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Nebenjob als Hauptberuf: Vom BWL-Studenten zum Barkeeper

Florian Herbst hat sein BWL-Studium abgebrochen - und arbeitet ab Juli als stellvertretender Barchef in Hamburg.

Florian Herbst hat sein BWL-Studium abgebrochen - und arbeitet ab Juli als stellvertretender Barchef in Hamburg.

Foto: Ariane Draeger

Siegen.   Florian Herbst studiert BWL in Siegen, ist damit aber nicht glücklich. Also bewirbt er sich erfolgreich in Hamburg als stellvertretender Barchef.

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Rund ein Drittel der Studierenden in Deutschland bricht das Studium ohne Abschluss ab. Das belegen regelmäßig erhobene Zahlen des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (kurz: DZHW). Die Motive für einen Studienabbruch sind dabei sehr vielfältig: Das Studium ist zu schwer oder nicht, was man sich vorgestellt hat. Auch finanzielle Schwierigkeiten sind die Spitzenreiter unter den Gründen für ein abgebrochenes Studium.

Studienabbrecher gelten häufig als gescheiterte Existenzen. Immerhin haben sie ja nun sinnlos Jahre verschwendet – Vorurteile, die zwar fast immer ungerecht und falsch sind, aber nie so wirklich verschwinden werden. Dabei kann ein Studienabbruch auch eine ganz neue Chance sein, so richtig ins Leben zu starten.

Der Abbrecher

Das beweist beispielsweise Florian Herbst. Er ist 24 Jahre alt und steht kurz vor einem Abbruch seines Studiums – einem Schritt, der ihm nicht leicht fällt, der aber tatsächlich eine ganz neue Chance bietet und vielleicht auch so etwas wie die logische Konsequenz seines bisherigen Lebensweges darstellt.

Florian wurde im österreichischen Bregenz geboren und wuchs, nach kurzem Aufenthalt in Spanien, im Norden Deutschlands auf. 2014 machte er sein Abitur in Hamburg und fragte sich, wie viele andere in seiner Situation auch: „Was kommt jetzt?“. Nun hätte er sich mit dem Abitur gleich an der Uni einschreiben und so schnell wie möglich einen Abschluss und eine Karriere anstreben können, aber Florian hatte andere Pläne. Er sagte sich: „Ich will erstmal wissen, was es heißt, richtig zu arbeiten!“ So fuhr er zunächst in der Logistik des Deutschen Roten Kreuzes und schleppte kurz darauf Fenster auf dem Bau. „So richtig schwere Dinger“, erinnert sich Florian. Weitere Arbeitserfahrung sammelte er dann in der Gastronomie. Erst bei IBM im Konferenzservice und dann als Spülhilfe in der Kantine von Tesa.

Die Pläne

Ausgestattet mit dem Wissen, wie es in der Arbeitswelt so zugeht, wollte Florian dann aber doch an die Uni. „Ich wollte immer Sport studieren“, erzählt er und fügt hinzu: „Drei Wochen vor der Aufnahmeprüfung in Wien ist mir der Meniskus angerissen und so musste ich dann auf die Aufnahmeprüfung in Bochum oder Köln warten.“ Florian war schon immer sportbegeistert. Umso bitterer war es, dass er sich dann ein halbes Jahr später am Außenband verletzte und auch der Plan B ins Wasser fiel. Florian musste sich umorientieren und entschied sich dazu, BWL zu studieren. „Damit kann ich dann später noch ins Sportmanagement wechseln“, dachte er sich und bewarb sich gleich an vier Unis: Münster, Berlin, München und Siegen. Dass es am Ende Siegen wurde, begründet Florian schlicht mit: „Siegen nimmt einen halt an!“ Für ihn kam es nicht in Frage, noch ein halbes Jahr zu warten. So zog er also nach Siegen. Und das, ohne jemals vorher hier gewesen zu sein. Die Wohnungssuche wurde allein mit Internet und Telefon gemeistert.

