Friedhöfe

Über Netphens Rasengräbern wächst nicht nur Gras

Wiesengräber auf dem Friedhof Dreis-Tiefenbach

Foto: Steffen Schwab

Wiesengräber auf dem Friedhof Dreis-Tiefenbach Foto: Steffen Schwab

Netphen.   Das Eisen ist heiß. Schon der Kulturausschuss bekam in seiner Juni-Sitzung eine Ahnung davon, als sich an einer Änderung der Friedhofssatzung die Debatte über die Maße der Grabsteine auf Wiesengräbern entzündete. Bei einem Besuch auf dem Bauhof vertiefte die UWG-Fraktion jetzt ihren Standpunkt: Eigentlich gehören auf ein Wiesengrab keine Grabsteine. Eigentlich noch nicht einmal Blumen.

Das Eisen ist heiß. Schon der Kulturausschuss bekam in seiner Juni-Sitzung eine Ahnung davon, als sich an einer Änderung der Friedhofssatzung die Debatte über die Maße der Grabsteine auf Wiesengräbern entzündete. Bei einem Besuch auf dem Bauhof vertiefte die UWG-Fraktion jetzt ihren Standpunkt: Eigentlich gehören auf ein Wiesengrab keine Grabsteine. Eigentlich noch nicht einmal Blumen.

4797 Arbeitsstunden haben Mitarbeiter des Bauhofs im vorigen Jahr auf den 18 städtischen Friedhöfen und im Deuzer Bestattungswald geleistet, mit steigender Tendenz. Jens Doerck, Leiter des Bauhofs, wird deutlich: „Für uns ist das eine einzige Katastrophe.“ Sein Chef, Tiefbau-Fachbereichsleiter Rainer Schild, spricht von einem „Kleinkrieg“, den Stadtverwaltung und Hinterbliebene führen, die Gräber von Angehörigen pflegen: „Die Einsicht ist einfach nicht da.“ Die Einsicht, dass auf und über Wiesengräbern nichts als Gras wachsen soll.

Das Problem

Das war die Idee: eine Bestattungsform, die „pflegeleichte“ Gräber ermöglicht, die betagte oder gar nicht mehr in der Region lebende Angehörige von dem Druck befreit, sich um die Grabpflege zu kümmern. Und die billiger ist als das herkömmliche Reihengrab. Nichts als eine flache Grabplatte sollte das Grab kennzeichnen – so in den Boden eingelassen, das sie für die Mähmaschine überfahrbar bleibt.

Das ist daraus geworden: Zuerst kam der Blumenschmuck. Den duldet die Stadt, die stets vor dem Mähen dazu aufruft, die Gräber wieder freizuräumen. Dann kamen die aufgerichteten Grabmale, „mittlerweile einen halben Meter hoch“, stellt UWG-Stadtverordneter Ignaz Vitt fest. Vasen und Lichter würden zudem gar nicht mehr bloß auf die Grabplatten gestellt, sondern aufgeklebt und aufgeschraubt, berichtet Rainer Schild. Längst bauten auch die Friedhofsbesucher untereinander Druck auf: Wer sein Wiesengrab nicht schmücke, laufe Gefahr, dass ihm im Dorf nachgesagt wird, seine Pflichten als Hinterbliebener zu vernachlässigen. Konsequenz für den Bauhof: Das Mähen auf den Wiesengrabflächen kostet Zeit.

Lösungen?

„Einfach nicht mehr mähen“: UWG-Ratsmitglied Klaus-Peter Wilhelm rät zu dieser radikalen Lösung. „Die Arbeit haben wir dann trotzdem“, wendet Bauhofleiter Doerck ein.
„Denselben Preis nehmen wie für das normale Grab“: Diesen Vorschlag stellt Karl-Heinz Ley in den Raum.
„Konsequent bleiben“: Manfred Schröder verweist auf die kirchlichen Friedhöfe, wo nur die Reinform der Wiesengräber zugelassen ist.

