Tattoo-Serie

Warum Doktorandin der Uni Siegen zum Thema Tattoos forscht

Stereotypen und Vorurteilen, die mit Tätowierungen zusammenhängen, hat Nicole Herfurtner erforscht.

Stereotypen und Vorurteilen, die mit Tätowierungen zusammenhängen, hat Nicole Herfurtner erforscht.

Foto: imago stock&people

Siegen.   Die Doktorandin der Uni Siegen hat Stereotype und Vorurteile in Zusammenhang mit Tattoos erforscht und verrät, was sie herausgefunden hat.

Der obligatorische Anker auf dem Oberarm des Seefahrers: Dieses Bild kommt nicht von ungefähr. Doch längst sind Tätowierungen in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Nicole Herfurtner ist Doktorandin und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Sozialpsychologie der Uni Siegen und hat für ihre Masterarbeit zu Stereotypen und Vorurteilen, die mit Tätowierungen zusammenhängen, geforscht. Was sie herausgefunden hat, verrät die 26-Jährige im Interview.

Wieso wollten Sie sich in Ihrer Forschung mit der psychologischen Betrachtung von Tätowierungen auseinandersetzen?

Nicole Herfurtner: Ich habe großes forscherisches Interesse an verschiedenen Formen von Stereotypen, die mit unterschiedlichen Gruppen in Verbindung gebracht werden, und wie sich diese auf die betroffenen Personen auswirken.

Tätowierungen stellen eine Besonderheit dar. Die Träger entscheiden sich im Vergleich zu Personen, die beispielsweise aufgrund von Geschlecht, Ethnie oder Sexualität mit Vorurteilen rechnen müssen, bewusst für diese Körpermodifikation. Sie riskieren also wissentlich eine Stigmatisierung durch andere. Die Motivationen dahinter und ob sich die Assoziationen, die im Allgemeinen mit Tattoos verbunden werden, durch die wachsende Beliebtheit dieser Praxis verändert haben, haben mich interessiert.

Gibt es überhaupt viel Forschung zum Thema Tätowierungen?

Nein, der Forschungsstand ist vergleichsweise noch sehr gering. Erst mit der Jahrtausendwende hat die psychologische Erforschung des Themas an Fahrt aufgenommen und viele Studien wurden erst innerhalb der letzten zehn Jahre durchgeführt.

Sie haben einen Fokus Ihrer Forschung auf die Motivation hinter Tattoos gelegt – was haben Sie darüber herausgefunden?

Studien haben gezeigt, dass die Motivationen hinter Tattoos so unterschiedlich sind wie ihre Träger. Für die meisten stellt eine Tätowierung die Möglichkeit dar, ihre Identität, Interessen oder Werte nach außen hin zu zeigen. Andere nutzen Tattoos, um besondere Ereignisse in ihrem Leben festzuhalten oder um diese zu verarbeiten und sie symbolisch abzuschließen. Es gibt aber auch einige Personen, die eine rein ästhetische Motivation haben und ihre Tattoos nutzen, um ihren Körper zu schmücken, ohne ihnen eine persönliche Bedeutung zuzuschreiben.

Während Tattoos lange Zeit Symbol in Subkulturen waren, sind sie mittlerweile zu einem Modetrend und durchaus salonfähig geworden. Wie kam diese Entwicklung zustande – beziehungsweise: Wodurch wurde sie beeinflusst?

Viele Praktiken, die innerhalb von Subkulturen genutzt werden, um eine von der Mehrheit abweichende Identität zu verdeutlichen, erreichen irgendwann die Mitte der Gesellschaft.

Dies kann am Beispiel von Tattoos anhand einer Nutzung durch Modedesigner, Werbetreibende und berühmte Personen vorangetrieben werden. Dadurch werden sie auch in den Medien immer präsenter und mit der Zeit steigt die allgemeine Akzeptanz gegenüber diesen Praktiken.

Wissen Sie auch etwas über die Ursprünge von Tätowierungen – wann sind Sie zum Beispiel entstanden? In welchen Kulturen gehören die Körpermodifikationen fest dazu?

Die Praxis des Tätowierens hat sich, soweit der allgemeine Wissensstand, vermutlich in verschiedenen Kulturen unabhängig voneinander entwickelt. Sie wurde schon immer zu unterschiedlichen Zwecken genutzt: Tattoos hatten unter anderem eine soziale Funktion und haben die Gruppenzugehörigkeit und den Rang einer Person gezeigt. Sie wurden aber auch aus religiösen oder ästhetischen Gründen getragen oder zur sichtbaren Kennzeichnung von Kriminellen genutzt.

In der westlichen Kultur waren Tattoos zunächst bei Seefahrern verbreitet, die diese Art der Körpermodifikation aus anderen Ländern mitbrachten. Lange wurden sie dann vornehmlich von Arbeitern, Sträflingen und Personen der Unterschicht getragen, ehe sie in Subkulturen an Popularität gewannen und sich immer mehr zu einem gesellschaftsübergreifenden Phänomen entwickelten.

Nicht tätowierte Menschen empfinden Tätowierungen oft als fremdartig oder begegnen der Kunst auf der Haut mit Vorurteilen – was haben Sie über die Wahrnehmung von Tattoos durch Außenstehende herausgefunden?

Obwohl Tätowierungen mittlerweile weit verbreitet sind und einen Platz in der „Mainstream“-Gesellschaft gefunden haben, scheinen historische Assoziationen mit Randgruppen weiterhin vorzuherrschen. Es wurde herausgefunden, dass nicht tätowierte Betrachter diese Körpermodifikationen unter anderem mit geringerer Intelligenz und körperlicher Gesundheit, Gewaltbereitschaft sowie Drogenkonsum verbinden.

Eine von mir durchgeführte Studie hat gezeigt, dass die Motivation hinter dem Tattoo sowie der damit verbundene Entscheidungs- und Entstehungsprozess das Urteil von außen beeinflussen können. Träger sogenannter Mode-Tattoos, die aus rein ästhetischen Gründen und ohne intensive Auseinandersetzung mit der Tradition dieser Körperkunst gestochen werden, scheinen besonders negativ beurteilt zu werden.

Daraus könnte man schließen, dass trotz zunehmender Popularität von Tattoos eine Rechtfertigung für Körpermodifikation anhand einer persönlichen Bedeutung des Motivs und eines durchdachten Entstehungsprozesses notwendig ist, um als tätowierte Person bestehende Vorurteile abzuschwächen.

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