Mini-Serie

Erschießungen in Suttrop und Eversberg: „Unheimlich still“

Der Gedenkstein für 57 ermordete Fremdarbeiter in Suttrop steht heute im Kattensiepen.

Foto: Jana Naima Schopper

Der Gedenkstein für 57 ermordete Fremdarbeiter in Suttrop steht heute im Kattensiepen. Foto: Jana Naima Schopper

Suttrop/Eversberg/Warstein.   Im Arnsberger Fremdarbeiterprozess schildern zwei Zeugen die Erschießungen  in Suttrop und Eversberg. Gedenksteine erinnern an die Opfer.

In einer Miniserie werfen wir einen Blick auf die dunkelsten Tage in Warstein, Suttrop und Eversberg – und den Mammutprozess der darauf folgte.

Vögel zirpen. Sonnenstrahlen verirren sich vereinzelt durch die kahlen Äste. Es ist still, nur manchmal braust ein Auto vorbei. Ein kleiner Fels wird an dieser Stelle von zwei Tannen umrahmt.


Am 21. März des Kriegsjahres 1945 wurden an dieser Stelle 57 Sowjetbürger, Männer, Frauen und ein Kleinkind, von SS-Schergen grausam ermordet.
„Doch die traurigen Zeilen wisch ich nicht weg“ Puschkin

Der Rettungsversuch, der letzte, scheitert

Heinz Zeuner ist müde. Die letzten Tage waren anstrengend. Immer wieder fallen ihm die Augen zu. Es klopft. Eine Stimme sagt: „Es ist soweit.“


Auf dem Schulhof in Suttrop steht ein Lkw. Russen und Polen klettern auf die Ladefläche. Heinz Zeuner glaubt, dass sie Plünderer sind – bis er eine Frau sieht, im Arm ein Kind in Tücher gewickelt. Er rennt los, zerrt an ihrem Arm. Sie sträubt sich und reißt sich los. Der Motor röhrt, der Lkw rollt. Es ist zu spät.


Er ist nur wenig später an der großen Grube, ausgehoben auf einer Lichtung im Arnsberger Wald nahe Suttrop. Heinz Zeuner läuft auf und ab, während Männer mit Gewehren und Pistolen jeden der Russen und Polen einzeln auf die Lichtung führen und sie an der Grubenwand mit einem Schuss in den Kopf töten.
„Die Russen blieben still, unheimlich still. Aus ihrem Verhalten schloss ich, dass die Leute ahnungslos waren. Es herrschte unter ihnen kleinerlei Erregung.“ – Zeuner

Ein Mann springt aus der Reihe, vielleicht hat er begriffen, was geschieht. Heinz Zeuner reagiert – angeblich in Todesangst – und schießt. Nur wenig später findet er den Mann tot auf dem Bauch liegend im Wald. Das Kind, in Tücher gewickelt, wird nicht erschossen. „Boos wollte das regeln“, sagt Heinz Zeuner.

Am Schädel klebten noch Reste von Baumrinde

SS-Rottenführer Anton Boos war lange Zeit nicht aufzufinden. Am 17. Dezember 1957 wurde er in Bremen festgenommen. Seit Kriegsende war er siebenmal vorbestraft. Er soll das einjährige Kind in Suttrop getötet haben.


„Als man die Leichen nach Beendigung der Kämpfe fand, hatte dieses Kind einen eingeschlagenen Schädel, an dem noch Reste der Baumrinde klebten. Auf Grund dieses Befundes ist zu vermuten, dass Boos das Kind mit dem Schädel gegen einen Baum geschlagen hat.“ – Landgerichtsdirektor Niklas

Helmuth Gaedt schaut den Männern beim Graben zu. Eine Grube, 25 Meter lang, sechs Meter breit, abgeschrägter Rand. Am Morgen hatte er den Befehl erhalten, 100 Fremdarbeiter in Eversberg zu „dezimieren“. Um 19 Uhr am Abend trinkt er einen Schnaps, raucht einige Zigaretten. Dann verteilt er unter den Soldaten Maschinenpistolen und Sturmgewehre.


„Niemand betritt das Lager in der Sauerlandhalle. Und: Wenn ein Russe flieht, wird nicht hinterher geschossen, sondern wir lassen den Mann laufen!“ – Gaedt

Er schickt ein Abholkommando zur Sauerlandhalle, fährt selbst zur Grube nahe Eversberg. Immer 15 der Russen lässt er zur Grube führen. Jeder Soldat packt dabei den Arm eines Fremdarbeiters, führt ihn in die Grube hinein und erschießt ihn. Helmut Gaedt klettert immer wieder in die Grube hinab, leuchtet den Männern ins Gesicht, schaut ob sie tot sind, dann wird Erde über sie gedeckt. Die nächsten 15.


„Die Anwesenheit des Beurkundungsführers Anhalt habe ich so aufgefasst, dass ich nunmehr unter Aufsicht des Gerichts stand.“ – Gaedt


Das sagen sie alle. Beim Prozess im Arnsberger Rathaussaal beteuern die sechs Angeklagten, dass sie unter Befehlsnotstand standen. Dass sie die Menschen erschießen mussten, sonst hätte ihnen selbst der Tod gedroht.


„Damit stehen wir am Schluss eines großen Prozesses [...] Dieser Prozess bedeutete eine große Verantwortung für uns alle. Die Öffentlichkeit weit über Deutschland hinaus wurde durch diesen Prozess bewegt, was wiederum seine Auswirkungen auch auf das Geschehen hier hat.“ – Kaeßmann, Verteidiger

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