Bürgermeister Paul Wagener setzt auf Einzelgespräche mit Beteiligten. Eine Lösung, die die Erfordernisse von Wirtschaftlichkeit und die Bedürfnisse von Hinterbliebenen zusammenbringt, halte er für „so gut wie ausgeschlossen“. Rainer Schild fragt zurück: Wer wolle denn ernsthaft den Blumenstrauß entfernen, der am Geburtstag eines verstorbenen Kindes niedergelegt wird? Oder das beschriftete Herz auf der Grabplatte? „Für uns ist das nicht leicht, das einfach wegzuräumen.“

UWG-Fraktionschef Helmut Buttler regt an, die Wiesengrab-Debatte nicht zu führen: „Damit gewinnt ihr keinen Blumentopf.“ Belege aus der Vergangenheit gibt es genug. Nicht erwähnt wird an diesem Nachmittag der Streit um den als Fußballtor gestalteten Grabstein in Deuz. Oder den mit dem PC-Monitor in Grissenbach. Dafür erinnert Buttler an den Bruder der Volksschauspielerin Trude Herr, der Jagdpächter in Netphen war und auf dem Friedhof auf dem Lahnhof beigesetzt werden wollte. Am Ende wurde es Walpersdorf. Auch darüber ist allerdings Gras gewachsen.

>>>Zahlen

23 Beschäftigte arbeiten im Bauhof, Chef und zwei Azubis sind noch hinzuzurechnen. „Für jeden Ortsteil einen Hausmeister“, sagt Tiefbau-Fachbereichsleiter Rainer Schild, rein rechnerisch zumindest. Am stärksten besetzt ist die „Grünkolonne“mit sieben Mitarbeitern.

5 Klein-Lkw, vier Allrad-Lkw, drei Traktoren, drei Aufsitzmäher und zwei Lkw gehören zum Fuhrpark des Bauhofs, außerdem ein Großhäcksler, die Kehrmaschine und der Friedhofsbagger.

165 Kilometer Straße und weitere 110 Kilometer Wirtschaftswege sind zu unterhalten, das macht etwa ein Drittel des gesamten Arbeitsaufwands auf dem Bauhof aus.

4 Fahrzeuge hat die Stadt für den Winterdienst, fünf weitere schicken beauftragte Unternehmer auf die Strecke. Doppelt besetzt sein müssen die Wagen nicht mehr. Per GPS wird die Dokumentation erledigt – früher diente das Streubuch als Nachweis, dass die Stadt rechtzeitig ihrer Verkehrssicherungspflicht nachgekommen ist. Einweisen ist auch nicht mehr nötig. Dafür gibt’s die Rückfahrkamera.

245000 Quadratmeter Grünflächen müssen gemäht werden, manche nur zwei bis drei, andere fünf bis sieben Mal im Jahr.

8000 Quadratmeter sind mit Pflanzen versehen, die zwei Mal im Jahr geschnitten werden müssen.

48 Spielplätze und 27 Bolzplätze muss die Bauhof-Mannschaft unterhalten.

1,65 Millionen Euro kostet die Arbeit des Bauhofs in jedem Jahr

>>> Info

Der heutige Bauhof wurde 1969 als Straßenmeisterei eröffnet. Der Landschaftsverband gab den Standort 1995 auf, ein Jahr nach der Jubiläumsfeier zum 25-Jährigen in Netphen.

1995/96 ziehen der städtische Bauhof und das Wasserwerk von der Braas in die Altwiese um. „Die Stadt hat ein großes Geschenk bekommen“, sagt Helmut Buttler, der selbst seit 1973 2. Mann in der Leitung der Meisterei war. Und das Land die Fläche für die Umgehungsstraße.

  • Die Lokalredaktion Siegen ist auch auf Facebook.

Auch interessant
Leserkommentare (0) Kommentar schreiben
    Aus der Rubrik