Crash-Kurs

Unfallopfer aus Siegen: „Nehmt den Fuß vom Gaspedal“

| Lesedauer: 7 Minuten
2015 brannte ein Lkw in der „Applauskurve“ zwischen Afholderbach und Lützel völlig aus. Eine Polizistin erinnert sich daran.

2015 brannte ein Lkw in der „Applauskurve“ zwischen Afholderbach und Lützel völlig aus. Eine Polizistin erinnert sich daran.

Foto: Jürgen Schade

Allenbach.  Eine Polizeibeamtin, ein Rettungssanitäter, ein Notfallseelsorger und ein Unfallopfer rütteln mit ihren Unfall-Berichten auf.

Silvia, Anke, Pia – all diese Namen stehen auf Unfallkreuzen. Immer wieder erscheint ein neues Kreuz auf der Leinwand. „Wir wollen nicht schockieren, sondern sensibilisieren“, sagt Susanne Otto, Polizeibeamtin und Opferschutzbeauftragte. Beim „Crash Kurs“ im Gymnasium Stift Keppel in Hilchenbach stimmen einen allein die Unfallkreuz-Bilder zu Anfang schon traurig. Im Mittelpunkt stehen aber Geschichten; die Geschichten einer Polizeibeamtin, eines Rettungssanitäters, eines Notfallseelsorgers und eines Unfallopfers, die die Schülerinnen und Schüler hören werden. All das, damit sie auf sich aufpassen, Unfälle vermieden werden. Es sind Geschichten, die wahr sind, und dadurch umso mehr erschüttern.

Unfälle in Siegen und Umland: Polizistin und Rettungssanitäter sprechen über ihren Job

Sonja Teichmann, Polizeibeamtin: Es war im August 2015 auf der B 62. Es war einer meiner ersten Arbeitstage. Mir wurde das neue Streifengebiet gezeigt. Wir standen bei der Ginsburg, als wir die Nachricht bekamen, dass ein Lkw brennt und eine leblose Person in der „Applauskurve“ zwischen Afholderbach und Lützel am Boden gefunden wurde. Der Lkw brannte wirklich, ständig knallte es. Als wir ankamen, war mein erster Gedanke: Wo ist der Lkw-Fahrer?

Er stand an der Leitplanke, völlig schockiert. Dann dachte ich: Ich muss zum Motorradfahrer kommen. Ich habe mich zu ihm gekniet. Aus seinem Helm lief Blut. Er ist an Ort und Stelle gestorben. Der Lkw-Fahrer hat sich direkt Vorwürfe gemacht, aber er war nicht schuld. Der Motorradfahrer ist mit deutlich überhöhter Geschwindigkeit gefahren und hat dann die Kontrolle verloren. Der Lkw-Fahrer konnte nicht mehr arbeiten, als ich mich später nach ihm erkundigte. Es ist viel schlimmer für die, die übrig bleiben.

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Rafael Brüggemann, Rettungssanitäter: Es war zwischen Richtstein und Arfeld auf der L 903. Es gibt eine Handvoll Einsätze, die bleiben tief in einem drin. Den Rest vergisst man. Es war Dienstag um die Jahreszeit. Ich weiß, dass es ein Dienstag war, weil dann immer Putztag ist. Ich überprüfte den Rettungswagen mit einer jungen Praktikantin. Dann kam über den Meldeempfänger eine Sprachnachricht. Verkehrsunfälle sind nicht so häufig für uns, wir haben mehr internistische Einsätze. Wir fuhren zum Notfall hin, die Feuerwehr bog vor uns ein. Ich sah einen Schulbus, wo die Kinder mit großen Augen und offenen Mündern die Böschung runterguckten. Dort lag ein rotes Fahrzeug. (...)

Ich krabbelte auf allen vieren ins Auto. Fahrer- und Beifahrersitz haben sich ineinander geschoben. Im Auto war es still, es gab kein Jammern, kein Weinen, nichts. Der Notarzt erklärte den Fahrer und die Beifahrerin für tot. (...) Wir sind ohne Worte auf die Wache zurückgefahren. Das Ganze ist passiert, weil ein junger Mann Angst hatte, zu spät zur Schule zu kommen. Wenn ihr das Gefühl habt, ihr kommt zu spät, dann kommt ihr zu spät.

