Holocaust

Auch Juden mit Belecker Wurzeln starben im Holocaust

Das brennende Haus der Familie Daltrop am Morgen des 10. November 1938.

Das brennende Haus der Familie Daltrop am Morgen des 10. November 1938.

Foto: privat

Belecke.   Die Nazis verfolgten Juden und Menschen mit jüdischen Vorfahren in allen Teilen ihres Herrschaftsgebietes mit Fanatismus und beispielloser Menschenverachtung. Obwohl es 1933 keine jüdischen Einwohner in Belecke gegeben hat, blieb der Ort von der Judenverfolgung nicht unberührt.

Zu den Schicksalen mit glücklichem Ausgang zählt das von Else Dauk, die von ihren Verwandten im Hause Bürger in der Beukenberg-straße von 1944 bis Kriegsende versteckt wurde und überlebte. Zudem hatte die damals in Berlin und später in Soest lebende Luise Meier die Eheleute Alfred und Rosa Schindler unter anderem Namen 1943 bei ihrer Verwandtschaft, der Familie Happe (Gaststätte „Zum guten Hirten”), einquartiert. Sie konnten später in die Schweiz flüchten.

Zur schrecklichen Todesbilanz der Nazizeit zählen andererseits aber mindestens drei in Belecke geborene Mitglieder der Familie Löwenstein, die im Holocaust ermordet wurden. Die Familie war im 19. Jahrhundert in Belecke beheimatet gewesen, wie im Buch „Zeitreise” aus der Reihe „Belecke. Lebendige Geschichte” dargestellt worden ist.

Zwei jüdische Familien in Belecke

Seit der Zeit des Wiener Kongresses (1815) lebten dort nachweislich die jüdischen Familien Ostwald und Löwenstein. Salomon Ostwald, der wahrscheinlich die Belecker Synagoge in der Oststraße (heute Böttcherstraße) auf seinem Grund und Boden einrichtete, zog 1830 nach Mülheim. Sophia Ostwald, wahrscheinlich eine Tochter von Salomon, lebte als letztes nachweisbares Familienmitglied noch um die Mitte des 19. Jahrhunderts in Belecke. Sie hatte sich mit ziemlicher Sicherheit christlich taufen lassen.

Erstmalige namentliche Kunde von der Familie Löwenstein in Belecke haben wir durch Levi Löwenstein, 1815 in Belecke geboren, und von dessen Bruder Jacob Löwenstein, geboren 1818 im selben Ort. Ihre Eltern waren Mendel Löwenstein und Sahra Spier. Am 15. Mai 1847 erblickte ein weiterer Levi Löwenstein, Kind von Jacob Löwenstein und Rachael Dessauer, in Belecke das Licht der Welt. Aus dem Jahre 1873 wird von einer Familie Löwenstein als Nachbarn der Familie Cruse berichtet. Sie waren sehr kinderreich und wohnten im Haus Külbe Nr. 30, das 1842 von Dr. Budde erbaut worden war. Von den Löwensteins ging das Haus später an die Familien Hilsmann, Wirt und Kußmann.

Trotz der großen Kinderschar der Familie Löwenstein verließen offenbar alle noch vor der Jahrhundertwende die Möhnestadt. Die genauen Gründe hierfür sind unbekannt. Es war in Deutschland allerdings eine allgemeine Entwicklung der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, dass jüdische Familien ländliche Regionen verließen und in mittlere und größere Städte umsiedelten. Sie versprachen sich hierdurch bessere Bildungsmöglichkeiten für ihre Kinder und allgemein bessere Berufsperspektiven.

„Reichskristallnacht“ in Gütersloh

In den 1930er Jahren war keine jüdische Familie mehr in Belecke ansässig. Wie in der „Zeitreise“ berichtet, weisen die Gedenklisten der Holocaust-Opfer zwei Männer namens Löwenstein – wahrscheinlich Vettern – mit dem Geburtsort Belecke aus: Zum einen den Kaufmann Max Löwenstein, geboren am 24. April 1879, verheiratet mit Hedwig Rosenberg und wohnhaft in Unna, Eulenstraße 8. Er starb im Konzentrationslager Theresienstadt am 15. Januar 1944. Zum zweiten Otto Löwenstein, geboren am 2. September 1879, wohnhaft in den Niederlanden – wahrscheinlich dorthin geflüchtet. Er starb im Vernichtungslager Sobibor in Polen am 5. März 1943.

