Missbrauchsvorwürfe

34-Jähriger wegen versuchter Kindesentführung vor Gericht

Dieses Haus in Bad Sassendorf-Bettinghausen gehört dem Angeklagten. Die Polizei hat es nach seiner Festnahme durchsucht

Foto: Reinhold Häken

Dieses Haus in Bad Sassendorf-Bettinghausen gehört dem Angeklagten. Die Polizei hat es nach seiner Festnahme durchsucht Foto: Reinhold Häken

Bad Sassendorf/Marburg  Ein 34-Jähriger aus Bad Sassendorf vor Gericht: Er soll versucht haben, ein Mädchen in sein Auto zu ziehen. Zwei weitere soll er angefasst haben

. „Und weißt Du, was der macht? Kinder-Krankenpfleger!“

Auf dem Flur vor Saal 104 des Marburger Landgerichts wird geflüstert. Dort hat die Hauptverhandlung vor der 3. Strafkammer als Jugendschutzkammer gegen einen 34-Jährigen begonnen, dem versuchter sexueller Missbrauch von Minderjährigen in zwei Fällen und eine Körperverletzung vorgeworfen werden. Vor allem Medienvertreter sind zum Prozessauftakt gekommen, aber auch einige engagierte Zuschauer, deren Urteil möglicherweise schon feststeht.

Die Vorwürfe

Der junge Mann, Vollbart und wirrer Haarschopf, wird in Handschellen hereingeführt, bleibt den ganzen Vormittag ohne erkennbare Reaktion, bestreitet die Taten und hat sich nach Mitteilung seines Verteidigers Carsten Göthel zum Schweigen entschlossen.

Er soll am 1. Oktober 2012 versucht haben, in Niederweimar ein damals neun Jahre altes Mädchen in seinem Auto zu entführen. Das Kind habe schon auf dem Rücksitzgesessen, sei aber geistesgegenwärtig genug gewesen, die Tür zu öffnen, sich das vom Täter aufgebrachte Klebeband vom Mund zu reißen, zu flüchten und laut um Hilfe zu rufen. Der Mann habe damals nicht identifiziert werden können, sei geflohen. Am 30. April diesen Jahres habe es einen Vorfall in einem Freizeitbad in Hamm gegeben. Der Angeklagte habe einem zwölfjährigen Mädchen spürbar und für längere Zeit ans Gesäß gefasst. Bei einem ähnlichen Vorgang im Mai in einem Witttener Bad sei er erwischt worden.

Die Ermittlungen

Ein automatischer Abgleich der genommenen Fingerabdrücke durch das Hessische LKA ergab einen Treffer: Es waren die gleichen Fingerabdrücke, die auf dem im Oktober 2012 benutzten und sichergestellten Klebeband in Niederweimar sichergestellt wurden. Der Mann mit letztem offiziellen Erstwohnsitz in Hamm wurde kurze Zeit später in einem Fachwerkhaus in Bad Sassendorf-Bettinghausen verhaftet, das er fünf Jahre zuvor im Rahmen einer Zwangsversteigerung gekauft hatte.

Dass dort die Fenster im Erdgeschoss zugemauert worden waren, lässt bei einigen Anwesenden gleich Spekulationen über ein Verließ aufkommen.

Die ersten Erkenntnisse

Drei Zeuginnen der Beinahe-Entführung in Niederweimar schildern das Wegfahren eines silbergrauen Autos, mal mit quietschenden Reifen, mal ohne, vielleicht ein Opel Omega Kombi. Eine von ihnen habe damals ein von der Polizei angehaltenes Fahrzeug bei einer Vorbeifahrt „todsicher“ wieder erkannt, heute sieht sie das anders. Jedenfalls seien die Fenster des Wagens mit einer Folie verdunkelt gewesen. Auch den Täter will niemand gesehen haben. Alle drei Frauen können sich nicht an das Kennzeichen des Autos erinnern. Eine Zeugin führte damals sogar ein kognitives Interview zur besseren Erinnerung, „eine Art Hypnose“. Genutzt habe es nichts.

Zwei der Frauen waren dabei, als das Mädchen aufgeregt gelaufen kam und erzählte, beinahe entführt worden zu sein. „Sie war völlig außer sich und wollte nur noch zu ihrer Mutter“, sagt die Zeugin, die sich mit ihren Kindern auf dem nahegelegenen Spielplatz aufhielt. Das Mädchen habe das Klebeband in der Hand getragen, vom Abreißen eine blutende Wunde an der Lippe.

Das Kind

Der Vorsitzende kündigt an, das inzwischen 14-jährige Opfer aus Niederweimar laden zu wollen. Das Mädchen leide nach Informationen des Gerichts noch immer unter dem Vorfall, könne nur schlecht darüber reden und habe in diesem Jahr eine Wahllichtbildvorlage möglichst schnell hinter sich gebracht. Dennoch müsse sie vor Gericht auftreten. Auf Antrag könne die Öffentlichkeit ausgeschlossen werden, der Täter nur unter ganz besonderen Umständen.

Der Prozess

Bis hingegen die Kammer unter Vorsitz von Richter Dr. Thomas Wolf ihre Entscheidung gefällt hat, dürfte einige Zeit ins Land ziehen. Insgesamt sollen mindestens 29 Zeugen und drei Sachverständige gehört werden, terminiert ist bis Anfang Dezember. Der Angeklagte selbst, der die Ausbildung zum Kinder-Krankenpfleger noch nicht abgeschlossen hat, wird dem Gericht dabei nicht helfen.

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