Reisebericht

Zwei Velberter sind auf zwei Rädern auf dem Weg um die Welt

Bei Wind und Wetter sind die Nentzels unterwegs – im Winter ging es durch die Türkei.

Bei Wind und Wetter sind die Nentzels unterwegs – im Winter ging es durch die Türkei.

Foto: Nentzel / Privat

Velbert/Welt.  Rane und Patrick Nentzel aus Velbert sind mit dem Fahrrad auf dem Weg um die Welt. Die beiden wollen einen persönlichen Verlust verarbeiten.

Patrick und Rane Nentzel sind Ende April 2018 zu einer Weltreise auf dem Rad aufgebrochen. Das Ganze hat einen traurigen Hintergrund. Ihr Sohn hatte sich das Leben genommen. Das Ehepaar aus Velbert wollte nicht in der Trauer versinken – deswegen machten sie sich auf den Weg. „Wir wollen Motivation für andere Eltern sein, nach einem so schweren Verlust wieder Fuß zu fassen“, erzählte Rane Nentzel damals. An dieser Stelle haben wir bereits den ersten Teil des Reiseberichts veröffentlicht, nun folgt Teil zwei, Patrick Nentzel berichtet:

Wenn wir morgens aufbrechen, wissen wir nie, wo wir am Abend unser Zelt aufgeschlagen. Dieser Reiz kann auch schon mal an den Nerven zehren, doch ist er ein Teil unserer Freiheit und der Versuch sich der Welt hinzugeben.

Von allen Ländern am Mittelmeer ist Griechenland mit Sicherheit das Land mit dem angenehmsten Tourismus. Das kann an der eher lässigen, entspannten Art der Griechen liegen, aber auch an einer meist ursprünglichen, kleineren Version, Besucher zu bewirten. Auch haben die Griechen meiner Meinung nach am meisten ihre Identität und Kultur bewahrt. Viele einsame Strände und kleine Dörfer, in denen die Zeit stehen geblieben zu sein scheint, laden zum Verweilen ein und sind mit dem Rad wunderbar zu entdecken.

Mehr als einen Monat auf Kreta verbracht

Allein auf Kreta bleiben wir mehr als einen Monat und sind von einer noch intakten Natur mit Geiern und Adlern ebenso beeindruckt, wie von vielen filmreifen Landschaften. Inzwischen ist es Winter, den wir eigentlich hier verbringen wollten, doch wir finden keinen geeigneten Ort. So entschließen wir uns, den Winter durch die Türkei zu radeln. Entlang der Südküste, die noch milde 18 Grad Celsius hat, geht es fast bis zur syrischen Grenze.

Von hieraus über das Taurus Gebirge durchqueren wir das riesige Land von Süd nach Nord bis ans Schwarze Meer weiter Richtung Osten. Der Winter ist hart und lang in der anatolischen Hochebene. Wir geraten mit unserer Ausrüstung an unsere Grenze des Ertragbaren. Aber auch das heißt Leben; Spüren und Erfahren. Grenzerfahrungen erweitern unseren Horizont und wir lernen uns selbst noch besser kennen.

Grandiose Wochenmärkte in der Türkei

Die Türkei ist so vielfältig, wie kein zuvor durchradeltes Land. Die Menschen sind offen und sehr interessiert an unserer Art des Reisens. Oft hören wir ein „Hallo“ oder „Willkommen“ von ehemaligen Mitbürgern, die in ihr Geburtsland zurückgekehrt sind, um hier ihren Lebensabend zu verbringen. Die Wochenmärkte sind grandios und in ihrer Geschäftigkeit ähneln die Türken den Deutschen sehr.

Nach drei Monaten kreuz und quer durch dieses riesige Land geht es für uns weiter in ein unbekanntes Land. Georgien. Man hört kaum etwas von der ehemaligen Sowjetrepublik, die eingebettet im Kaukasus zwischen dem Schwarzen Meer im Westen und Aserbaidschan im Osten liegt. Raue Gebirgslandschaft und fruchtbare Täler prägen das Leben. Uns gefällt die Natur, Kultur und die etwas zurückhaltenden Menschen, die, wenn man sie einmal kennengelernt hat, Dich nur ungern wieder ziehen lassen.

