Integration

Wichtigstes Fach ist die Fremdsprache Deutsch

Nour (2.v.r.) erzählt von seinem Praktikum. Lehrerin Kerstin Burgmann und die anderen Schüler hören ihm zu und stellen Fragen.

Nour (2.v.r.) erzählt von seinem Praktikum. Lehrerin Kerstin Burgmann und die anderen Schüler hören ihm zu und stellen Fragen.

Foto: WP

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Geisweid. Die Geschwister-Scholl-Schule in Geisweid hat nach den Sommerferien ungewöhnlich viele Schüler ohne oder mit nur schlechten Deutschkenntnissen dazubekommen. Laut Schulleitung mehr als doppelt so viele wie sonst. Zwar bietet die Schule zusätzlichen Sprachunterricht an und versucht, die Kinder in die Regelklassen zu integrieren. Aber die wachsende Anzahl erschwert zunehmend eine ausreichende Förderung und so auch Integration.

Mit sechs Kindern sitzt Kerstin Burgmann an einem Tisch. Obwohl sie alle aus den verschiedensten Ländern kommen und unterschiedlich alt sind, haben sie doch eines gemein: Sie lernen Deutsch, und das als Fremdsprache. Tamara stammt aus Syrien, Ivan ist Bulgare. „Ich heiße Tamara und ich bin 14 Jahre alt“, sagt das zierliche Mädchen. Sie trägt Kopftuch. „Ich bin Ivan und meine Hobbys sind Fußball“, sagt der Junge und überlegt, „und Fußball.“ Alle lachen.

Regelklassen nicht überlasten

Heute musste die Gruppe in einen Besprechungsraum neben dem Lehrerzimmer ausweichen. „Eigentlich wären wir in einem richtigen Klassenraum“, erklärt Kerstin Burgmann. „Aber alle sind belegt.“ Die 52-Jährige Lehrerin leitet das Gespräch, animiert die Kinder immer wieder, etwas zu sagen. „Ich esse einen Apfel in der Schule“, sagt Tamara. Kerstin Burgmann lobt sie. Das Mädchen spricht die Worte fast perfekt aus. Und das, obwohl sie erst seit acht Monaten dabei ist. „Tamara konnte vorher nur Arabisch“, erklärt die Lehrerin. Beeindruckend, wie sie zu Recht findet. Deshalb sitzt Tamara bereits im Kurs für Fortgeschrittene.

Hausaufgabe für heute war es, mehrere Sätze zu bilden, bestehend aus Subjekt, Prädikat und Objekt. Tamaras Bruder Nour ist auch da. Für den 16-Jährigen ist das bereits ein Leichtes. „Bei ihm geht es nur noch um den Feinschliff“, freut sich Kerstin Burgmann. Deshalb wäre er auch lieber im Sportunterricht zum Fußballspielen, gesteht Nour und grinst. „Ich weiß“, entgegnet Burgmann. „Aber du willst doch deine Klausuren schaffen.“ Er nickt.

Der Förderunterricht findet parallel zum normalen Unterricht statt. Je besser die Schüler Deutsch sprechen, desto häufiger besuchen sie den Regelunterricht. „Wir ordnen sie zur Integration in bestehende Klassen ein“, erklärt Schulleiter Martin Jung. Sie sollen Anschluss finden. Ziel sei es, den Schülern innerhalb von zwei Jahren so gut Deutsch beizubringen, dass sie den Abschluss schaffen und eine Ausbildung machen können. Das schaffen längst nicht alle. „Jeder bekommt hier einen individuellen Stundenplan“, sagt Jung.

Das Problem: Je mehr Kinder ohne Deutschkenntnisse an die Schule kommen, desto schwieriger wird es, jedes einzeln zu betreuen. Und nicht jeder lernt so gut wie Tamara oder Nour. Manche schließen sich in Gruppen zusammen und sprechen nur in ihrer Landessprache, schaffen es daher nicht, sich zu integrieren. Einige fallen negativ auf, stören den Unterricht. „Es ist schwierig, jemandem, der die Sprache nicht versteht, die Schulregeln zu erklären“, sagt Martin Jung.

Im Technikunterricht könne das sogar gefährlich werden, wenn es zum Beispiel um Sicherheitshinweise geht. Man dürfe die Regelklassen zudem nicht überlasten, sonst werden die anderen Schüler zu sehr gestört, sagt Jung. „Wir können ja nicht alle anderen vernachlässigen.“ Viele Schüler der Geschwister-Scholl-Schule hätten einen Migrationshintergrund und brauchen ebenfalls Sprachförderung. Sogar bei deutschen Schülern sei die Sprache mitunter ein Problem.

An der Grenze der Kapazität

Für Nour ist sie das nicht mehr. Momentan wiederholt er zwar die 9. Klasse, weil er anfangs kein Deutsch konnte. Mittlerweile ist er aber so gut, dass er sogar schon ein Praktikum gemacht hat. „Das hat Spaß gemacht“, sagt er. Einige aus dem Kurs von Kerstin Burgmann möchten es später auf die Realschule schaffen. Bei einem hat das sogar schon geklappt.

Warum die Zahl dieser Schüler nach den Sommerferien so stark angestiegen ist? Die meisten seien Rumänen, die aus Italien kommen. „Einige sprechen nur Italienisch“, sagt Martin Jung. Da fehlt es an Dolmetschern. Der Sprachunterricht nimmt mit 60 Schulstunden die Woche bereits mehr als zwei Lehrerstellen in Anspruch. „Wir wollen den Kindern so gut es geht den Einstieg in ein neues Leben erleichtern, aber so ganz viele können wir nicht mehr aufnehmen“, sagt Christoph Weißer, der stellvertretende Schulleiter. „Sonst geht das auf Kosten der anderen Schüler.“ Man müsse die Entwicklung abwarten und auch andere Schulformen beteiligen. Gefragt seien nicht nur die Schulen, sondern auch die Politik.

Drei Fragen an Margarete Ott 

Dr. Margarete Ott ist Professorin für Sprachwissenschaft und Didaktik an der Uni Osnabrück. Sie lebt in Netphen und engagiert sich dort selbst ehrenamtlich, indem sie Flüchtlingen Deutschunterricht gibt.

1 Kommen immer mehr Schüler ohne Deutschkenntnisse an die Schulen?

Es ist nicht richtig, dass generell immer mehr Kinder ohne oder nur mit geringen Deutschkenntnissen in die Schule kommen. Aber es gibt natürlich Phasen, wo zum Beispiel aufgrund eines höheren Flüchtlingsaufkommens durch aktuelle Krisen sich diese Zahlen drastisch erhöhen.

2 Welche Betreuung sollten diese Kinder idealerweise bekommen?

Neu angekommene Kinder sollten zunächst eine möglichst intensive und zumindest in der Anfangsphase zweisprachige Erstbetreuung erhalten. Danach sollten die Schüler entsprechend ihrer Altersklasse und ihrer schulischen Leistungsfähigkeit weitgehend in den Regelunterricht integriert werden.

3 Wie kann man Problemen entgegenwirken?

Angemessene Integration gelingt am ehesten bei normalen nachbarschaftlichen Kontakten. Es dürfe nicht sein, dass es Schulen mit stark überhöhtem Ausländeranteil gibt oder Wohnheime und Wohnviertel, wo Flüchtlinge beziehungsweise Ausländer quasi unter sich sind.

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