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Studieren und Sündigen unter Satan

Die Satanische Bibel von Anton LaVey dient Anhängern der „Church of Satan“ als Anleitung.

Die Satanische Bibel von Anton LaVey dient Anhängern der „Church of Satan“ als Anleitung.

Foto: Kristin Scheller

Siegen.   Eine Philosophiestudentin räumt mit Klischees und Vorurteilen rund um den Satanismus auf.

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Geopferte Ziegen, mit Blut gemalte Pentakel und schwarze Roben mit tiefen Kapuzen – der Satanismus hat nicht den besten Ruf. Die meisten würden einen bekennenden Satanisten wohl meiden und selbst tagsüber auf die andere Straßenseite wechseln. Deshalb nenne ich Morticia auch nicht bei ihrem richtigen Namen: Obwohl sie mit den Klischees aufräumen möchte, denkt sie an potenzielle Arbeitgeber. Die wollen sie vielleicht nicht einstellen, wenn sie sehen, dass Morticia das Zeichen des Baphomet – ein umgedrehtes Pentagramm mit Ziegenkopf darin – offen trägt.

Keine Teufelsanbetung

„Satanismus ist Atheismus“, behauptet Morticia, die im vierten Semester Philosophie studiert, und setzt mich damit gleich zu Anfang unseres Interviews schachmatt. „Ihr betet nicht den Teufel an?“ Sie lächelt wohlwollend, doch sagt bestimmt: „Nein. Satan ist lediglich ein Symbolbild. Wir glauben an keinen Gott oder sonst eine höhere personifizierte Macht, keine Macht mit Bewusstsein.“ Soweit definiert Anton LaVey, der Verfasser der satanischen Bibel und Begründer der Church of Satan, den Glauben. „Satan steht für Autonomie, den freien Willen“, erklärt Morticia. Dieser ist es, der im Satanismus an erster Stelle steht. Keine Kontrolle durch höhere Instanzen, keine Androhung von Einschränkungen und Strafen beim Sündigen. Stattdessen sollen sie diese sogar begehen. „Die Satanisten werden dazu ermutigt, den sieben Todsünden zu frönen, womit sie niemandem wehtun. Die christliche Kirche weiß genau, dass niemand diesen Sünden entgehen kann, da es alles Dinge sind, die wir Menschen von Natur aus tun“, liest mir Morticia aus LaVeys Werk „Die Satanische Bibel“ vor. „Satan bedeutet alle sogenannten Sünden, denn sie alle führen zu physischer, geistiger oder emotionaler Erfüllung!“ ist einer der neun satanischen Grundsätze. „Wir leugnen unsere Natur nicht, wir gehen Hand in Hand mit ihr“, erläutert sie.

Keine Tieropfer

Das heißt aber nicht, dass sie all ihren Instinkten und Impulsen wahllos nachgeben. „Tiere opfern wir nicht und schwarze Messen sind auch nicht wirklich Teil des Glaubenssystems. Wir glauben, dass Leben heilig ist. Und Kinder wie Tiere, die ja gar nicht das Bewusstsein für Gut und Böse und Moral haben, sind die unschuldigsten und schützenswertesten Lebewesen“, sagt Morticia und fügt hinzu: „Ein Satanist würde also niemals morden – erst recht keine Ziege.“ Schwarze Messen gibt es nur, weil die Medien sie erfanden – und so ergriff LaVey die Chance und machte sie zu seinem Instrument. Morticia erklärt: „Wir halten keine Messen oder Ähnliches ab. Für wen auch, wir haben keinen Gott? Jeder ist sein eigener Gott, denn jedermanns Schicksal liegt in der eigenen Hand.“ Allerdings befürwortet LaVey schwarze Messen als Parodie auf christliche Gottesdienste. „Sie dienen also, sollte ein Satanist das wollen, lediglich dazu, unsere Meinung dem Christentum gegenüber kundzutun“, so die Studentin. „Ich persönlich sehe darin keinen Sinn für mich – solange niemand mich für meinen Atheismus angreift, lasse ich auch jedem anderen seine Religion. Unter der Voraussetzung, dass die Auslebung niemand anderem schadet. Führt der Glauben zu Homophobie oder schränkt die Freiheit anderer sonst auf irgendeine Art ein, bin ich raus …“, schließt sie.

Keine Klischees

Gerade weil es keine Pflichten gibt, ist der Satanismus für Studierende eine sehr angenehme Religion. Vieles lässt sich leicht vereinbaren. Morticia merkt auch an: „Ich kenne sehr viele atheistische Studis und bin der Überzeugung, dass viele von ihnen unwissentlich ebenfalls dem Satanismus folgen. Sie sind sich dessen nur nicht bewusst, weil sie die Lehren des Satanismus nicht kennen, sondern nur die Klischees.“ Sie empfiehlt jedem Atheisten, mal einen Blick in die satanische Bibel zu werfen – sie lese sich leicht und sorge für einige Aha-Momente. Morticia meint: „Und wenn es nicht zusagt, ist es auch nur ein Stück Bildung über ein anderes Glaubenssystem.“

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