Brauchtum

Wohin an Ostern im Siegerland? Auf die Eierbahn in Obersdorf

Steiles Gefälle und jede Menge Kurven: Die Piste oberhalb der Grillhütte wird bis Ostermontag noch optimal präpariert.

Steiles Gefälle und jede Menge Kurven: Die Piste oberhalb der Grillhütte wird bis Ostermontag noch optimal präpariert.

Foto: Hendrik Schulz

Obersdorf.   Ostermontag rollen in Obersdorf Renn-Eier die Piste hinab. Ein Wettbewerb für alle: Was rollt am schnellsten – hart, weich, roh, bemalt?

Die roten Eier sind schneller. Und kommen auch unten an. Das kann allerdings auch daran liegen, dass Reiner Dreysse eine bessere Wurftechnik als Meik Klingelhöfer hat. Die Obersdorfer Eierbahn ist auch noch nicht ganz fertig. Aber am Ostermontag, 22. April, ist sie das und dann kann jeder in den Wettbewerb auf der steilen Piste oberhalb der Obersdorfer Grillhütte einsteigen. Vor dem 675. Geburtstag des Wilnsdorfer Ortsteils möchten die Veranstalter eine Familien-Aktion anbieten.

Die Idee

Jahrzehntelang gab es keine Eierbahn im Siegerland, die hier auch als „Eierhickeln“ bekannt war. „Früher haben sich am Ostermontag Klein und Groß getroffen, eine Eierbahn gebaut und sind mit ihren bunten Eiern, die sie gesucht hatten, im Wettkampf gegeneinander angetreten“, sagt Meik Klingelhöfer. Im hessischen Raum gab es wohl die Tradition des Eierwerfens – roh und gekocht. Die Siegerländer Variante ist definitiv nachhaltiger. Für die Eier. „Im hügeligen Gelände bietet sich eine Bahn einfach an“, sagt Reiner Dreysse.

Tradition ist in Obersdorf zur Zeit noch wichtiger, als ohnehin schon – immerhin wird im Juli das 675-jährige Bestehen gefeiert. „Bei den Vorbereitungen für das Ortsjubiläum gab es die Idee, diesen Brauch wieder aufleben zu lassen“, sagt Klingelhöfer. Ganz wichtig dabei: Den Kindern zu zeigen, was die Menschen früher an Ostern gemacht haben.

Klingelhöfer und Dreysse gehören zum Förderverein 675 Jahre Obersdorf, der eigens für das Ortsjubiläum gegründet wurde. Aber die, die eigentliche Arbeit machen, sagen die beiden, sind der Heimatverein Obersdorf und die Waldgenossenschaft, denen auch die Grundstücke gehören.

Die Bahn

Drei Männer und ein Plan: Volker Stein, Andre Schneider und Erhard Trapp sind die Baumeister. Sie haben die Strecke in den Hang gegraben. Es gibt Spitzkehren, Steilkurven, Sprintstrecken; alles was eine Rennbahn braucht. Mit diversen Testeiern ging das Trio zu Werke, damit die Eier auch wirklich unten ankommen. Sie errichteten Schikanen und Kurven, polsterten mit Moos aus. Man braucht Gefälle – gibt es. Ideal ist weicher Nadelboden – im Fichtenwald nichts einfacher als das. Und Baumaterial. „Äste liegen immer ‘rum“, sagt Reiner Deysse.

Die Eier kommen tatsächlich unten an – in einem Stück. Manche haben eine Macke, sind aber alle noch essbar. Am Ostermontag werden die Eier mit Hilfe von Rohren gestartet. Gleiche Startbedingungen für alle. Immer zwei Eier gehen gleichzeitig auf die Bahn und welches zuerst in einem Stück unten ankommt, hat gewonnen.

Die Physik

Auf das Ei kommt es an. Roh oder gekocht, hart oder weich? Bemalt sollte es mindestens sein, wünschen sich die beiden Obersdorfer – vielleicht wirkt das Einreiben mit Speckschwarte beschleunigend, trotz des Nadelbodens? Oder das Einwickeln in Klebeband, um auch rohe Eier zu stabilisieren? Oder das Ankleben von Red-Bull-Flügeln? „Es wäre toll, wenn nicht nur möglichst viele kommen, sondern sich auch im Vorfeld mit ihren Renn-Eiern beschäftigen“, sagt Meik Klingelhöfer.

Dass sich Familienteams bilden, in denen die grauen Zellen angestrengt werden, um herauszufinden, wer das schnellste Ei präpariert; Oma gegen Enkel, Vater gegen Tochter, Nachbarn untereinander

Rein physikalisch ist es so, dass ein rohes Ei schneller ist – zumindest auf gerader Strecke. Der lose im Ei schwingende Dotter wirkt ab einem gewissen Tempo als Beschleuniger. Bei gekochten Eiern ist das Eigelb gewissermaßen fixiert, zudem gibt es in jedem Ei eine kleine Luftblase – das Ei bekommt eine Unwucht. Aber das kann auf der kurvigen Piste in Obersdorf schon wieder ganz anders aussehen — vielleicht ist es gerade gut, wenn die Eier etwas fester gekocht und damit gebremst sind, damit sie nicht aus der Kurve fliegen?

Dann die Farbe. „Der Farbauftrag kann das Rollverhalten beeinflussen“, meint Reiner Dreysse. Alle Tricks sind erlaubt, die Renn-Eier können nach Herzenslust aufgemotzt werden. „Wir hoffen auf verrückte Ideen und witzige Kreationen“, sagt Meik Klingelhöfer – welches die beste Technik ist, wird sich am Montag herausstellen.

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