Talk am Turm

Berna Enste - Herzlichkeit vom ersten Augenblick an

Talk am Turm mit Berna Enste

Foto: Tim Cordes/WP

Talk am Turm mit Berna Enste Foto: Tim Cordes/WP

Warstein.  Berna Enste erzählt von den Anfängen der Städtepartnerschaft – und nimmt beim Spaziergang zum Lörmecketurm ebenso Fahrt auf wie es die Partnerschaft gleich zu Beginn tat.

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Drohend hängen die dunklen Wolken tief am Himmel. Ein kühler Wind weht, die Fichten rauschen. Nein, das passende Wetter ist dies sicherlich nicht, um ein mediterranes Lebensgefühl aufkommen zu lassen. Doch genau darum soll es bei meinem Spaziergang mit Berna Enste zum Lörmecketurm gehen – die 50-jährige Städtepartnerschaft zwischen Saint Pol sur Ternoise und Warstein an der Wäster. Schließlich war die Warsteiner Ehrenringträgerin, die außerdem 1984 zur Ehrenbürgerin St. Pols ernannt wurde – eine Ehre, die auch Franz-Josef Berghoff und Heiner Linnenbrügger zuteil wurde – seit den Anfängen der Städtepartnerschaft dabei.

„Ich bin da reingerutscht damals, wie bei der Sache mit den Kupferhammer-Konzerten“, erzählt Berna Enste, während wir uns gemächlichen Schrittes auf den Weg zum Lörmecketurm machen. Schließlich war das Standesamt gleichzeitig das Vorzimmer des Bürgermeisters. „Ich habe auch immer die Protokolle geschrieben und bekam alles mit.“

So war sie auch dabei, als Lehrer Karl-Heinz Dürwald aus Menden Städte aus Westfalen suchte, die eine Partnerschaft mit Städten in Nordfrankreich eingingen. „Dürwald war selbst im Krieg und sagte immer: Es darf nicht wieder vorkommen, dass sich Menschen so beschießen“, erzählt Berna Enste.

Sofort Feuer und Flamme

Seine Argumentation muss überzeugend gewesen sein, denn nicht nur Bürgermeister Hermann Risse, sondern auch die Stadtvertretung waren Feuer und Flamme. Man nahm Kontakt zu St. Pols Bürgermeister Pierre Bonnel auf. Die Stadt war wahrscheinlich ausgesucht worden, da sowohl St. Pol wie auch Warstein eine landwirtschaftlich geprägte Umgebung haben, und Anfang September machte sich eine Delegation auf in den Norden Frankreichs. Neben Bürgermeister Risse, Stadtdirektor Heinz Pikullik und Egon Enste, Direktor des Progymnasiums, war auch Berna Enste mit dabei. „Ich wusste ja gar nicht, was auf mich zukam. Aber die Gelegenheit wollte ich mir nicht entgehen lassen.“

Die Erinnerungen an diese Fahrt sind noch so frisch, als wäre es gestern gewesen. „Ab Aachen gab es keine Autobahn mehr – zwölf Stunden sind wir gefahren.“ Das geht Gott sei Dank inzwischen schneller.

Gleich geblieben ist hingegen die Herzlichkeit, mit der die Gäste aus Warstein damals schon bei ihrem ersten Besuch empfangen wurden. „Das war so etwas Herzliches, dass ich damals sofort gedacht habe: Du musst etwas tun für diese Sache“, erinnert sich meine Wander-Kollegin an die Ratssitzung, die Besichtigung der Blumendörfer rund um St. Pol mit den herrlichen Dahlien und der Milchpulverfabrik. Doch vor allem bekamen die Warsteiner die Gastfreundschaft der Franzosen während der privaten Begegnungen zu spüren.

Unvergesslich sei das Abendessen bei Bürgermeister Bonnel gewesen. „Es kam der erste Gang – und wir haben ordentlich zugeschlagen. Dann kam der zweite, der dritte, der vierte ... – das war mein erstes französisches Essen in einer Familie. Das war schon etwas anderes als in Deutschland. Hier ging ja immer alles zack-zack.“

Unangenehm war den Warsteiner Gästen, dass man kein privates Geschenk für Madame Bonnel mitgebracht hatte. Also meldete sich Berna Enste ab, offiziell, um sich die Beine zu vertreten, und machte sich auf die Suche nach einem Blumenladen. Allerdings gab es in St. Pol keinen.

