Stadtgeschichte

Vor dem Verfall: Letztes Haus der Silberhütte in Kredenbach

1985 wird die Silberhütte abgerissen, bis auf das Hüttenmeisterhaus und bis auf zwei Doppelhäuser, die zerlegt und wiederaufgebaut werden.

1985 wird die Silberhütte abgerissen, bis auf das Hüttenmeisterhaus und bis auf zwei Doppelhäuser, die zerlegt und wiederaufgebaut werden.

Foto: Jürgen Schade

Kredenbach.   Das Hüttenmeisterhaus ist noch übrig geblieben. Doch der Kampf um den Erhalt der zweitältesten Arbeitersiedlung in Westfalen-Lippe geht verloren.

Es ist nicht der erste Versuch, die der Ur-Weidenauer aus der Ferne unternimmt, um Zeugnisse der Geschichte seiner Heimat vor dem Untergang zu retten. Von seinem Wohnort in St. Augustin bei Bonn aus bringt er das von der Kredenbacher Silberhütte übrig gebliebene Gebäude Altlohe 2-6, das so genannte Hüttenmeisterhaus, in Erinnerung. Vielleicht für das Archiv der Sozialdemokratie in Siegen-Wittgenstein, schlägt Günter Dick vor, der damit die Anregung des Neunkirchener SPD-Politikers Hans-Dieter Moritz aufgreift: Eine solche Nutzung könne „dann auch als Anlass genommen werden, den bisher uneinsichtigen Privatbesitzer des Siegerländer Kulturerbes einem Enteignungsverfahren zu unterziehen“.

Die Positionen

Das Heimatministerium

Auf Signale zur Rettung des 1718 errichteten Hauses hofft Günter Dick vergebens. Es stünden „verschiedene mögliche Lösungsansätze für das Objekt im Raum“, antwortete im September das NRW-Heimatministerium auf ein Schreiben des Bürgers, „deren Umsetzung wird aber noch einige Zeit in Anspruch nehmen“. Betont wird, dass das Gebäude sich „in einem akzeptablen Zustand“ befinde – unausgesprochen: Der Eigentümer muss aktuell nicht mehr damit rechnen, zu Erhaltungsmaßnahmen aufgefordert zu werden. Die er übrigens auch dann noch abwenden kann: Gelingt ihm der Nachweis, dass eine Investition wirtschaftlich nicht zumutbar ist, könnte er die Übernahme des denkmalgeschützten Anwesens durch die Stadt verlangen.

Die Stadt

Die Stadt Kreuztal hat wenig Interesse daran, seit sie 2010 den Abbruchantrag, den der Eigentümer gestellt hat, ablehnen musste. „Wir kümmern uns nur um die Verkehrssicherung“, sagt Bürgermeister Walter Kiß, wiederholt auch mit Ordnungsverfügungen, mit denen die Stadt den Besitzer zum Handeln veranlasste. Von „Lösungsansätzen“, die das Ministerium erwähnt, sei ihm nichts bekannt, sagt Bürgermeister Kiß.

Der Kredenbacher

Von einer „paradoxen Situation“ spricht Stephan Hahn. Der Eigentümer könne mit dem Gebäude nichts anfangen, der Abriss sei dennoch nicht möglich. „Das historische Hüttenmeisterhaus zu Lohe wird verfallen“, sagt der ortsgeschichtlich engagierte Kredenbacher voraus – in einem Aufsatz, den er im Jahr 2000 in den „Siegener Beiträgen“ der Geschichtswerkstatt veröffentlicht hat. Die Hoffnung, dass engagierte Menschen das Haus retten, hat er damals noch: „Beispiele aus anderen Orten des Siegerlandes machen Mut.“ Boos Hus in Niederndorf, Alte Vogtei und Haus Herbig in Burbach, die Alte Schule in Holzhausen… Die Silberhütte, sagte der Landeskonservator 1984, sei die zweitälteste noch erhaltene Arbeitersiedlung in Westfalen-Lippe. Lohe, sagt Stephan Hahn auch heute, sei „wohl der geschichtsträchtigste Ort der Stadt Kreuztal – was man bei einem Besuch der Örtlichkeit nicht glauben mag“.

Die Rettungsversuche

Eine Studenten-Idee

Stephan Hahn war noch Städtebau-Student, als er gemeinsam mit seinem Kommilitonen Andreas Wöbking 1997 in einer „Übungsarbeit“ einen Vorschlag für die Dorferneuerung von Lohe vorlegte: die Gebäudereihe entlang der Straße Altlohe, in der das Hüttenmeisterhaus immer noch steht, verlängern, Vorgärten anlegen, Wohnbebauung im Bereich der ehemaligen Hütte ermöglichen. Immerhin sei durch den Neubau der Heinrichsglück-Krombach-Gebäude ohne vorherige Dokumentation bereits „eine unwiederbringliche Möglichkeit verloren gegangen, Genaueres über den Standort der Burg oder die Lebensumstände in historischer Zeit zu erfahren.“

Der Rechtsstreit

Der Rest steht im Urteil des Verwaltungsgerichts Arnsberg:

1991 rechnet ein Kreuztaler Architekturbüro aus, dass die Sanierung des Hüttenmeisterhauses 1,8 Millionen Mark kosten würde. Stadt und Kreis bewilligten 1992 und 1994 Förderzuschüsse.

1999 wurde die neue Lagerhalle genehmigt, die bis auf acht Meter an das Haus herankam; seitdem wird das Denkmal durch eine Aufschüttung abgeschirmt.

2000 legte der Kulturverein Kredenbach-Lohe ein Sanierungs- und Nutzungskonzept vor, dessen Verwirklichung 850.000 Mark gekostet hätte; die Bewilligung des Zuschusses für eine Machbarkeitsstudie verfiel 2005.

