Nachhaltigkeit

Uni Siegen: Forschung zu den Städten der Zukunft

An der Uni Siegen entwickeln Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler Konzepte für das Wohnen der Zukunft in den Städten und auf dem Land.

An der Uni Siegen entwickeln Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler Konzepte für das Wohnen der Zukunft in den Städten und auf dem Land.

Foto: Hendrik Schulz

Siegen.   Prof. Lamia Messari-Becker von der Uni Siegen arbeitet an Lösungen für die Herausforderung urbanen Wohnens. Sie berät auch die Bundesregierung.

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Wohnungsnot, Landflucht, Klimawandel, extreme Hitze und Überflutungen: Wie die Städte von morgen aussehen sollten, um gegen diese wachsenden Herausforderungen gewappnet zu sein, erforscht Lamia Messari-Becker, Professorin für Gebäudetechnologie und Bauphysik an der Uni Siegen. Sie ist am Sonntag, 12. August, in der ZDF-Sendung „planet e“ zu sehen.

„Mit klugem Bauen können wir viel erreichen“, sagt die Expertin. Das bedeute „vor allem Nachhaltigkeit, eine Art Haltbarkeit unseres Tuns auf verschiedenen Ebenen“, wie in einer Mitteilung der Uni erläutert ist. Bezogen auf Aspekte wie Materialien, Fläche oder Energie hänge das in der Praxis mit ressourceneffizientem und schadstoffminimiertem Bau zusammen.

Lebensqualität und Sicherheit

Ein Bauwerk ist laut Messari-Becker nur nachhaltig, wenn es seiner sozio-kulturellen Funktion gerecht wird, also lange und gern genutzt wird. Doch eine Ansammlung nachhaltiger Gebäude mache noch kein nachhaltiges Stadtquartier aus. Dazu gehörten gute Infrastruktur, qualitätsvolle Außenräume und moderne Mobilität. Am Ende sei eine Stadt nur dann nachhaltig, „wenn sie ihre ökonomische Wettbewerbsfähigkeit mit hoher Lebensqualität für ihre Bewohner und Nutzer und sozialer Stabilität dauerhaft verbinden kann“.

Weltweit entfallen etwa 50 Prozent des Ressourcenverbrauchs und Abfallsaufkommens sowie 40 Prozent des CO2-Ausstoßes aufs Bauen, schreibt die Uni. In den Städten konzentrierten sich mehr als 75 Prozent des Ressourcenverbrauchs. „Hoch- und Städtebau können Klimaschutz bedeuten, wenn wir die Hausaufgaben richtig angehen“, sagt Messari-Becker.

Das Problem: Noch immer sähe die Politik beim Umwelt- und Klimaschutz vor allem das Thema Energie. „Bauen und Stadtentwicklung sind aber keine Nebenschauplätze. Die Politik muss das Thema strategischer angehen“, fordert die Bauingenieurin. Messari-Becker ist Mitglied des Sachverständigenrats für Umweltfragen und berät die Bundesregierung in Fragen des Bauens und der Stadtentwicklung.

Zu viele versiegelte Flächen

Schon heute sei es in Innenstädten im Sommer oft fünf bis acht Grad wärmer als im grünen Umland. Der Grund: Durch zu viel Flächenversiegelung, unzureichend Grünflächen und nicht selten zugebaute Lüftungsschneisen wird eine Kühlung erschwert, die Hitze staut sich. „Wir haben dieses Problem viel zu lange vernachlässigt und mehr versiegelt als nötig gewesen wäre“, sagt Messari-Becker. Vor allem im Hochsommer bringt das Schwierigkeiten mit sich, etwa gesundheitliche Belastungen für Menschen mit Beeinträchtigungen und einen erhöhten Energieverbrauch für Raumklimatisierung.

Neue Ideen ermöglichen mehr Grün

In einigen deutschen Städten gehen Verantwortliche jetzt neue Wege – mit Dachgärten, begrünten Fassaden oder neu gepflanzten Bäumen. Die grünen Flächen kühlen nicht nur die Luft ab, sondern binden auch Feinstaub. „Kluge Stadtplanung kann die Lebensqualität entscheidend verbessern“, sagt Messari-Becker. „Voraussetzung dafür ist, dass wir beim Umbau und der Modernisierung unserer Städte die Menschen stärker in den Mittelpunkt stellen. Die Städte Hamburg und Essen gehen da mit gutem Beispiel voran.“

Nicht nur der Umweltschutz, sondern auch der bezahlbare Wohnraum spielen für sozial-stabile Städte eine große Rolle. „Wohnen ist die soziale Frage unserer Zeit schlechthin“, sagt Messari-Becker. Mitten im Frankfurter Bankenviertel entstehen neue Wohnhochhäuser. Ein Trend in vielen Metropolen dieser Welt: Wohnhochhäuser versiegeln wenig Fläche und schaffen den benötigten Raum in der Höhe. Die Stadtverwaltung hat den Bauherren zudem verpflichtet, 30 Prozent geförderten Wohnraum zu schaffen – damit auch Mieter mit geringem Einkommen eine Chance auf eine attraktive Wohnung haben.

Beziehung zwischen Stadt und Land

Nachhaltiges Bauen berührt aber auch andere Aspekte. „Wir müssen die Beziehung zwischen Stadt und Land völlig neu denken“, fordert Messari-Becker. Die Städte stoßen mehr und mehr an ihre sozialen und ökologischen Grenzen – umso mehr brauche es eine gestärkte Infrastruktur im ländlichen Raum: „Ein günstiges Grundstück alleine wird kaum jemanden dazu bewegen, ins Dorf zu ziehen. Dazu müssen weitere Faktoren stimmen: Arbeitsplätze, schnelles Internet, Mobilität.“

Der Abbau der Kluft zwischen Stadt und Land ist eine große gesamtgesellschaftliche, wirtschafts- und sozialpolitische Aufgabe. Die Folgen dieser Kluft sind nämlich vielfältiger und reichen bis hin zum Vertrauensverlust in die Politik.“

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