Logopädie

„Alleine war es nicht zu stemmen“

Verhilft seinen Patienten zu besserer Lebensqualität: Logopäde Wolfgang Tisch in seiner Belecker Praxis. Er arbeitet schon 30 Jahre mit Menschen aus dem gesamten Kreis Soest zusammen.

Foto: Fabiana Regino

Verhilft seinen Patienten zu besserer Lebensqualität: Logopäde Wolfgang Tisch in seiner Belecker Praxis. Er arbeitet schon 30 Jahre mit Menschen aus dem gesamten Kreis Soest zusammen. Foto: Fabiana Regino

Wolfgang Tisch arbeitet seit 30 Jahren in Belecke. Mit seiner Logopädiepraxis hilft er sogar Menschen aus Lippstadt und Paderborn. Ein Besuch.

Belecke. Ein Keyboard, ein Mikrofon und Trommeln stehen hinter der ersten Tür. Nur ein Plakat, das den Aufbau des menschlichen Kehlkopfes zeigt, lässt auf den eigentlichen Zweck dieses Raumes schließen. Seit 30 Jahren bieten Wolfgang Tisch und sein Team in der Belecker Praxis für Sprach- und Stimmtherapie verschiedene Methoden an, die schon unzähligen Patienten zu einer verbesserten Lebensqualität verholfen haben. Er blickt zurück:

1984 schließt Wolfgang Tisch seine Ausbildung in Hamburg ab, sammelt zwei Jahre lang erste Berufserfahrungen, in denen er sich sowohl mit rehabilitationsbedürftigen Erwachsenen, als auch mit sprachbehinderten Kindern beschäftigt.

Tisch ging in die Neurologie des Krankenhauses

Zwischen der Hansestadt und Belecke zieht es Tisch zwischenzeitlich in die Neurologie des Lippstädter Krankenhauses, wo er sich notwendiges neurologisches Hintergrundwissen aneignet. In Bezug auf Anlaufstellen für logopädisch Beeinträchtigte muss er feststellen, dass im Raum Soest eine enorme Lücke existiert.

Insbesondere bezüglich ambulanter Therapie, haben Betroffene im Umkreis zu diesem Zeitpunkt nahezu keine Möglichkeit, sich helfen zu lassen.

1987 folgt dann der Meilenstein. Tisch, der die Stadt Warstein bereits über einen Warsteiner Freund kennt, eröffnet seine erste Praxis in der Bahnhofstraße in Belecke. Zunächst arbeitet er alleine, allerdings erkennt er schnell, dass der Bedarf zu groß ist, um ihn zu stemmen. Es entstehen Wartelisten, auf denen die Patienten mit bis zu zwei Jahren Wartezeit rechnen müssen. Eine enorme Empathie für Betroffene und viel Herzblut lassen dem Therapeuten nur schwer ein „Nein“ über die Lippen gehen, wenn es um die Aufnahme neuer Patienten geht.

Patienten aus Paderborn und Olsberg kommen zu ihm

Auch die Einstellung einer zweiten Kraft sorgt nicht für die erhoffte Bewerkstelligung der Anzahl an Patienten. Die erzielten Erfolge verbreiten sich kreisübergreifend. Nun suchen nicht nur Betroffene aus dem gesamten Kreis Soest die Praxis auf, das Einzugsgebiet reicht jetzt bis nach Paderborn und den Hochsauerlandkreis. Neben weiteren Fachkräften muss auch eine größere Praxis her. Mehr Therapeuten, mehr Behandlungsräume, mehr Patienten denen geholfen werden kann. Heute sitzt Wolfangang Tisch mit seinem Team in der Belecker Wilkestraße und kann von einer entspannteren Lage berichten.

Großteil der Arbeit besteht aus Stimmtherapie

Ein Großteil seiner Arbeit besteht aus Stimmtherapie. Er etablierte ein neues und erfolgreiches Konzept. Erarbeitet wurde die „Symtomorientierte Stimmtherapie“ in Kooperation mit einem Physiker, der einen speziellen Sensor entwickelte. Anders als bei der üblichen Stimmtherapie, bei der nur eine quantitative Stimmenanalyse erfolgt, setzt Tischs Methode auf eine qualitative Messung der Stimme. „Statt vier Patienten im Jahr, die sich einer üblichen Stimmtherapie unterziehen, kommen nun bis zu 20 Patienten in der Woche zu mir, denen ich so helfen kann“, sagt der Logopäde.

Wie wichtig Logopädie ist, zeigt zum Beispiel die Erkenntnis, dass viele Todesursachen, die offiziell mit „Lungenentzündung“ betitelt werden, oft auf eine Aspiration zurückzuführen sind. Aspiriert ein Patient, gelangt Flüssigkeit (wie Speichel) in die Atemwege. Ursache dafür kann wiederum ein nicht intakter Schluckreflex sein, wovon zum Bespiel Menschen, die einen Schlaganfall erleidet haben, oft betroffen sind. „Erkennt man diese Dysphagie, also die Schluckstörung, ist diese auch behandelbar“, erklärt Tisch.

Übung schafft Fortschritte bei den Menschen

Behinderungen des Redeflusses, das sogenannte Stottern, werden wohl am häufigsten mit Logopädie assoziiert. Diese Sprachstörung tritt vermehrt bei kleinen Kindern auf, aber auch bei Erwachsenen. Bei betroffenen Kindern gehört die Elternberatung in der Belecker Praxis dazu.

Oft sind es nämlich bestimmte Verhaltensweisen der Eltern, die als Druckimpulse auf das Kind einwirken, die das Stottern begünstigen. Grundsätzlich gibt es hier nicht „den einen“ Lösungsweg. Tisch konzentriert sich bei der Behandlung von Behinderungen des Redeflusses darauf, die hemmenden Spannungen auf Kehlkopfebene zu regulieren und so die kritischen Laute alternativ zu artikulieren.

Wichtig ist eine gute Mitarbeit

Für entsprechende Erfolge ist aber vor allem eines wichtig: Die Mitarbeit des Patienten. „Menschen, denen die Therapie aufgezwungen wird, die keine Bereitschaft mitbringen, können keine Fortschritte erwarten“, erklärt der Therapeut. „Logopädie ist Training. Wenn jemand zum Beispiel das Klavierspielen lernen will, ist Klavierunterricht sehr wichtig. Aber es muss dann auch zu Hause geübt werden.“ Ob Sprach- oder Stimmtherapie, seit 30 Jahren darf Wolfgang Tisch Woche für Woche Erfolge seiner Patienten miterleben – und das macht ihm am meisten Freude.

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