Doch Not macht erfinderisch: An einem Haus mit üppigem Blumengarten sprach Berna Enste eine alte Frau an und erklärte dieser, dass sie einen Strauß für Madame Bonnel benötige. „Sie hat mir einen Riesenstrauß Dahlien mitgegeben. So konnten wir uns wenigstens ein bisschen für die Gastfreundschaft revanchieren.“ Ferner zeigt die Geste der alten Dame die Unkompliziertheit der Franzosen. Der Gegenbesuch aus St. Pol folgte im Oktober – zur Herbstkirmes. „Das war ja damals noch was.“

Dann ging es Schlag auf Schlag: Bereits im Mai 1965 machte sich eine Delegation mit rund 100 Warsteinern auf den Weg nach Nordfrankreich, im gleichen Jahr war der TuS Warstein als einer der ersten Vereine in der französischen Partnerstadt. „Die Fußballer von damals haben heute noch Kontakt – nur Fußball spielen können sie nicht mehr.“ 1966 kamen erstmals die Pères la Joie, die Freudenväter, nach Warstein.

Freundschaft wuchs schnell

Nicht nur zwischen den Vereinen, auch zwischen den Familien wuchsen schnell die Freundschaften. „Ich könnte jetzt noch 25 bis 30 Familien aufzählen, die diese Freundschaften gut bis zum Tod gepflegt haben.“

Um sich besser verständigen zu können, machten viele Warsteiner bei der Volkshochschule einen Französisch-Kursus. Sehr gut seien diese besucht gewesen, erinnert sich Berna Enste. Im Gegenzug gab es in St. Pol Deutsch-Kurse. „Die St. Poler haben sich immer beklagt, Deutsch sei so schwer...“

Potenzielle Gastfamilien, die damals Bedenken wegen der Sprache hatten, beruhigte Berna Enste schnell. „Ich habe immer gesagt: Am besten nehmen Sie zwei Gäste, die können sich dann untereinander unterhalten.“ Denn als städtische Mitarbeiterin war sie für die Unterbringung der Gäste zuständig. „Natürlich hat man schon geguckt, wer zusammen passt. Wenn man etwa zwei Lehrer zusammenbrachte, hatten die sich schon mal etwas zu erzählen.“ Höhepunkt in diesem Zusammenhang waren der Besuch zum 30-jährigen Bestehen der Städtepartnerschaft. 500 französische Gäste kamen.

„Wir haben überlegt, wie wir das mit der Verteilung machen. Und dann hatte ich die Idee, wir könnten das doch in der Kirche machen.“ Berna Enste rief Pfarrer Axel Hoeschen an, der war einverstanden und so saßen Gäste und Gastfamilien dicht gedrängt in den Kirchenbänken. „Gerard Bocquilion und ich haben die Namen abwechselnd vorgelesen, Gäste und Gastgeber trafen sich in der Mitte im Gang – nach einer halben Stunde war alles vorbei.“

Ein weiterer Höhepunkt in der Geschichte der Städtepartnerschaft sei gewesen, dass Friedrich Merz zum 20-Jährigen als Gastredner aufgetreten war. „Das war damals auch schon etwas Besonderes.“

Und was war für Berna Enste das Faszinierende an der Städtepartnerschaft? Meine Wander-Kollegin muss nicht lange nachdenken. „Die Zusammenführung der Deutschen und Franzosen so kurz nach dem Krieg hat mich tief beeindruckt, diese Herzlichkeit – von der französischen Seite kam da am Anfang noch mehr rüber als von der deutschen.“ Ebenso beeindruckt habe sie, dass bei der Städtepartnerschaft die Politik nie eine Rolle gespielt habe. Egal, wer damals Bürgermeister gewesen sei – alle standen immer hinter der Sache.

Nachdem wir in der Schutzhütte geschauert haben, geht ein prüfender Blick gen Himmel. „St. Pol habe ich eigentlich immer nur bei Sonnenschein erlebt“, meint Berna Enste. Bei rund 60 Besuchen in 50 Jahren Städtepartnerschaft sagt das doch recht viel über das gute französische Klima aus. „Nur einmal hatten wir Schnee, das war 2004 beim Abschiedsbesuch von Georg Juraschka. Das war allerdings nur wie Puderzucker.“ Hoffentlich haben die Franzosen für dieses Wochenende genug gutes Wetter im Gepäck...

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