das älteste Familienunternehmen Deutschlands.

Die Familiengeschichte: Viele Siegener Bürgermeister gestellt

„Ein emotionaler Moment“, sagt Mehrheitsgesellschafter Niederstein. Vor mehr als 100 Jahren überreichte Emmy Dresler ihrem Bruder Heinrich Adolf Dresler zu dessen 85. Geburtstag in diesem Raum ein Buch über die damals schon lange Geschichte der Familie Dresler – ein Grundstein für die familiäre Ahnenforschung. Nach dem Gründer Heylmann, urkundlich erwähnt durch Eintragung in die Handwerksrolle, prägten die Dreslers die Region als Industrielle und Politiker. Seit dem 16. Jahrhundert stellten die Dreslers lange den Siegener Bürgermeister oder bekleideten andere öffentliche Ämter. Die Familie wohnte an der Burgstraße, gleich unter dem Oberen Schloss. Schon sieben Generationen nach Heylmann Dresseler besaß Johannes Dresler Anteile an mehreren Eisenhütten im Siegerland. Mit der Industrialisierung investierte Johann Heinrich Dresler II. auch in der Textilindustrie mit Webstühlen.

Unter den Dreslers sticht Heinrich Adolf hervor, „eine schillernde Unternehmerfigur“, sagt sein Ururenkel Paul Niederstein. 1885 kaufte Dresler, der auch Abgeordneter im Reichstag in Berlin war und froh, schließlich ins heimische Siegerland zurückkehren zu können, eine Verzinkerei zur Veredelung von Stahlprodukten, die die Familienunternehmung seit langem herstellte. Ein wichtiger Bezugspunkt für das heutige Unternehmen. Er baute wegen der Nähe zu seinem Kreuztaler Drahtwerk die Weiße, sein kinderloser Bruder später die Gelbe Villa. Heinrich Adolf hatte elf Kinder.

Die Weltkriege forderte auch in der Familie Dresler ihren Tribut. Nach Heinrich Adolfs Tod wurde ein Familienmitglied gesucht, das die Leitung des Familienunternehmens übernehmen könnte. Die Wahl fiel schließlich 1923 auf Werner Niederstein, der Sohn Luise Dreslers – der erste Niederstein an der Firmenspitze und Pauls Großvater. 1964 trat Klaus Niederstein in den Familienbetrieb ein. Er hatte in den USA gearbeitet, brachte eine große Branchenkenntnis und internationale Kontakte mit – wesentlich für die Expansion, sagt sein Sohn Paul, der seit 2004 dabei ist und den Namenswechsel einleitete: „‘Siegener Verzinkerei’ ist in den Niederlanden nicht ganz einfach zu verkaufen.“

Das Familienunternehmen: Verwurzelt im Siegerland

Wurzeln seien wesentlich, sagt Paul Niederstein. Der Kulturraum, der familiäre Hintergrund. Das Siegerland, die uralte Montanregion, in der schon die Kelten Metalle verarbeiteten, wo Schmiede hoch angesehen waren, wo jeder Ort einen Schmied hatte.

„Die Familie ist die Urform des Wirtschaftens“, sagt Stefan Heidbreder, Geschäftsführer der Stiftung Familienunternehmen (siehe Zweittext): Felder und Äcker bestellen, auf dem Markt handeln – das bewerkstelligten immer Familien. Das deutsche Familienunternehmertum sei eine weltweit einzigartige Struktur, die auf die zahllosen winzigen Fürstentümer des Mittelalters zurückgehe: In den engen Zollgrenzen dieser überschaubaren Märkte wuchsen sie heran. „Die Kleinteiligkeit war damals von Nachteil. Heute beneidet uns die Welt um unsere Familienunternehmen“, sagt Heidbreder. Nach NRW hätten davon Baden-Württemberg und Bayern die meisten. Und ältesten. Und erfolgreichsten. „Diese Regionen sind noch heute die Pulsadern der deutschen Wirtschaft“, sagt Heidbreder.

Treuhänder des Familienerbes

Ursachen? Stabile Nachfolge, Bewusstsein für die Tradition, Weiterentwicklung. Und, ganz wichtig: Konzentration auf die Nische, teils seit Jahrhunderten. „Familienunternehmen kennen sich in ihrer Branche enorm gut aus, haben den Weltmarkt im Blick, verfügen über uralte Geschäftsbeziehungen.“ Branchenwechsel wie bei manchen Großkonzern-Managern seien hier undenkbar. „Sie bewegen sich Schritt für Schritt auf stabilem Fundament statt sich von der Kurzatmigkeit der Börsen treiben zu lassen“, so Heidbreders Befund. Quartalsbilanzen seien weniger wichtig als die langfristige Entwicklung.

Er verstehe sich als Treuhänder, sagt Paul Niederstein, der 51 Prozent der Unternehmensanteile hält. Die Verantwortung seinen Vor- und Nachfahren gegenüber sei eine wichtige Triebfeder. Es sei der Familie Dresler immer gelungen, eine geeignete Form der Kontrolle über das Unternehmen auszuüben. Und was die Tradition angehe: „Wir kommen aus einer Stahlregion. Wir kennen Stahl seit 17 Generationen in allen Arten und Anwendungen.“

Das Verzinken: Naturgesetz bei 450 Grad

„Der liebe Gott möchte, dass sich Eisen- und Zinkatome bei 450 Grad fest verbinden“, sagt Paul Niederstein – dieses Naturgesetz mache sich TCC lediglich zu Nutze. Beim Verzinken fielen kaum Abfälle an, es sei ressourcenschonend und langlebig und beständig. „Nachhaltigkeit“ sei bei TCC nicht nur beim Produkt mehr als ein Modewort. Erst recht nicht vor dem Hintergrund der langen Firmengeschichte und der daraus abgeleiteten Werte.

Die bis zu 16 Tonnen schweren Werkstücke werden in der Verzinkerei in Kreuztal in Beizbädern gereinigt zunächst und dann im längsten Kessel Deutschlands verzinkt. Der Kessel ist eigentlich eine Wanne, erklärt Werksleiter Teodoro Calzone, voll mit flüssigem Zink. Das Werkstück wird darin eingetaucht, erhitzt sich und bei 450 Grad gehen Eisen und Zink eine bombenfeste Verbindung ein. 50.000 bis 60.000 Tonnen Material, vom Balkongeländer bis zum Dachträger, werden auf diese Weise jährlich in Kreuztal verarbeitet. Calzone: „Alles, was draußen ist und vor Korrosion geschützt werden soll.“

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