Talk am Turm

Das Schicksal formt Thomas Schulte zum Tausendsassa

Talk am Turm mit Thomas Schulte

Foto: Georg Giannakis

Talk am Turm mit Thomas Schulte Foto: Georg Giannakis

Warstein.   Nach einer Kindheit im Haus Teiplaß ist ein Leben außerhalb von Sichtigvor für den Schützenoberst, Küster und Wirt Thomas Schulte unvorstellbar.

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Es gibt Menschen, denen das Glück in den Schoß fällt. Es gibt Menschen, die hart dafür arbeiten. Und es gibt Thomas Schulte – für den beides gilt. Der Oberst der Sichtigvorer Schützen weiß spätestens seit seiner Ausbildung zum Koch in den 80ern, was harte Arbeit bedeutet. Trotzdem waren es meist glücklichen Fügungen, die seinen Werdegang bestimmen. „Das hat sich alles so nach und nach ergeben“, erzählt er auf dem Weg zum Lörmecketurm über sein Leben, „eigentlich war das so alles nicht geplant.“

Es waren verschlungene, teils steinige Wege, auf denen der Koch-Azubi von einst zum Tausendsassa von heute geformt wurde. „Aber das habe ich nie bereut“, sagt Thomas Schulte aus Überzeugung. Denn allen Kehrtwenden und Neustarts zum Trotz kannten seine Pfade immer nur ein Ziel: Sichtigvor. Nie hat er anderswo gelebt, nie wollte er anderswo leben. „Schon wenn ich länger als acht Tage weg bin, will ich wieder nach Hause“, beschreibt er seine Heimatverbundenheit.

Im Sauerland auf Ausbildungsstellen beworben

Bevor Thomas Schulte seine erste Ausbildung begann, sah es allerdings noch danach aus, dass er das Glück in der Ferne suchen müsste. „Ich hatte mich schon damit abgefunden, dass ich weg muss“, blickt er zurück. Im ganzen Sauerland hatte er sich auf Stellen in der Gastronomie beworben. „Ein Teil meiner Verwandtschaft lebt in Eslohe, von daher wäre das nicht ganz so dramatisch gewesen“, sagt der 49-Jährige heute.

Es kam anders.

Thomas Schulte erhielt eine Lehrstelle im Bauernstübchen in Mülheim und konnte damit im Kirchspiel bleiben. „Das war ein Glücksgriff“, freut er sich noch heute.

Zu verdanken hatte er die Ausbildung seiner Bekanntheit im Möhnetal. Als Sohn des Hausmeister-Ehepaares ist er im Haus Teiplaß, dem Treffpunkt aller Vereine in Sichtigvor, aufgewachsen. So dauerte es nicht lange, bis er selbst in diesen Vereinen aktiv wurde. „Ich bin mit 14 Jahren zur Prinzengarde gekommen und bei der KJG war ich da auch schon“, erinnert er sich. Mit beiden Gruppen ist er bis heute als Betreuer verbunden.

Die Arbeit hinter den Kulissen – in der Küche – reichte Thomas Schulte hingegen schnell nicht mehr. „Zur Koch-Ausbildung gehörte es damals, vier Wochen auch zu bedienen“, sagt er, „das hat mir so gut gefallen, dass ich eine Lehre zum Restaurantfachmann hinterhergeschoben habe.“ Der Kontakt zu den Kunden macht ihm an seiner Arbeit am meisten Spaß – bis heute.

Denn Thomas Schulte redet gerne – manchmal ohne Punkt und Komma. Auch auf dem Weg zum Lörmecketurm bleibt zeitweise kaum eine Gelegenheit, Zwischenfragen zu stellen, so leidenschaftlich spricht der 49-Jährige über die Zukunft der Gastronomie, über das Schützenwesen und am allerliebsten über sein Sichtigvor.

Arbeit auf Schiff aus Heimatverbundenheit abgelehnt

Um in der Heimat zu bleiben, lehnte er einst sogar das Angebot ab, für ein halbes Jahr auf einem Kreuzfahrtschiff zu arbeiten. „Das war eine gut bezahlte Stelle, aber ich habe kurz vorher gekniffen“, gesteht er, „das ist einfach nichts für mich.“

Stattdessen wagte er früh den Schritt in die Selbstständigkeit und übernahm die Gastronomie in einer Tennishalle hinter dem heutigen Aldi-Markt. „Das war auch eher ein Zufall“, sagt er. Sein früherer Chef aus dem Bauernstübchen gehörte zu den Gesellschaftern und suchte einen Pächter.

„Ich bin da relativ zuversichtlich reingegangen, vielleicht auch ein bisschen leichtsinnig“, räumt er ein. Selbst nach dem Ende des Tennisbooms hatte er noch nicht alle Schulden abbezahlt, die anfangs aufgelaufen waren. „So habe ich gelernt, auf dem Boden der Tatsachen zu bleiben“, erkennt er heute auch Gutes in der Entwicklung.

