Gericht

Opfer sieht Angeklagten als "Vater und Bruder"

Foto: David-Wolfgang Ebener

Sundern/Arnsberg.  Schwierige Verhandlung am Landgericht Arnsberg: Die 2. Strafkammer versucht herauszufinden, ob es eine Vergewaltigung in einem Asylheim gab.

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Im dritten Verhandlungstag am Landgericht gegen einen 41-jährigen Angeklagten wegen einer Vergewaltigung kam nun das Opfer, eine 19-Jährige, zu Wort. Der Vorwurf: Der Asylsuchende soll die junge Frau, die bei ihm Unterschlupf gefunden hatte, im April in dem Heim vergewaltigt haben.

Er bestreitet dies und gibt an, mit der Frau nur einvernehmlich Sex gehabt zu haben. In der Tatnacht hatte das vermeintliche Opfer laut um Hilfe gerufen und der Polizei eine Vergewaltigung geschildert. Der Angeklagte kam daraufhin in U-Haft.

Vermeintliches Opfer lebt heute in Obdachlosenheim

Die als Zeugin geladene junge Frau sollte nun den Tathergang schildern. Die eher zierliche zarte Frau ist offensichtlich angespannt, nervös. Sie ist blass und wirkt wie eine 15- bis 16-Jährige: „Ich habe bei dem Angeklagten Unterschlupf gefunden, weil ich zu meinen geschiedenen Eltern keinerlei Kontakt habe. Ich wusste nicht, wo ich schlafen sollte“, erklärte sie dem Gericht ihre damalige Situation.

Auch heute hat sie keine Wohnung und ist in einem Obdachlosenheim untergekommen. Auf die intimen, aber zur Klärung des Vorwurfs nötigen Fragen, reagiert die Frau unterschiedlich. Mal weint sie, mal wird sie laut und lacht verkrampft. Schnell ist sie überfordert und die sehr behutsam, ruhig und einfühlsam agierenden Richter legen früh eine Pause ein.

Vor der Vergewaltigung mit Heimbewohner geschlafen

Etwas erholt erzählt die Zeugin von ihrer ADHS-Erkrankung und dass sie angeblich schon mit 12 Jahren ersten Drogenkontakt hatte. Wegen ihres Leidens sei sie in ärztlicher Behandlung. Offenbar versteht die Realschulabsolventin aber die Fragen des Vorsitzenden Richters nicht.

Sie schaut sich dann hilfesuchend zu ihrer Betreuerin von der Kinder- und Jugendhilfe um. Ihre Anwältin der Nebenklage sitzt direkt neben ihr und spendet Trost. Sie habe den 41-Jährigen als Bruder und Vater angesehen. Sie habe keinen Sex gewollt, gibt aber zu, auch vor der Vergewaltigung mit dem Heimbewohner geschlafen zu haben.

Kleidung und Drogen gekauft

„In dieser Nacht, wir hatten Koka­in ­ge­­­nommen, wollte ich keinen Sex, wollte nur meine Ruhe. Deshalb habe ich ihn, nachdem er mich auf das Bett gestoßen und ausgezogen hatte, in die Zunge gebissen“, sagt sie. Ob es tatsächlich zum Geschlechtsverkehr gekommen ist, bleibt momentan noch unklar, denn die 19-Jährige spricht in einem Fall von einem Versuch, in einem anderen aber vom durchgeführten Geschlechtsverkehr. Die Frage, ob sie die Bestrafung des Angeklagten wolle, bleibt unbeantwortet. Sie scheint sich dem Angeklagten gegenüber im Zwiespalt der Gefühle zu bewegen. Sie wollte ihn nur als Freund und Wohnungsgeber, weil sie kein Zuhause hatte, er habe sie aber benutzt und verlangt, dass sie „bezahlt“.

„Wofür?“, will der Vorsitzende wissen. „Er hat mir Kleidung gekauft und mich mit Drogen versorgt“, ist die Antwort. Sie habe auch Angst vor dem Angeklagten gehabt, denn er sei speziell wenn er Drogen genommen habe, sehr aggressiv gewesen.

Zeuge mit Angst

Angst scheint auch ein geladener Zeuge aus dem Asylbewerberheim zu haben, denn er ist bereits dreimal zu dem Prozess nicht erschienen und will angeblich krank sein. Das Gericht wird auf seine Aussagen nicht verzichten und seine gesetzlichen Möglichkeiten ausschöpfen, ihn als Zeugen vor Gericht zu vernehmen.

Die Anhörung der 19-Jährigen wird am nächsten Verhandlungstag, dem 20. November, vor der 2. Strafkammer fortgesetzt. Insgesamt sind fünf Verhandlungstage vorgesehen.

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