Georgien ist ein liebenswertes Land

Familiensinn, Tradition, die ersehnte Anbindung an den Westen bzw. die EU und vor allem das Zelebrieren von Essen und Trinken machen dieses Land so liebenswert. Wir radeln in den Frühling und erreichen Ende April 2019 Aserbaidschan. Weite Steppen und endlose, geradeaus gehende Straßen bleiben uns in Erinnerung.

Hauptstadt ist Baku am Kaspischen Meer und nur hier scheint die Zivilisation in Form von Öl- und Gasproduktion sowie von wetteifernden Prestigehochbauten vorangeschritten. Da wir nicht im Hochsommer durch den Iran fahren wollen, lassen wir unsere Räder mal richtig rollen und bis zu 100 km am Tag sind nun keine Seltenheit mehr.

Mitte Mai 2019 geht es in den Iran

Mitte Mai 2019 überqueren wir die Grenze in den Iran und wir befinden uns nun in einer völlig anderen Welt. Vor uns liegen mehr als 2000 Kilometer und acht Wochen ungeahnter Entdeckungen. Die Natur ändert sich schlagartig und der Norden ist von nichtendenden Reisfeldern geprägt. Unsere Route führt über das Elburs Gebirge ins Hochland von Isfahan bis an den Persischen Golf. Unsere Eindrücke gleichen denen von 1001 Nacht.

Die unglaubliche Landschaft, Kultur und eine oftmals sehr gut ausgebildete Bevölkerung in den großen Städten rauben uns den Atem. Die Willkommenskultur ist mit Sicherheit einmalig auf diesem Planeten. Fast jeder grüßt uns und oft beschenkt man uns mit Früchten und kalten Getränken, wenn wir in eine Stadt einfahren. Die Herzlichkeit einzelner Familien, die uns beherbergen, ist ergreifend. Dabei spielt Religion überhaupt keine Rolle. Sie ist gegenwärtig und meine Frau Rane muss ein Kopftuch tragen, aber zwischenmenschlich gibt es keine Barrieren.

Nach 10.000 Kilometern ist Dubai erreicht

Die Iraner essen gern und viel und obwohl Ramadan ist, essen wir mehr denn je und auch gut. Dieses Land und gerade die Menschen muss man lieben. Und das tun wir. Nach 10.000 mit dem Rad gefahrenen Kilometern erreichen wir im Sommer Dubai bei 47° C.

Jede Reise verändert den Menschen

Eine jede Reise verändert uns. Und das ist auch gut so. Es ist das, was den Menschen ausmacht. Oftmals bleibt auch etwas zurück und man nimmt Neues auf. Das Leben ist eine Reise. Eine Anreicherung von Erfahrungen, die uns prägen. Wir können nur in Ehrfurcht staunen. Ist das die Essenz zum Glücklichsein?

Appell: Wer sich unglücklich fühlt soll sich mitteilen

Unser verstorbener Sohn Adrian hatte eine riesige Familie, die ihn liebte und er hatte einen ausgezeichneten Beruf bei einer hochdekorierten Behörde, dessen Anfangsgehalt weit aus mehr war, als ich nach 35 Jahren Arbeit verdiente. Wir waren stolz auf ihn und dennoch war er nicht glücklich. Er erkrankte an einer Depression. Das ist für einen selbst und andere nur schwer feststellbar.

Ich bitte deshalb alle, die nicht glücklich sind oder eine negative Gemütsveränderung wahrnehmen, sich mitzuteilen! Es gibt immer einen Weg! Es gibt immer jemanden, der zuhört und der hilft. Niemand ist allein! Morgen kann alles andersaussehen! Informieren Sie sich über die Volkskrankheit Depressionen! Auch im heranwachsenden Alter. Die Summe unserer Erfahrungen kann unser aller Leben verbessern.

Mehr zum Beispiel auf www.frnd.de (Freunde fürs Leben e.V.), ausführliche Blogartikel, jede Menge Fotos und was wir alles so erlebt haben während unserer Radreise: www.lightthefire.eu

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