Durch Zufall zum Küster geworden

Inzwischen führt Thomas Schulte den Alten Bahnhof. Radfahrer, die vom Möhnesee oder Brilon aus Touren entlang der Möhne unternehmen, machen bis zu drei Viertel seiner Kunden aus. „Im Bahnhof habe ich schon ausgeholfen, bevor ich ihn übernommen habe“, sagt Schulte, „deshalb wusste ich genau, worauf ich mich einlasse.“

Parallel arbeitet er als Küster – und wieder spielte der Zufall eine Rolle. „Ich wollte mir im Pfarrbüro eigentlich Kopien beglaubigen lassen, als die damalige Sekretärin fragte, ob ich nicht Interesse an der Stelle hätte“, erzählt er. Der langjährige KJG-Betreuer reichte eine Bewerbung ein, wenngleich er sicher war, nicht für die Aufgabe infrage zu kommen. Zwei Monate später hatte er ein neues berufliches Standbein.

Als Wirt strebt Schulte heute nicht mehr nach möglichst großen Kneipen mit vielen Gästen und schnellem Wachstum. „Das muss überschaubar bleiben – gerade in diesen Zeiten.“ Dass immer mehr Dorfkneipen schließen, stört ihn. Die Geselligkeit gehe verloren. Aber es wundert ihn auch. „Ich habe nicht verstanden, wie der ,Alte Landtag’ in Warstein zum Beispiel so lange leer stehen konnte“, sagt er, „den hätte ich blind übernommen.“ Was hat ihn gehindert? „Das ist ja nicht Sichtigvor“, antwortet er und muss selber schmunzeln.

Beruflich und in Vereinen nach Verantwortung gestrebt

Das Gesellige macht für Thomas Schulte auch die Faszination am Schützenwesen aus. Mit den großen Festen buchstäblich direkt vor der Haustür ist er mit Schützen um sich herum groß geworden. „Aber mir hat es nie ausgereicht, drei Tage mit dem Holz durchs Dorf zu laufen“, strebte er auch im Verein nach Verantwortung, „ich wollte immer mehr damit zu tun habe.“

Er ließ sich in den Vorstand wählen, seit 17 Jahren führt er die St.-Georg-Bruderschaft als Oberst an – noch so etwas, mit dem Thomas Schulte vorher nicht gerechnet hätte. Als er sich 2000 zur Wahl stellte, war er Anfang 30, Junggeselle und hatte deutlich ältere Gegenkandidaten. Doch er wurde mit überwältigender Mehrheit gewählt.

„Als ich am nächsten Morgen aufgewacht bin, ist mir erst so richtig bewusst geworden, dass ich damit die Verantwortung für den größten Verein im Dorf trage“, erzählt er, „weil ich vorher wirklich nicht damit gerechnet habe, dass ich gewählt werde.“

Auf einem Obristentreffen des Sauerländer Schützenbundes wurde er gefragt, von welchem Junggesellen-Verein er komme. Schulte ärgerte sich darüber, aber in der Bruderschaft wurde seine Wahl als Aufbruchsignal wahrgenommen. Nach und nach wurden weitere jüngere Mitglieder in den Vorstand aufgenommen, die viele Gewohnheiten hinterfragen. „Das ist wirklich schön, weil es nichts Schlimmeres gibt als den Satz: Das haben wir immer schon so gemacht“, findet er.

Amt des Obersts in jüngere Hände legen

Nachdem inzwischen auf seinen Vorschlag auch in Sichtigvor wieder ein Jungschützenkönig ermittelt wird und damit wieder mehr Jüngere in den Umzügen mitlaufen, sieht Thomas Schulte die Bruderschaft für die Zukunft gut gerüstet. „Auch wir haben nicht mehr die fünf Leute unter der Vogelstange, das muss man sagen – aber Nachwuchs haben wir.“

So hat der 49-Jährige beschlossen, dass er bei der nächsten Wahl des Oberst 2018 nicht mehr kandidieren wird. Lust hätte er zwar schon noch. „Aber alles, was ich mir vorgestellt habe, ist geschafft“, sagt er, „jetzt wird es Zeit für frisches Blut.“

Vorher wird er noch einmal als Oberst ein Schützenfest feiern – und damit die Rückkehr ins Haus Teiplaß, nachdem die Bruderschaft im vergangenen Jahr in ein Zelt ausweichen musste, weil die Halle zur Flüchtlingsunterkunft wurde.

Zukunft als Ortsvorsteher vorstellbar

„Die Wertigkeit der Halle ist jedem bewusst geworden, der das Schützenfest mitgefeiert hat“, glaubt Thomas Schulte. Zwar habe die Bruderschaft viel Unterstützung erhalten und einige ältere Sichtigvorer freuten sich sogar – wie in Zeiten vor dem Haus Teiplaß – wieder einmal in einem Zelt zu feiern, der Aufwand war letztlich aber doch deutlich größer als normal und auch die Routen für die Festzüge waren kompliziert, weil das Zelt am Ortsrand aufgebaut werden musste.

Wie seine Rolle aussehen wird, wenn ein neuer Oberst feststeht, weiß Thomas Schulte noch nicht. „Ich werde auch weiterhin ganz sicher nicht über Schützenfest in den Urlaub fahren“, sagt er entschieden.

Könne als Steigerung nicht eigentlich nur der Posten als Ortsvorsteher folgen? Tatsächlich sei er vor einiger Zeit schon einmal gefragt worden, ob er Interesse hat. Damals habe er abgelehnt, weil das Amt im Schützenverein Vorrang hatte. „Ich würde niemals nie sagen“, meint er heute.

Thomas Schulte lässt sein Schicksal auf sich zukommen – damit ist er bislang immer gut gefahren.

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