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Schwarzer Humor und witzige Wortspiele an der Uni Siegen

Thomas Spitzer überzeugte Jury und Publikum mit seinen Texten.

Foto: Kristin Scheller

Thomas Spitzer überzeugte Jury und Publikum mit seinen Texten. Foto: Kristin Scheller

Weidenau.   Der Hörsaal-Slam im Audimax findet zum vierten Mal statt und bietet erneut viel Kreatitivät und Humor. Wie immer sind manche Texte Geschmackssache.

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„Ein moderner Dichterwettstreit, bei dem Leute vor Publikum gegeneinander antreten“ – das ist ein Poetry Slam, erklärt das Moderatorenteam zu Anfang des vierten ausverkauften Hörsaal-Slams im Audimax, denn für einige Zuschauer ist es tatsächlich das erste Mal. Der Ablauf des Abends ist einfach: Sieben Juroren werden aus dem Publikum ausgewählt, die jeden Auftritt auf einer Skala von eins bis zehn bewerten sollen. Die höchsten und niedrigsten Werte werden herausgestrichen, um die Beurteilung so gerecht wie möglich zu gestalten. In der ersten Runde treten sieben Poeten an, in der zweiten nur noch vier und im Finale wird letztendlich zwischen den zwei besten entschieden – allerdings anhand der Länge und Intensität des Applauses, nicht der Bewertung durch die Jury. Für das Publikum gibt es nur eine Regel: „Respect the poets!“ Die Dichter selbst jedoch haben sich an mehrere Vorschriften zu halten: Ihre Texte müssen selbst geschrieben sein, sie dürfen keinerlei Hilfsmittel oder Requisiten verwenden und haben ein endgültiges Zeitlimit von fünf Minuten und dreißig Sekunden.

Den Anfang macht Thorben Schulte aus Dortmund: „Ich hatte vor, einen Text zu schreiben, der immer nur mit demselben Buchstaben anfängt und dabei auch noch eine sinnvolle Geschichte hat.“ Und so beginnt wirklich jedes Wort mit dem Laut „a“. Sein Werk trägt den Titel „Andreas‘ Anaphern-Anruf an Anna“ und hat Schulte beim Schreiben sicherlich das ein oder andere frustrierte Seufzen entlockt.

Die ersten Sätze wirken etwas unbeholfen. Aber sobald der Rahmen für die Geschichte aufgebaut ist, bleibt Platz für gewitzte Kommentare und sorgfältig zusammengepuzzelte Wortspielereien. Herrlich lustig!

Bei trockenen Verkündungen wie „Annas Abendessen anstatt asiatisch alkoholisch“ folgt schließlich schnell ein Lacher auf den anderen. Den zweiten Auftritt übernimmt Johannes Floehr. In seiner Erzählung „Nicht nur bei Freunden von Bäckereien ist die Summe aller Teilchen scheiße“ überprüft er Kurt Tucholskys These, die besagt, dass der Vorteil der Klugheit darin bestehe, dass man sich dumm stellen kann.

„Das wird nichts“, denke ich recht schnell – und irre mich dabei gewaltig. Der Krefelder sollte mein persönlicher Favorit des Abends werden.

Spätestens als er verlauten lässt „Schon zwei Wasser getrunken, ich bin richtig frech heute!“ reißt er das Ruder herum und gewinnt das Publikum für sich. Mit seiner eher desinteressierten, monotonen Art begeistert dann schließlich Thomas Spitzer. Sehr früh hat er das Audimax gänzlich auf seiner Seite.

Ganz verstehen kann ich selbst die Begeisterung nicht. Klar, der liebe Thomas ist ganz lustig, aber seine Texte sind gespickt mit Flachwitzen – und zwar nicht der guten Art – und eher einfallslosen, als schlauen Blödeleien.

Deutlich unterschätzt werden wieder einmal die beiden Frauen: Anke Fuchs und Henrike Klehr. Während Anke es mit ihrem beeindruckenden Text über ihre Angst vor sich selbst immerhin noch ins Halbfinale schafft, wird Henrike Klehr mitunter am schlechtesten bewertet.

Wenn ein wirklich sympathisches und lustiges weibliches Wesen, das generell sehr gut aufgenommen wurde, doch einmal ein paar gescheite Worte mitgebracht hat, die so manchen Gutmenschhassern sauer aufstoßen könnten, sorgt das gleich für die miserabelste (und meiner Meinung nach nicht angemessene) Punktzahl des Abends, aber mit Kommentaren wie „Ich freu mich immer auf so ein Gespräch mit so linksversifften Hippiefotzen“, wie ihn Spitzer beitrug, wird man sofort zum Publikumsfavoriten…interessant.

Nach einer vielversprechenden zweiten Runde stehen letztendlich Thomas und Johannes im Finale. Während Johannes versucht, mit einem ernsteren Werk – „Wie im Puppenhaus“ – zu überzeugen, in dem er Themen wie Liebe und Demenz auf respektvolle und berührende, aber auch nicht unkomische Art behandelt, bleibt Thomas bei seiner altbewährten Art. Und die verhilft ihm schlussendlich auch zum Sieg – und damit unter anderem einer abgelaufenen Konserve voller Bohneneintopf, denn der Preis besteht aus einer vom Publikum gespendeten Sammlung an eher fragwürdigen Gegenständen.

Immerhin gegen Ende hat Spitzer bewiesen, dass er auch Witze auf Lager hat, die nicht vollkommen stumpfsinnig sind, sondern zwischendurch auch schlagfertig und intelligent sein können. Ich finde dennoch: es war ein unverdienter Sieg. Johannes konnte durchgehend mit durchdachten Scherzen und Kommentaren dienen und auch er hatte den ein oder anderen Lacher auf Lager, der in die Kategorie „schwarzer Humor“ einzuordnen war – jedoch ohne dabei rücksichtslos unter die Gürtellinie zu gehen.

Rückblickend war es ein fesselnder und abwechslungsreicher Abend. Dass nicht jedermanns Meinung mit dem Ergebnis übereinstimmt, ist nicht überraschend – Pluralität gehört dazu. Dennoch haben alle Poeten tolle Arbeit geleistet und große Freude auf den fünften Hörsaal Slam geweckt.

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