Konzessionsabgabe

Gelebter Irrsinn - Wenn Stromsparen den Strom teurer macht

Unternehmer Clemens Becker-Jostes (67)

Foto: WAZ FotoPool

Unternehmer Clemens Becker-Jostes (67) Foto: WAZ FotoPool

Sundern.   Aberwitzig, absurd, ärgerlich. Ein Unternehmer muss nach dem Einbau von Energiesparlampen eine höhere Stromrechnung zahlen als zuvor - weil sein Verbrauch gesunken ist. Nun schaltet der Mann aus Sundern für den günstigeren Sondertarif die Staubsauger auf Dauerbetrieb.

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KAV. Nein. Es ist nicht der Wiener Krankenanstaltenverbund. Die Geschichte mit den drei Buchstaben spielt im Sauerland, in Sundern. Aber sie hört sich nicht gesund an. Sie ist in Zeiten, in denen die Politik täglich Energieeffizienz und Energieeinsparung predigt, aberwitzig und absurd.

Entschlüsseln wir den Code. Das Kürzel KAV steht in der Energiebranche für Konzessionsabgabenverordnung. Nie gehört? Kein Wunder. Nur Branchenexperten ist sie ein Begriff. Sie regelt die Gebühr, die Städte und Gemeinden zur Nutzung der Straßen für Versorgungsleitungen von Energieversorgern erheben.

Die Höhe hängt von der Zahl der Einwohner ab. Bei Gemeinden bis 25 000 Einwohner 1,32 Cent pro Kilowattstunde (kWh), bis 100.000 Einwohner 1,59 Cent/kWh, bis 500.000 Einwohner 1,99 Cent/kWh. Kosten, die die Energieversorger über den Strompreis an den Kunden weitergeben.

Konzessionsabgabe ist schuld

Der Kunde in unserem Fall ist der Unternehmer Clemens Becker-Jostes: „Wenn ich nur daran denke, bekomme ich so einen Hals.“

Langsam. Klären wir auf.

Umweltbewusst und auf Senkung seiner Stromkosten aus, hat der 67-Jährige in seiner Fachgroßhandlung und seinem Einzelhandelsgeschäft auf 2000 Quadratmetern alle Glühlampen durch Energiesparlampen ersetzt. Kosten der Investition: 12.000 Euro. Das Ergebnis treibt Energiesparern vor Freude die Tränen in die Augen.

Der Stromverbrauch von bislang 80.000 kWh fällt dank der im Laufe des Jahres eingebauten Lampen auf 73.500 kWh., die Stromrechnung ebenfalls von 14.200 auf 12.800 Euro.

Alles gut. Bis hierhin.

Absurd geht es im Galopp voran. Im ersten Jahr, in dem die Energiesparlampen durchgängig brennen, sinkt der Verbrauch weiter - auf 69.700 kWh. Und – die Stromrechnung steigt in ungeahnte Höhen auf 14.300 Euro.

„Ein Hammer“, sagt Becker-Jostes. „Ich investiere, spare Energie, schone das Klima und bezahle mehr. So einen Widersinn habe ich noch nie erlebt.“ Der Senior ist auf dem Baum, macht sich schlau. Die Konzessionsabgabe sei schuld. Was? Wie? „Selbst der Elektriker hat davon nie gehört.“

Tauchen wir in die Tiefen der Tarife. Becker-Jostes hat mit seiner energiesparenden Maßnahme den Status als Sonderkunde verloren. Bei einem Jahresverbrauch von mehr als 30.000 kWh und einer Spitzenlast von mehr als 30 kW in mindestens zwei Monaten musste er bislang nur 0,11 Cent je kWh Konzessionsabgabe zahlen. Jetzt, mit deutlich weniger Verbrauch, verliert er das Recht als Sonderkunde und muss 1,59 Cent je kWh zahlen. Ein nicht unbeträchtlicher Unterschied.

Gelebter Unsinn

Der Sauerländer wäre kein Sauerländer, wenn er sich nicht zu helfen wüsste. Becker-Jostes weiß wie. An zwei Tagen in zwei Monaten schaltet er alle verfügbaren Staubsauger in seinem Geschäft ein, um den Verbrauch künstlich in die Spitze zu treiben. Warum? Um so wieder von der niedrigeren Konzessionsabgabe für Sonderkunden zu profitieren. „Wir bauen neben dem Stromzähler ein Messgerät ein“, so Becker-Jostes, „wenn wir an der Grenze liegen, schalten wir sie ein.“ Was das ist? Eine kuriose Blüte der Energiewende?

Schlimmer. „Das ist gelebter Unsinn“, bestätigt Christoph Rosenau, Geschäftsführer von Hochsauerlandenergie in Meschede. „Dem Mann kann nicht geholfen werden. Es sei denn, der Gesetzgeber ändert die Vorgaben.“ Ganz gleich bei welchem der mehr als 140 Energieversorger in Deutschland der Unternehmer seinen Strom beziehen würde: „Das Problem mit der Konzessionsabgabe bleibt das gleiche.“ Dass das Opfer gesetzlicher Regulierungen so handelt, wie es handelt, überrascht Rosenau nicht: „Ich kann sein Verhalten nachvollziehen. In so einem Fall wird Stromsparen ad absurdum geführt.“

Die erste Reaktion auf eine Anfrage dieser Zeitung beim Bundeswirtschaftsministerium ist schallendes Gelächter. „Das gibt’s wirklich?“ Drei Tage folgt die offizielle Antwort: „Derzeit ist keine Änderung dieser konzessionsabgabenrechtlichen Tariffiktion geplant.“ Paragraph 2 Absatz 7 der KAV bleibt. Becker-Jostes hilft es nicht. Seinen Schritt an die Öffentlichkeit bereut er nicht. „Ich musste mich rühren. Sonst ändert sich nichts.“ Eine gesunde Einstellung und gegen diese kranke KAV.

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