Sieg verbindet

Über alte Dreisber Bahnbrücke zu neuem Ufer der Sieg

Winfried Oehm (links) und Hans Göbel (rechts) bringen die Mitglieder der SPD-Fraktion zum Gleis: Wer etwas von der Brücke sehen will, muss sich in Dreis-Tiefenbach auskennen.

Winfried Oehm (links) und Hans Göbel (rechts) bringen die Mitglieder der SPD-Fraktion zum Gleis: Wer etwas von der Brücke sehen will, muss sich in Dreis-Tiefenbach auskennen.

Foto: Steffen Schwab

Dreis-Tiefenbach.   Dreis-Tiefenbacher haben mit ihrem Bahndamm viel vor. Startpunkt der „Industrieroute Netpherland“?

Die Schranken? Die waren auf einmal weg — Hans Göbel hat erlebt, wie schnell Erinnerungen an die Dreis-Tiefenbacher Kleinbahngeschichte verschwinden können, seit 2004 die Strecke von Dreis-Tiefenbach siegaufwärts stillgelegt wurde. Das, was übrig ist, möchte der Heimatverein Alte Burg erhalten wissen — die Stadt hat daraus das 310 000 Euro teure Projekt „Sieg verbindet“ gemacht, das einen vorderen Platz im integrierten Stadtentwicklungskonzept gefunden hat und mit Landesmitteln gefördert werden soll.

Die Kleinbahn

Die Brücke: Seit wann denn die Verladeeinrichtung am Gütergleis weg sei, fragt Stefanie Mengel nach, die zusammen mit anderen Mitgliedern der SPD-Fraktion nach Dreis-Tiefenbach gekommen ist. Hans Göbel muss passen. Irgendwann halt nach der Stilllegung — „das geht dann ganz schnell und unbemerkt“. Immerhin: Obwohl sie zwar im Blickfeld des Landeskonservators ist, aber nicht unter Denkmalschutz steht, ist die Stahlbrücke von 1905 noch da. Eine von vier dieser Bauart auf der Strecke, gebaut von den Dreis-Tiefenbacher und Netphener Arbeitern der Sieg-Lothringer Werke, die kurz nach der Eröffnung der Bahn von Siegen nach Dreis-Tiefenbach umsiedelte und dort, unter dem Namen Kölsch-Fölzer, bis 1983 Stahl- und Blechkon­struktionen baute, unter anderem auch den Kugelgasbehälter auf der Siegener Schemscheid.

Angenähert: Der Bahnhof ist vermietet, der Güterschuppen auch. Jenseits der Bahnsteigkante sind Parkplätze. Vom ehemaligen Bahnübergang in der Siegstraße an ist der Bahndamm bebaut. Hier sind Wohnungen für ältere Menschen entstanden, das „Haus am alten Bahnhof“ mit DRK-Tagespflege und Arztpraxis. Dann kommt der Bauzaun, dahinter Wildnis. Am anderen Ende, da wo die Holzbrücke von der Wernsbach zum Einkaufszentrum in die Bismarckstraße führt, sind noch ein paar Meter Schienen übrig, der Schotter vom Bahndamm ist noch erkennbar. Winfried Oehm, der die Führung für den Heimatverein übernimmt, registriert den grünen Trieb: „In ein paar Jahren haben wir hier eine schöne Esche.“

Abgefahren: Noch ein paar Schritte bis zur Eisenbahnbrücke. Abgesperrt und zugewachsen. Die Betriebserlaubnis für 22 Tonnen Lasten gilt noch, sagt Winfried Oehm. „Da können Sie ruhig drüber gehen.“ Manfred Heinz ärgert sich noch mehr. Schließlich, so der SPD-Fraktionschef, sei die angebliche Baufälligkeit der Brücke ein Hauptargument gegen die Johannlandbahn gewesen. Mit dem Geld, das bereitstand, wurde eine Strecke in Düren reaktiviert und die Verbindung von Lüdenscheid über Gummersbach nach Köln. Die Entwidmung der Kleinbahnstrecke „war das Schlimmste, das man machen konnte“, sagt Heinz, „eine Chance wurde vertan.“

Das Projekt

„Sieg verbindet“ ist mit der Bahnstrecke verbunden.

Der Bahnhof: „Der ist auch für den Heimatverein interessant“, sagt Winfried Oehm. Da, wo sich auf den zwei Gleisen bis 1968 die entgegenkommenden Schienenbusse nach Weidenau und Deuz kreuzten, sollte wieder ein öffentlicher Raum entstehen.

Der Bahndamm: Beginnen wird der Fuß- und Radweg erst ein Stück weiter oberhalb, ungefähr da, wo die Kreissiedlungsgesellschaft den Neubau für die neue Fünf-Gruppen-MINT-Kita der AWO mit Wohnungen in den Obergeschossen baut. Am Weg könnten Tafeln über die Geschichte des geteilten Orts informieren, über Tiefenbach und Dreisbach, den Heckersberg und die von der Pest ausgerottete Wüste Wernsbach. Auch für ältere Menschen könnte das ein attraktiver Weg werden, glaubt der frühere Dreis-Tiefenbacher SPD-Vorsitzende Lothar Kämpfer: „Es macht ja auch keinen großen Spaß, an der Hauptstraße spazieren zu gehen.“

Die Mühle: Am Jung-Stilling-Platz geht es auf den neu angelegten Geh- und Radweg am Ufer der Sieg. „Für viele ist das ein Naherholungsgebiet geworden“, sagt Winfried Oehm. Der Mühlenspielplatz, gibt Sozialausschussvorsitzender Marc Seelbach zu, sei „der meistbenutzte in Dreis-Tiefenbach, obwohl er der schlechteste ist“. Dort werde die Stadt, wie am Deuzer Bühlgarten, in eine großzügige, sich bis zum Uferweg erstreckende Anlage investieren. „Das ist die nächste Baustelle.“

Die neuen Ufer: „Da wird gebadet und gegrillt“, berichtet Lothar Kämpfer.“ Dort empfehle es sich, die Infrastruktur für so viele Nutzer auszubauen.

Die Perspektiven

„Dreis-Tiefenbach braucht einen neuen Schub“, fordert Manfred Heinz. „Netphen sollte ein bisschen mehr klotzen“, drängt Hans Göbel.

Immerhin, so Göbel, werde Netphen am Ende über eine durchgehende Radwegeverbindung an der Sieg entlang und teilweise am Bahndamm bis Deuz und dann weiter das Werthetal hinauf bis Werthenbach anbieten können. „Das muss man auch entsprechend vermarkten.“ In Sachen Tourismus schlafe Netphen einen „Dornröschenschlaf“.

„Es gibt viele gute Ideen, aber jeder Ort hat auch seine eigenen Interessen“, erwidert Manfred Heinz. Und warnt vor allzu großen Blütenträumen: „Der Sauerländer ist eher dienstleistungsfähig als der Siegerländer, der sein Leben in Gruben und Hütten verbracht hat.“ Vielleicht, so regt Winfried Oehm an, „sollten wir erst einmal dafür sorgen, dass wir selbst unsere Landschaft hier gern haben.“ Vorstellbar sei, entlang des Bahndamm-Wegs auf die Betriebe hinzuweisen, die es dort gab und gibt, von den Eisenbahnbauern und den Hammerwerken in Dreis-Tiefenbach bis zu den Walzengießern in Deuz und den Pressen aus Werthenbach. Eine solche „Industrieroute Netpherland“ könne sich sehen lassen. Schließlich, so Oehm mit Blick auf die Erzeugnisse der Weiterverarbeitung, „haben wir die schönere Industrie.“

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