Unfälle in Siegen und Umland: Ein Notfallseelsorger und ein Unfallopfer berichten

Martin Jung, Notfallseelsorger: Wir haben Schweigepflicht, daher werde ich von gesammelten Einsätzen erzählen. Es war ein Sonntagmorgen, kurz vor 11 Uhr, ich wurde von der Feuerwehr-Leitstelle alarmiert. Es ging um die Überbringung einer Todesnachricht. Ich fuhr zur Polizeiwache in Weidenau, besprach mich mit einer Polizistin. Die Benachrichtigung überbringt die Polizei, wir sind für die Zeit danach da.

Die Tür öffnete die Mutter. Der erste Zusammenbruch passierte im Flur. Als sie auf einem Stuhl saß, wurde die Nachricht überbracht. Wir fahren erst, wenn Stabilität eingetreten ist. Dann habe ich als erstes meine Tochter angerufen und gesagt: „Schön, dass du da bist!“ Ihr könnt unsere Einsätze vermeiden, ihr könnt Schmerz und Leid vermeiden.

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Rouven Gommers, Unfallopfer: Es war 2011. Mich rief ein Freund an und fragte, ob wir Pommes essen wollen. Ich gab auf der A4 Knallgas, da gibt es wenig Tempolimits. Den Berg runter fuhr ich mit 240 km/h. Es ging gut bis Eckenhagen/Olpe. Ich fuhr zwischen 160 und 180 km/h. Ich konnte nicht mehr bremsen, als ein Auto vor mir ausschwenkte, um einen Lkw zu überholen. Auf dem Standstreifen stand ein Pannenfahrzeug, also fuhr ich wieder zurück. Ich geriet ins Schleudern, es ging in den Graben.

Gefühlt habe ich mich fünf Mal überschlagen. Ich dachte, das war’s. Ich landete auf allen vier Rädern. Vorne qualmte es, meine Hände waren auf, ich hatte eine Platzwunde am Kopf. Ich habe in einem durchgeschrien. Mir wurde etwas zur Beruhigung gegeben. Im Krankenhaus standen ganz viele Leute um einen herum, ich wurde noch in der Nacht operiert. Ich habe heute noch Probleme, Rückenschmerzen, kann nicht schwer heben. Nehmt den Fuß vom Gaspedal. Wäre ich nicht angeschnallt gewesen, würde ich hier nicht stehen.

Unfälle in Siegen und Umland: Vier vermeidbare Unfallursachen

Allein 8701 Verkehrsunfälle gab es 2021 im Gebiet der Kreispolizeibehörde Siegen-Wittgenstein, sechs Verkehrstote, 136 schwer verletzte Verkehrsteilnehmer. „Unfälle passieren aufgrund von Fehlern, Fehler sind menschlich“, sagt Polizeibeamtin Susanne Otto. Vier Ursachen sorgen allerdings besonders häufig für Unfälle.

1. Geschwindigkeit: „Wenn man mit 50 km/h aufprallt, ist das, als würde man aus dem dritten Stock springen“, sagt Susanne Otto. Langsam fahren sei nicht „uncool“. Überhöhte Geschwindigkeit sorgt für zahlreiche Unfälle.

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2. Fehlendes Anschnallen: „Den Anschnallgurt spüre ich beim Fahren nicht“, betont Susanne Otto. Sie kann nicht verstehen, dass Menschen immer noch auf das Anschnallen verzichten. Dabei kann der Gurt im Notfall Leben retten.

3. Ablenkung: „Wenn man mit dem Handy herumspielt, kann man sich nicht konzentrieren“, sagt die Polizeibeamtin. Ablenkung, so kurz sie vermeintlich auch sein mag, kann beim Autofahren tödlich enden. „Im Straßenverkehr entscheiden Kleinigkeiten.“

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4. Alkohol/Drogen: „Wenn man trinkt, lässt man das Auto stehen“, unterstreicht Susanne Otto. Gerade junge Menschen würden sich oft „unkaputtbar“ fühlen – aber auch sie sind es nicht.

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