Schauspiel

Trostlosigkeit überall, Hoffnung nirgends

Das Team aus Schauspielern spielt sich die Seele aus dem Leib: Hier sind Maren Eggert als Medea und Edgar Eckert als Jason zu sehen.

Das Team aus Schauspielern spielt sich die Seele aus dem Leib: Hier sind Maren Eggert als Medea und Edgar Eckert als Jason zu sehen.

Foto: Wolfgang Leipold

Siegen.   Das Deutsche Theater Berlin präsentiert als letzten Beitrag der Biennale 2019 Christa Wolfs „Medea.Stimmen“

Eine Sympathieträgerin ist Medea in der altgriechischen Tragödie von Euripides, die 431 vor Christus in Athen uraufgeführt wurde, beileibe nicht. Eher ein mörderischer Racheengel, die ihren Bruder und ihre beiden Söhne umbrachte.

Christa Wolf, jene bedeutende deutschsprachige Schriftstellerin der DDR, hat in ihrem Roman von 1996 Medea eine gänzlich andere Bedeutung gegeben: keine Mörderin, sondern eine starke, eigenwillige Frau. Das Deutsche Theater Berlin hat den Roman für die Bühne eingerichtet und im vergangenen Jahr in den Kammerspielen erstmals aufgeführt.

Und, welch spannende Parallele, auch in dieser Inszenierung spielt Wasser eine Hauptrolle. So wie schon Tage zuvor, als das Schauspiel Köln für „Tyll“ die Apollo-Bühne flutete. Wasser scheint ein unsicherer Boden zu sein. Allerdings nicht für Medea, die von Anfang an die Fäden in die Hand nimmt und sie bis zum Schluss nicht abgibt. Dabei alle Ränkespiele und Intrigen, vor allem die des einflussreichen und gerissenen Akamas, durchschaut.

Auch die Wolf’sche Medea verliert ihre Kinder durch Gewalt, „wie sie es verdienen“. So begründet das aufgehetzte Volk diese Schandtat und schiebt selbst die Pestepidemie und ein zerstörerisches Erdbeben Medea in die Schuhe. Und hier beginnt das Theaterstück nach sehr langer Anlaufphase an Fahrt aufzunehmen. Denn Parallelen zu Gewaltexzessen der Gegenwart, der Ausgrenzung von Fremden und der verführerischen Macht des Populismus drängen sich ganz von selbst auf und schaffen bis zum Ende einen beklemmenden Spannungsbogen.

Dafür sorgt vor allem ein exzellentes Team von vier Schauspielerinnen und drei Schauspielern, das im Laufe der weit über zweistündigen Aufführung ohne Pause sich die Seele aus dem Leib spielt. Allen voran Maren Eggert als zerstörte, aber selbstbewusst auftretende Medea. Aber auch Helmut Mooshammer als machtgeiler Drecksack mit den zwei Gesichtern oder die sich vergeblich nach Liebe verzehrende Glauke (Kathleen Morgeneyer), die ihre epileptischen Anfälle so darstellt, dass selbst das Publikum mitleidet.

Dieses hat zunächst Probleme mit einer Besonderheit der Inszenierung: Es gibt vor allem und manchmal überlange Monologe. Doch die zu gestalten, dass die Zuschauer nicht einnicken, ist große Schauspielerkunst. Das Publikum würdigt die Leistung aller Beteiligten einschließlich des Live-Klangzauberers Michael Metzler mit lang anhaltenden Ovationen.

<<<Informationen>>>

Maren Eggert wurde bundesweit bekannt, seit sie von 2003 bis 2010 als Polizeipsychologin Dr. Frieda Jung an der Seite von Hauptkommissar Klaus Borowski (Axel Milberg) in den Kieler Tatort-Folgen auftrat. 2016 kam sie noch einmal für die „Rückkehr des stillen Gastes“ zurück. Eine Fortsetzung des 2012 ausgestrahlten „Borowski und der stille Gast“, in der der Mörder (Lars Eichinger als Psychopath) entkommen war.

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