Selbsthilfe

Trauernde Eltern finden Halt in Nevigeser Gruppe

In der Glocke trifft sich die neue Gruppe des Vereins „Leben ohne Dich“ jeden dritten Donnerstag.

In der Glocke trifft sich die neue Gruppe des Vereins „Leben ohne Dich“ jeden dritten Donnerstag.

Foto: Carsten Klein / FUNKE Foto Service

Neviges.  Der Tod ihres Sohnes Stephan hat das Ehepaar Böttger zutiefst erschüttert. In ihrer neuen Selbsthilfegruppe wird nicht nur geredet.

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Diesen Tag im März 2014 werden Maria und Klaus Böttger nie vergessen: „Stephan rief uns an und sagte: ,Ich war beim Arzt. Stellt euch vor, ich habe einen Schatten auf der Lunge’“, erinnert sich Maria Böttger. Die Diagnose: ein höchst aggressiver Krebs der Weichteile, also der Muskeln und Gewebefasern. „Stephan war bis zuletzt immer positiv gestimmt, dachte, er packt es. Er war schon schwer krank, da hat er seine Bewerbungen geschrieben.“ Stephan Böttger hat seinen Traumberuf Lehrer nicht mehr ergreifen dürfen. Er starb mit 27 Jahren am 7. Februar 2015. Hinterließ Ehefrau, eine kleine Tochter, einen Bruder und Eltern. Auch für sie geriet die Welt aus den Fugen. In der schlimmsten Zeit ihres Lebens fanden und finden sie noch immer Trost und Halt in einer Gruppe im sauerländischen Kierspe. Nach diesen guten Erfahrungen haben die Böttgers nun selbst unter dem Dach des Bundesverbandes „Leben ohne Dich“ in Neviges eine Selbsthilfegruppe gegründet.

Der Austausch ist ihnen wichtig

„Wir haben gemerkt, wie wohltuend der Austausch ist. Zu wissen, da sind Menschen, bei denen muss ich nichts erklären, die wissen, wie es mir geht“, sagt Klaus Böttger. Jeweils am dritten Donnerstag im Monat um 19.30 Uhr ist jeder im Gruppenraum des Pfarrheims Glocke willkommen, der sein Kind verloren hat. „Das Alter der Eltern spielt dabei keine Rolle. Und es ist egal, ob ein Säugling starb oder ein Erwachsener. Auch die Umstände des Todes sind egal und wie lange er zurück liegt“, sagt Maria Böttger, die weiß, dass es kein Patentrezept gibt, den Tod eines geliebten Menschen zu verarbeiten. Ihr Mann Klaus wirft ein: „Ich habe ein Jahr lang gebraucht, um überhaupt diese Endgültigkeit zu begreifen.“ Zu begreifen, dass Stephan nie mehr gut gelaunt die Treppen hoch gesprungen kommt, nie mehr mal eben anruft.

Unsicherheit bei Freunden

Ja, in der ersten Zeit, da habe es viel Zuspruch gegeben, von Freunden und Nachbarn. Viele seien auch hilflos gewesen. „Ich glaube, manche trauten sich nicht, uns anzusprechen, weil sie dachten: Ach, die sind jetzt so gefestigt, da wollen wir keine Wunden aufreißen“, sagt Maria Böttger. Und irgendwann, da „existierte Stephan nicht mehr, das war kein Thema mehr“, so ihr Mann Klaus. Vielmehr habe es gut gemeinte Ratschläge gegeben wie „Ihr müsst mal wieder raus ins Leben, geht doch mal wieder zum Karneval, habt ihr doch früher auch so gern gemacht“. Was aufmunternd gemeint war, zog eher herunter. Als wohltuend „und richtig gut“ empfand Maria Böttger dagegen einen Satz, den sie in ihrer Gruppe in Kierspe hörte : „Ihr werdet wieder eine Normalität finden, aber sie wird eine andere sein.“

Auch gemeinsam schweigen kann heilsam sein

Es sind Erfahrungen wie diese, die das Ehepaar gern weiter geben möchte in ihrer neuen Gruppe. Um noch sicherer in der Moderation zu werden, absolvieren die Zwei gerade eine Ausbildung zum Trauerbegleiter. Was ihnen wichtig ist: „Reden tut gut und ist auch wichtig, aber wenn jemand mal nichts sagen will und sich völlig zurückzieht, ist das auch in Ordnung.“ Zusammen schweigen, auch das kann Wunden lindern, die nur schwer heilen.

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