2001 ließ die Stadt Sicherungsmaßnahmen im Wege der Ersatzvornahme selbst ausführen, 2005 ein weiteres Mal – der Eigentümer, inzwischen nur noch eine Vermietungs- und Verpachtungsgesellschaft, weigerte sich mit Hinweis auf ständige Zerstörungen durch Vandalismus.

2007 beantragt der Eigentümer die Genehmigung für den Abbruch des Hüttenmeisterhauses. 2009 lehnt die Stadt ab, „auf Grund der hohen denkmalpflegerischen Bedeutung des Gebäudes“. Der Eigentümer klagt: Wegen der schlechten Lage, unter anderem auch wegen „der Nähe zum Krankenhaus und den damit verbundenen Lärmbeeinträchtigungen durch vorbeifahrende Blaulichteinsätze“ sei das Haus nicht vermietbar, die Kredenbacher forderten die Beseitigung des „Schandflecks“.

2011, am 14. März weist das Gericht die Klage ab: Der Erhalt des Denkmals sei wichtiger als das wirtschaftliche Interesse des Eigentümers, der im übrigen selbst zum Wertverlust der Immobilie beigetragen habe: „Soweit der inzwischen eingetretene Zustand des Denkmals eine kostenintensive, umfangreiche Sanierung erfordert, ist dies nicht zuletzt dem Umgang der Klägerin mit dem Denkmal geschuldet, der (…) schon kurze Zeit nach Erwerb des Denkmals durch die Klägerin von deren Abbruchabsichten geprägt war.“

Heute steht das Hüttenmeisterhaus in Altlohe immer noch.

Zwei Arbeiterwohnhäuser ziehen nach Krombach um 

1. Vom Grafen zum Stahlbau

Der Hof Lohe wird 1343 erstmals erwähnt, die Loher Hütte 1439. Zu dem nassauischen Lehen gehörten einmal eine Wasserburg und ein Burggraf, vor allem aber auch weitere Wohngebäude, in die später Pächter einzogen, von 1730 bis 1819 aus ihrer friesländischen Heimat vertriebene Mennoniten. Sie bewohnten auch das spätere Hüttenmeisterhaus, zu ihrer Zeit wurde das Haus Altlohe 1 gebaut, der Kredenbacher Hof. Lohe wurde Teil des Cöln-Müsener Bergwerks-Aktien-Vereins, später, von 1940 bis 1950, war die „Silberhütte“ Betriebsstätte der Deutschen Gold- und Silberscheideanstalt (Degussa). Dann wurde sie Teil des Betriebsgeländes der Stahlbau-Firma Vogel.

2. Vom Abbruchantrag zum Denkmalschutz

Als Vogel 1983 in Konkurs ging, handelte die Stadt Kreuztal: Sie stellte das Betriebsgelände der Silberhütte und die Arbeitersiedlung, zu der damals neben der Adresse Altlohe 2-6 auch noch zwei Doppelhäuser in der heute nicht mehr bestehenden Straße Zur Silberhütte gehörten, unter Denkmalschutz. Der Konkursverwalter widersprach, die Begründung sei „weitgehend falsch“, für eines der Doppelhäuser habe es 1978 sogar eine Abbruchgenehmigung gegeben. „Sollte die Stadt Kreuztal an einem Erwerb interessiert sein, bitte ich unverzüglich um ein entsprechendes Angebot.“

Neuer Eigentümer des Areals wird Vogel-Nachbar Krombach-Armaturen. Wenn die Wohnhäuser stehen bleiben, könne das übrige Betriebsgelände trotzdem genutzt werden, heißt es in dem Rathaus-Vermerk über ein Gespräch, in dem Friedrich Krombach anbietet, der Stadt „zwei oder drei Häuser“ zu schenken. „Das wiederum könnte seinerseits nur mit der Auflage geschehen, dass ihm niemand reinrede, der ihm Auflagen mache oder sonstige Schwierigkeiten bereiten könne.“ Der Landeskonservator räumt ein, dass für die Firma Krombach der Erhalt der Wohnhäuser Zur Silberhütte „unzumutbar“ sei. Friedrich Krombach selbst lässt die Stadt wissen, dass sie „notfalls“ den Denkmalschutz für die Altlohe 2-6 akzeptieren werde.

3.Von der Demontage zum Wiederaufbau

Auf den Plan treten 1984 die Freudenberger „Arbeitsgemeinschaft Ortsbild“ und der Hilchenbacher Gartenbauunternehmer Friedhelm Weidt mit dem Vorschlag, die beiden Silberhütten-Häuser abzubauen, einzulagern und an anderer Stelle wieder aufzubauen. Im April 1985 genehmigt die Stadt den Abbruch. „Ein in Privatbesitz befindliches Grundstück im nördlichen Stadtgebiet“ sei für den Wiederaufbau „ins Auge gefasst“ worden, meint die Verwaltung zu einem Antrag der Grünen. Die Arbeitsgruppe Ortsbild bringt ein „Asyldorf“ in Krombach ins Gespräch, für das mit den Silberhütten-Häusern der Anfang gemacht werden könne.

1986 werden die Häuser zerlegt und auf das Betriebsgelände von Friedhelm Weidt in Dahlbruch gebracht. Auch aus Siegen, Netphen und Bad Laasphe melden sich Interessenten, während in Kreuztal die Standortsuche läuft. Am Ende wird es nicht Junkernhees, sondern ein Grundstück der evangelischen Kirchengemeinde Krombach. 1991 fällt die Entscheidung, ein Jahr später steht bereits der Rohbau für 15 Seniorenwohnungen an der Wildenburger Straße. Die Hausnummern 7 und 9 stehen in der städtischen Denkmalliste.

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