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Zocken, drücken, tippen – die Gefahren der Spielsucht

Auch nach Poker, Blackjack oder Roulette kann man süchtig werden – kritisch wird es zudem, wenn um Geld gespielt wird.

Auch nach Poker, Blackjack oder Roulette kann man süchtig werden – kritisch wird es zudem, wenn um Geld gespielt wird.

Foto: Alexander Mosig

Siegen.  Computerspiele, Automaten und Lotto bergen große Risiken. Die Abhängigkeit führt häufig zu Realitäts- und Geldverlust. Ein Siegener Studi erzählt

Ich bin männlich, 30 Jahre alt, Student an der Universität Siegen im Bereich Literaturwissenschaften, und war süchtig. Nicht nach Alkohol oder Marihuana, nicht nach irgendwelchen Designerdrogen: Nein, ich war spielsüchtig. Gut kann ich mich an meine Kindheit zurückerinnern, denn dort barg der Gameboy die Flucht vor der Außenwelt. Ich blendete damit alles aus, was mir nicht gefiel. Später kam in mir das Verlangen nach besserer Grafik auf und ich wollte mehr, somit gab es zu Grundschulzeiten die erste richtige Spielekonsole: einen Nintendo 64. Die verschiedenen visuellen Einflüsse rissen mich in ihren Bann und die Außenwelt war vergessen. Zu dieser Zeit hielten allerdings immer noch meine Eltern ihre schützenden Hände über meinem Haupt. Diese sorgten dafür, dass ich mich von der Konsole löste und draußen Fußball mit Freunden spielte. Dadurch entwickelte ich andere Hobbys und die Lust am Zocken verging vorerst.

Doch was ist überhaupt Spielsucht? Meist wird der Begriff fälschlich interpretiert und ausschließlich mit Automatencasinos, Wetten und Lotto assoziiert. Nicht verwunderlich, denn unsere heutige Gesellschaft ist vor allem durch die Medien geprägt. Vor jeder Fußballübertragung sehen wir eine Werbung von Online-Wettanbietern. In perfider Regelmäßigkeit werden die 6 aus 49 gezogen – jeden Mittwoch und Samstag – und riesige Gewinne in Aussicht gestellt. Der Realität entspricht es aber, dass wir mit sechs korrekt getippten Zahlten gerade mal die vorletzte Gewinnkategorie erreicht haben. Zusätzlich benötigen wir eine Superzahl, die aus den Ziffern eins bis neun gezogen wird. Daraus ergibt sich dann die hochpotente Gewinnchance aus 1 zu 140 Millionen.

Vorerst war sie vergangen, doch haben es Süchte so an sich, dass sie nie ganz verschwinden. Im Jahr 2004 erschien das Onlinespiel schlechthin, welches mehrere Millionen Spieler in seinen Bann zog. Einer dieser Millionen war ich. Also ließ ich Freunde zurück, denn der Druck im Spiel ging von unterschwelligen Eigenschaften in der Spielmechanik – vierzig Mitspieler brauchte es für das erfolgreiche Absolvieren von höheren Spielinhalten – bis hin zu realen Androhungen: „Wenn du nicht vier aus sieben Tagen in der Woche dabei bist, dann bist du raus!“, lauteten die Kampfansagen der anderen. Raus aus meinem damaligen Freundeskreis! Denn Onlinespiele zeichnen sich dadurch aus, dass die Spieler mit realen Mitspielern zusammen kämpfen, um Gegner zu beseitigen. Das Ende der ganzen Suchtspirale war simpel: die Realisation der Abhängigkeit, die damit einherging, dass ich mein Abitur mit Minusrekord wiederholen musste. Zocken ist nun keine Alternative mehr.

Computerspiele weisen also ähnliches Gefährdungspotenzial auf, wie es bei real auszuführenden Handlungen der Fall ist. Die Unterschiede sind marginaler Natur. Im Glücksspieljargon reden Experten von einem Big Win, von dem der Spieler abhängig ist. Je nach Lebenssituation kann es sich dabei um fünfzig Euro am Automaten in der hiesigen Kneipe oder um größere Gewinne im Kasino oder dem Onlinespiel handeln. Gleichwertig ist das Gefühl, welches fortan nicht mehr weichen will: Ich kann das wieder schaffen. Dabei ist es nicht mehr von Relevanz, wie viel der Automat letztlich dafür schluckt, denn der Gewinn wird größer sein, als der Einsatz. Dies wird als kognitive Verzerrung bezeichnet. Die Spieler sind überzeugt, dass sie das System verstanden haben und schlagen können. Darauf folgt ein regelgeleitetes Verhalten. Durch genauere Analyse der Spielmechaniken glauben Süchtige, dass sie durch geschickte System das Fallen der Kugel beim Roulette oder die nächste Karte beim Black Jack vorhersagen zu können. Falls sich der Erfolg bei dem einen Spiel nicht einstellen lässt, dann sucht sich der Gewinner eben ein anderes, nicht ahnend, dass er sich in einem Sog befindet.

Wenn der erste Schritt getan ist und der Spielsüchtige sich einsichtig zeigt, dann kann geholfen werden. Wichtig ist der offene Umgang mit der Thematik und die Selbstreflexion, in Bezug auf die begangenen Fehler. Diese können ein verspieltes Gehalt und den Rest des Monats nur noch Billignudeln zum Abendessen sein, oder der dritte Fehlversuch an der Universität aufgrund zu vieler durchzockter Nächte. Die Begleitung nach der Abhängigkeit ist von immanenter Wichtigkeit, denn Folgeerscheinungen wie Alkoholismus und Depressionen sind keine Seltenheit. Auch Apathie und Abkopplung von der Außenwelt können dazugehören.

Ich habe es geschafft, der Suchtspirale zu entfliehen. Bin wieder ich selbst geworden und Herr meiner eigenen Sinne. Doch ich bin mir darüber im Klaren, dass ich anfällig bin – für Spiele jeglicher Art. Daher nehme ich Abstand und setze mir, falls ich doch in die Nähe von Automaten oder anderen Spielen komme, klare Limits zur Kontrolle. Sich abends mit zwei Stunden vor der heimischen Konsole zu belohnen, ist ein solches Limit.Manchmal blicke ich dann auf die Uhr und es ist vier Uhr am Morgen. Gebannt von den flackernden und flimmernden Bildern habe ich die Zeit verloren und merke, dass ich es übertrieben habe. Dann rühre ich die Konsole für mehrere Wochen nicht mehr an.

Jedem Menschen, der sich in den beschriebenen Worten wiederentdeckt, kann empfohlen werden sich mit Freunden über die Probleme zu unterhalten. Diese helfen einem in erster Instanz am besten. Falls weiterführende Unterstützung vonnöten ist, gibt es zahlreiche Foren oder lokale Ansprechpartner, an die sich Interessierte wenden können. Spielsucht ist erst seit 2018 offiziell von der Weltgesundheitsorganisation eine anerkannte Sucht, besteht aber schon seit Jahrzehnten in der Gesellschaft. Daher sollte auch bei verhaltensauffälligen Freunden nicht davor gescheut werden, diese auf ihre potenzielle Suchtgefahr anzusprechen.

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