Nun konnte eine weitere Familienangehörige ausfindig gemacht werden: Paula Löwenstein, geboren am 14. Januar 1883 in Belecke. Sie war womöglich eine Schwester von Otto oder Max oder eine Cousine von beiden. Etwa im Jahre 1908 heiratete Paula Löwenstein den jüdischen Gütersloher Buchbinder Bernhard Daltrop. Aus dieser Ehe gingen die Kinder Lotte und Herbert hervor, ein weiteres Kind starb in jungen Jahren. Die Familie wohnte in der Kirchstraße in Gütersloh. Hier hatte der aus Mastholte bei Rietberg stammende Bernhard Daltrop senior 1876/1877 ein Haus erworben und ein Geschäft eingerichtet, das die Enkel Bernhard und Julius seit 1919 gemeinsam führten.

Am Morgen des 10. November 1938, also im Rahmen der Pogrome der so genannten „Reichskristallnacht“, wurde das Wohn- und Geschäftshaus der Daltrops von Gütersloher Nazis in Brand gesetzt. Auch das Nachbargebäude (Kirchstraße 3), das der jüdischen Familie Löwenbach gehörte, fiel den Flammen zum Opfer. In diesem Haus war 1835 von Carl Bertelsmann der Bertelsmann-Verlag gegründet worden, der heute zu den größten Medienkonzernen der Welt zählt.

Mit dem Zug ins Vernichtungslager

Die Brüder Bernhard und Julius wurden gefangen genommen. Paula und die Frau von Julius Daltrop, Jenny, die beide während des Brandanschlags fliehen wollten, wurden von den Brandstiftern zurück in das brennende Haus getrieben. Sie konnten jedoch ihr Leben retten, indem sie einen Nebenausgang nutzten. Bernhard, der an Darmkrebs litt, und auch sein Bruder Julius, der nach der Pogromnacht ins KZ Buchenwald eingeliefert worden war, starben noch 1939.

Paula zog, nachdem ihr Wohnhaus zerstört worden war, zu ihrer Schwägerin Jenny. Im Mai 1941 mussten sie von dort zwangsweise in das so genannte Judenhaus in der Gütersloher Bismarckstraße umziehen. Beide wurden am 8. Juli 1942 der Geheimen Staatspolizei (Gestapo) in Bielefeld überstellt und am darauffolgenden Tag deportiert. Die gebürtige Beleckerin Paula Daltrop war zu diesem Zeitpunkt 59 Jahre alt und wie ihre gesamte Familie völlig unbescholten. Sie hatte bereits ihre Tochter Lotte, ihren Schwiegersohn Leo Beifuß und ihren kleinen Enkel Rudi (geboren 1937) verloren, die 1941 deportiert und später in Auschwitz ermordet worden waren. Lediglich Paulas Sohn Herbert überlebte den Holocaust, weil er 1938 nach Jerusalem ausgewandert war. Er starb 1968.

Der Transport von Paula und Jenny Daltrop gehörte wahrscheinlich zu einem der ersten aus dem Reichsgebiet, der direkt das Vernichtungslager in Auschwitz zum Ziel hatte. Der Zielort war geheim gehalten worden beziehungsweise durch die falsche Auskunft, der Zug fahre nach Riga im Baltikum, verschleiert worden. Über den Verbleib der beiden Frauen fehlen aussagekräftige Unterlagen. Es ist aber mit Sicherheit davon auszugehen, dass beide in Auschwitz ermordet wurden. Das Amtsgericht Gütersloh erklärte sie im März 1957 für tot.

NS-Wahn zum Opfer gefallen

Zur erschütternden Bilanz des Holocaust gehört somit der Mord an allen drei uns bekannten damaligen Angehörigen der Familie Löwenstein aus Belecke. Es sind drei unschuldige Menschen mit ihren Familien unter der unvorstellbaren Zahl von weit mehr als sechs Millionen, die dem NS-Rassenwahn zum Opfer fielen.

Es ist jedoch tröstlich, dass es in dieser Zeit nicht nur düstere Unmenschlichkeit, sondern auch überzeugte Nächstenliebe gegenüber Juden, Zwangsarbeitern, Kriegsgefangenen oder anderweitig in große Not geratenen Mitmenschen in Belecke gegeben hat. Es waren neben katholischen Priestern, wie dem Märtyrer Eduard Müller, der für kurze Zeit im Klemensheim studiert hatte, Vikar Cornelius van den Hövel und Pfarrer Theodor Schlechter auch zahlreiche weitere Mitbürger, die halfen, als ihre Hilfe gefragt war.

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