Das Studium

Im ersten Semester ist Florian noch engagiert, sagt er. Das ändert sich aber schon im zweiten Semester. „Die überfüllten Kurse und die teils stupide Art der Wissensvermittlung ... Da hast du irgendwann keinen Bock mehr auf Uni“, erinnert er sich. Wieder kommt die Frage auf: „Wie geht es weiter?“ Die Antwort liefern diesmal seine Erfahrungen vor dem Studium und sein Nebenjob als Barkeeper, den er in Siegen angetreten hat. Florian beschließt: „Ich gehe nach Hamburg und werde Barchef!“ Nicht einfach nur Barkeeper. Barchef oder nichts! Ein gewaltiges Ziel ohne Ausbildung oder Studienabschluss.

Der neue Job

Florian sucht nach Jobanzeigen im Netz und meldet sich bei einer Jobbörse an. Er bewirbt sich und bekommt Absagen. Dann schraubt er seine Anforderungen etwas herunter und freundet sich schon fast mit dem Gedanken an, doch erst als Barkeeper weiterzumachen. Er meldet sich telefonisch bei einem angesehenen Hamburger Hotel, wo er sich auf eine ausgeschriebene Stelle als Barkeeper bewerben möchte. „Die Frau am Telefon hat mich dann gefragt, ob ich bei meiner Biografie nicht eher an dem Job als stellvertretender Barchef interessiert sei, die sie gerade eben ausgeschrieben haben“, erzählt Florian. Er steigt gleich auf das Angebot ein und bewirbt sich auf die Stelle. Die Rückmeldung kam zu einem ungünstigen Zeitpunkt. Er berichtet: „Ich wurde am Sonntagmorgen wachgeklingelt und war eigentlich noch total verkatert vom Vortag. Ich sah auf dem Display meines Handys aber eine Hamburger Nummer und wusste: Ich muss da jetzt abheben.“ Denn ein paar Jahre zuvor hatte Florian auf einer Party seine Mailboxansage modifiziert: Nach der Einleitung „Dies ist die Mailbox von:“ lallte er „Geiler Typ!“ in den Hörer. „Das fanden alle immer total witzig, aber in dem Hotel wird das wohl etwas anders sein“, so seine Befürchtungen. Also zwingt er sich dazu, bei diesem Anruf möglichst nicht verkatert zu klingen. Und es scheint ihm zu gelingen: Er wird zum Vorstellungsgespräch nach Hamburg eingeladen, darf sich danach beim Probearbeiten beweisen und erhält daraufhin die Zusage: Florian ist ab dem 1. Juli stellvertretender Barchef in Hamburg.

Die Zukunft

Für den 24-Jährigen ist das ein riesiger Erfolg und die Möglichkeit, sein Studium nun tatsächlich abzubrechen und etwas zu tun, das ihm Spaß macht. Allerdings glaubt er nicht daran, dass dies ein Weg für jeden ist. Florian mahnt: „Man muss schon genau wissen, was man dann tun will.“ Und der Abbruch hat weitere Konsequenzen: Florian hat für das Studium einen Kredit aufgenommen. „Da hatte ich schon richtig Angst. Nach einem Abbruch musst du den ja schon recht bald zurückzahlen.“ Hätte er keinen Job gefunden, hätte er wegen dieser Angst weiterstudiert. Auch jetzt wird es zwar noch eine Weile dauern, bis er den Kredit abbezahlt hat und dann auch finanziell raus ist aus dem Studium, aber er hat zumindest einen Job, mit dem er diese Rückzahlung finanzieren kann. Eine Rückkehr an die Uni schließt Florian im Übrigen nicht aus. Das liegt aber dann weiter in der Zukunft. Für den Moment gilt es, einen Umzug zu planen. Und die Mailboxansage? Die hat er auch schon geändert.

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