Zeitzeuge

Velbert-Langenberg: Salomon Perel besuchte Villa Wewersbusch

Salomon Perel überlebte den Holocaust, weil er sich als Auslandsdeutscher ausgab. Bekannt wurde seine Geschichte durch den Film „Hitlerjunge Salomon“.

Salomon Perel überlebte den Holocaust, weil er sich als Auslandsdeutscher ausgab. Bekannt wurde seine Geschichte durch den Film „Hitlerjunge Salomon“.

Foto: Fabian Holz

Langenberg.  Salomon Perel besuchte die Villa Wewersbusch in Velbert-Langenberg. Sein Leben ist als „Hitlerjunge Salomon“ verfilmt worden.

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Jedes Mal, wenn Salomon Perel einen besonders bedeutsamen Satz aus seinem Buch „Ich war Hitlerjunge Salomon“ vorliest – und derer gibt es viele – tippelt er, scheinbar ganz unbemerkt, mit seinen Füßen. Beinahe lautlos stampft der 94-Jährige dann auf, mit jeder Silbe, um seine Worte mit diesen sanften Tritten zu untermalen, um ihnen scheinbar noch mehr Bedeutung zu geben. Er sagt dann Sätze wie diesen: „Es ist eine menschliche Pflicht, einmal im Leben Auschwitz zu besuchen.“ Er spricht solche Sätze mit dieser etwas brüchigen Stimme, ihr ist ihr Alter anzuhören, die mithilfe der Lautsprecher durch den gesamten Raum fliegt.

130 Schüler lauschen den Ausführungen von Perel

Ihm gegenüber sitzen mehr als 130 Schüler der Villa Wewersbusch. Im Gegensatz zu Perel sprechen sie nicht, vielmehr schweigen sie, und das die gesamten anderthalb Stunden, die ihr Gast aus seinem Buch vorliest und von seinem turbulenten Leben erzählt. Die Schüler tippeln auch nicht mit ihren Füßen, sie sitzen starr wie Säulen auf dem Teppichboden dieses Raumes, in den die Schule geladen hat. In stiller Aufmerksamkeit. Kein Geräusch ist zu hören.

Es sind Gegensätze, die sich hier, hoch oben über Langenberg, begegnen: alt und jung, viel wichtiger aber: Zeitzeuge und Zuhörer. Denn Sally Perel hat seine schier unglaubliche Lebensgeschichte zu erzählen. Geboren und aufgewachsen im niedersächsischen Peine, hatte er, wie er selbst sagt, eine glückliche Kindheit. Bis zu dem Moment, in dem sich für ihn alles ändert.

Zwei Mal muss Perel fliehen, jedes Mal vor den Nazis

1933 ergreifen die Nationalsozialisten die Macht, schon bald ist die Situation für Juden wie ihn und seine Familie mehr als brenzlig. Nach wenigen Jahren zieht die Familie daher nach Łódź in Polen. „Gerade als ich die wirklich schwierige polnische Sprache gelernt und Polen als meine neue Heimat akzeptiert hatte, musste ich wieder fliehen“, erzählt er an diesem Nachmittag, exakt achtzig Jahre später.

Diesmal geht es für ihn und seinen damals 30-jährigen Bruder wegen des deutschen Überfalls auf Polen nach Russland. Seine Eltern aber bleiben in Polen – und werden von den Nazis verschleppt und später ermordet. Es sind Sätze, die an Schwere kaum zu übertreffen sind, die da in der Luft liegen: „Meine Mutter sagte mir damals, als ich ging: ‚Du sollst leben.’ Sie wusste, dass wir uns nie mehr wiedersehen würden. Das ist die höchste Stufe der Liebe einer Mutter.“

Eine Lüge rettet Salomon Perel das Leben

In diesen Momenten ist das Schweigen in der Villa Wewersbusch atemberaubend. Nachdem auch Russland von den Nationalsozialisten angegriffen wird, rettet Perel die unglaubliche Lüge, er sei Auslandsdeutscher, das Leben. Mehr noch, diese Lüge sowie seine Behauptung, er heiße Josef – seine jüdischen Papiere hatte er da längst vergraben –, sind für ihn der Weg in die Freiheit.

Eine Freiheit, die ihm ein Doppelleben beschert und eine innere Zerrissenheit, die ihn noch heute verfolgt: Salomon Perel, der junge Jude, wird in die Hitlerjugend aufgenommen. Und nicht nur das: Er nimmt sogar die nationalsozialistische Ideologie an, identifiziert sich nach einiger Zeit sogar mit ihr. „Wir in der HJ wurden zum Hass erzogen“, sagt er heute.

Die Bilder verfolgen Perel bis heute

Manchmal, besonders in israelischen Schulen, werde er gefragt, wie er all das habe tun können. „Aber als Verrat sehe ich das weder heute noch damals – der menschliche Wille zum Leben ist stärker als alles andere.“ Außerdem habe es Grenzen gegeben: „Ich werde nie auf jemanden schießen, habe ich mir vorgenommen. Und das habe ich auch nicht.“

Bis heute verfolgen den alten Mann, der mittlerweile seit Jahrzehnten in Israel lebt, die Ereignisse. „Manchmal wache ich nachts auf und denke, ich wäre in der Straßenbahn, mit der ich damals während des Heimaturlaubs zwölf Tage lang heimlich durch das Ghetto in Łódź gefahren bin, um meine Eltern zu suchen.“

Toleranz und Respekt als universelle Grundrechte

Es sind Sätze wie diese, während derer das ganze Ausmaß seiner Worte deutlich wird; falls das überhaupt möglich ist. „Ich bin der letzte Zeitzeuge. Nach mir wird es keinen mehr geben. Daher bitte ich euch: erzählt die Geschichte euren Kindern und Kindeskindern“, wendet er sich dann noch einmal an sein Publikum, spricht langsam und deutlich, mit dieser brüchigen Stimme.

Berichtet von Parteien, mittlerweile wieder starken politischen Kräften, denen es nicht gelingen dürfe, all das als Lüge darzustellen. Spricht von Jugendlichen, die all das gar nicht würden wissen wollen oder es sogar als unwahr bezeichneten. Erzählt von Toleranz und Respekt als universellen Grundrechten.

Und appelliert schließlich eindringlich: „Bitte handelt. Schuld erbt man nicht. Ihr seid nicht schuldig. Aber ihr werdet euch schuldig machen, wenn es wieder passiert.“ Es sind Sätze wie dieser, während derer Salomon Perel, der jüdische Mann, der den Holocaust in der Hitlerjugend überlebt hat, sanft, kaum merklich, mit den Füßen aufstampft.

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