ÖPNV

Warum seit Wochen so viele VWS-Busse in Siegen ausfallen

Bus am Siegener ZOB: Busfahrer sind seltenauf dem Arbeitsmarkt – womöglich auch, weil selbst in Anlern-Jobs in der Industrie mehr Geld zu verdienen sei, wie manche ehemalige Busfahrer berichten

Bus am Siegener ZOB: Busfahrer sind seltenauf dem Arbeitsmarkt – womöglich auch, weil selbst in Anlern-Jobs in der Industrie mehr Geld zu verdienen sei, wie manche ehemalige Busfahrer berichten

Foto: Hendrik Schulz

Siegen.   Fahrplankürzungen seit acht Wochen: Jeder vierte Fahrer bei den VWS ist krank. Entspannung bis Ostern in Sicht. Gewerkschaft sieht Überforderung.

210. Das ist die Zahl der Busverbindungen, die am Dienstag, 26. März, ausfallen. Seit acht Wochen quält die in diesem Umfang noch nicht dagewesene Krankheitswelle nicht nur die betroffenen Busfahrer, sondern auch die Fahrgäste der Verkehrsbetriebe Westfalen-Süd (VWS). Warum ist das so? Und wie lange wird das noch dauern?

Die VWS

45 von 197 Fahrern waren am letzten Freitag krank. Das ist locker ein Viertel der Belegschaft. „Wir gehen nicht davon aus, dass es auf diesem Niveau bleibt“, sagt VWS-Betriebsleiter Gerhard Bettermann, den es – ebenso wie VWS-Inhaber Klaus-Dieter Wern – selbst für zwei Wochen niedergestreckt hat. Bettermann will nicht allein von der saisonüblichen Grippewelle sprechen. Auch andere Krankheitsbilder können dazu kommen, Gipsarme oder -beine sind die offensichtlichen. Allen entscheidend ist die „Fahrdienstuntauglichkeit“, die der Arzt bescheinigt. Hoffnung setzen die VWS auch auf die Osterferien, wenn der Schülerverkehr entfällt, den dann anstehenden kleinen Fahrplanwechsel, „bei dem wir die eine oder andere Optimierung umsetzen“, und die erfolgreiche Akquise zusätzlichen Personals. Die Uni-Expresslinien werden zu Semesterbeginn startklar sein, verspricht Bettermann: „Wir werden die Studenten zur Uni bringen.“

Stellung nimmt der VWS-Betriebsleiter zu in der Öffentlichkeit kursierenden Mutmaßungen:

Die Busfahrer sind nicht motiviert? Damit werde den Mitarbeitern Betrug unterstellt, sagt Bettermann, das sei „unsägliches Geschwätz“. Tatsächlich bemühe sich das Unternehmen um die Umsetzung von Anregungen aus der Belegschaft, die von der Ausstattung der Fahrersitze bis zur Gestaltung der Dienstpläne reichen: „Da haben wir einiges umsetzen können.“

Die Personaldecke ist zu dünn? Geplant werde mit sieben Prozent krankheitsbedingtem Ausfall, der doppelten Quote, die in der privaten Wirtschaft üblich ist. „Wir betreiben da ziemlich hohen Aufwand. Aber bei 25 Prozent haben wir keine Chance.“

Der ZWS

Günter Padt, Geschäftsführer des Zweckverbands Personennahverkehr (ZWS), vertritt die beiden Kreise, die als Aufgabenträger für den öffentlichen Nahverkehr verantwortlich sind. Der hohe Krakenstand sei „höhere Gewalt“, „ich rechne damit, dass die Leute bald wieder im Rennen sind.“ Für Padt machen sich die Ursachen am Fahrermangel fest: „Fahrer sind nun mal ein seltenes Gut — das ist die gleiche Nummer wie bei der Bahn.“ Auch dort fallen Züge aus, weil es zu wenig Lokführer gibt.

Die Bezahlung: Womöglich sei da „etwas im System faul“, sagt Padt, er weiß von Busfahrern, die in die Industrie wechseln – weil sie da selbst in Anlern-Jobs besser verdienen.


Die Ausbildung: Als es noch die Wehrpflicht gab, seien „jede Menge Leute mit entsprechenden Führerscheinen“ von der Bundeswehr in den Arbeitsmarkt entlassen worden. „Heute muss man für den Führerschein richtig Geld auf den Tisch legen.“

Die Gewerkschaft

Jürgen Weiskirch, Bezirksgeschäftsführer der Gewerkschaft Verdi, fasst seine Erklärungen so zusammen: „Die Rahmenbedingungen sind nicht optimal.“

Der Nahverkehrsplan: „Die VWS haben sich ein Stück weit übernommen“, vermutet Weiskirch. Im vorigen Jahr seien die Konzessionen für alle Buslinien in Siegen-Wittgenstein und Olpe an die VWS gefallen; dafür reichten Personal und Fuhrpark nicht aus. Aktuell schwebt immer noch der von einem Mitbewerber angestrengte Prozess um die Konzessionen in Siegen-Mitte – das erschwert langfristige Planung.

Die Arbeitsbelastung: Verlangt würden vom ZWS „Leistungen, die in keinem Fall einzuhalten sind“, sagt Weiskirch: Entstanden seien „Fahrpläne, die nicht fahrbar sind“. Solche Überforderung mache krank. Fahrer suchten sich andere Arbeitgeber mit besseren Konditionen. Nur der ältere Teil des VWS-Fahrerstamms ist noch bei den einst kommunalen VWS zu den Bedingungen des öffentlichen Dienstes angestellt, die nach 2007 Dazugekommenen bei anderen Unternehmen der Wern-Gruppe, bei denen der Tarif des privaten Omnibusgewerbes angewendet wird.


Die Politik: Verdi-Geschäftsführer Weiskirch sieht keine Perspektive für den „eigenwirtschaftlichen“, nicht subventionierten Nahverkehr mehr. Die Privatisierung hat den VWS drei Besitzerwechsel beschert, zuletzt von der französischen Veolia Transdev zu Wern, der in dem Unternehmen einen „unverkennbaren Innovationsschub“ initiiert habe. Die politisch gewollte Eigenwirtschaftlichkeit wird allerdings schon seit Jahren nur noch durch Zuwendungen anderer Art aufrecht erhalten, vor allem dem massenhaften Ankauf von Schülertickets durch den Kreis.

Der AStA

Die Vorlesungszeit an der Universität beginnt zwar erst kommende Woche, für die Einführungsveranstaltungen kommen aber schon heute viele Studierende zum Haardter Berg. „Es war ja früh angekündigt, die meisten sind auf die Linien C111 und C106 ausgewichen“, so Sarah Wessel vom Sozialreferat des Allgemeinen Studierendenausschusses (AStA). Die Verfasste Studierendenschaft hat einen Vertrag mit den VWS, die für die zusätzlichen Transportleistungen der UX-Linien Geld vom AStA bekommen. Da am Montag nahezu alle UX-Linien ausgefallen seien, prüfe man angesichts der Nichterfüllung des Vertrags, ob und welche Konsequenzen man daraus ziehen werde. Wenn die Busse krankheitsbedingt nicht fahren können, sei das zwar ärgerlich, zur Zeit aber noch eher verschmerzbar als kommende Woche: In der Vorlesungszeit fahren stündlich mehrere voll besetzte UX-Linien den Haardter Berg ­hinauf.

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