Forschungsprojekt

„Erster Schritt um etwas zu ändern“

Patricia Wahl von der KatHO Paderborn mit Dr. Volkmar Sippel (rechts) und Dr. Ewald Rahn (links)

Foto: Fabiana Regino

Patricia Wahl von der KatHO Paderborn mit Dr. Volkmar Sippel (rechts) und Dr. Ewald Rahn (links) Foto: Fabiana Regino

Warstein.   Kinder von psychisch Erkrankten haben in Deutschland nicht genug Anlaufstellen. Eine Studie soll Erkenntnisse und Veränderung schaffen.

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Depression. Borderline. Burnout. Die Liste an psychischen Krankheitsbildern ist lang, die Liste an Betroffenen länger. Die Tabuisierung solcher Themen scheint, zumindest was manche Erkrankungen angeht, in den letzten Jahren abgenommen zu haben.

Was allerdings selten in diesem Zusammenhang thematisiert wird ist: Wie steht es um die Kinder von psychisch erkrankten Elternteilen?

Besuche bei betroffenen Familien

Im Rahmen des Forschungsprojektes „Verstehen, Schützen, Stärken“ des Instituts für Gesundheitsforschung und Soziale Psychiatrie der Katholischen Hochschule NRW, das von Professor Albert Lenz geleitet wird, setzte sich Patricia Wahl, wissenschaftliche Angestellte an der KatHO Paderborn, mit genau dieser Fragestellung auseinander.

Unterstützt wurde sie dabei von den LWL-Kliniken Warstein/Lippstadt. Gefördert wurde das ganze vom Bundesministerium für Bildung und Forschung.

Im Zeitraum von September 2015 bis Januar 2017 besuchte sie Familien, in der ein Elternteil unter einer psychischen Krankheit litt und führte Gespräche mit den Familienmitgliedern. Aus der Region erklärten sich 18 Familien bereit, an der Interviewstudie teilzunehmen und so bestimmte Erkenntnisse zu liefern.

Wünsche und Sorgen der Kinder im Fokus

Die Ergebnisse beziehen sich darauf, wie die subjektive Sichtweise auf die Familiensituation aussieht, wie es um Hilfebedarf und Erfahrungen mit vorhandenen Hilfen steht und vor allem, was für Vorstellungen die Kinder über die elterliche Erkrankung haben, was sie für Erfahrungen im Alltag machen und welche Wünsche und Sorgen in ihnen aufkommen.

„Am Anfang war es sehr schwierig Familien für die Studie zu gewinnen“, offenbart Patricia Wahl. Der Direktor der LWL-Kliniken Warstein und Lippstadt, Dr. Volkmar Sippel, erklärt sich diese Scheu damit, dass bei vielen Eltern „große Scham und Angst besteht, als schlechte Eltern dazustehen.“

Die Tabuisierung solcher Themen würde dazu führen, dass es Eltern und ihre Kinder große Überwindung kostet, überhaupt darüber zu sprechen. „Viele, die nicht mitmachen wollten, wollten ihr Kind gar nicht erst in diese Gesprächssituation bringen“, unterstreicht Patricia Wahl.

Kommunikation ist wichtig

Die Kommunikation zu meiden ist genau der falsche Ansatz, wie Dr. Sippel weiter ausführt. „Kinder kriegen alles mit. Verheimlichung ist also kein Mittel. Vielmehr geht es um die Frage: Wie rede ich altersgerecht mit den Kindern über die Situation? Gibt man dem Kind aber das Gefühl, dass solche Themen tabu sind, kann es sich schnell einsam fühlen.“

Um zu vermeiden, dass Kinder sich mit so einer Situation alleine gelassen fühlen, gibt es zwar Angebote, wie Gesprächsgruppen oder interaktionelle Therapie, allerdings besteht in Deutschland ein großes Problem: Die Anlaufstellen sind nicht flächendeckend aufzufinden.

Gesundheitssystem mit Defiziten

Außerdem können entsprechende Angebote immer nur für einen sehr begrenzten Zeitraum beansprucht werden. Hinzu kommt, dass im deutschen Gesundheitssystem rechtzeitige Präventionsmaßnahmen nicht verankert sind.

„In Skandinavien bekommen Kinder von Erkrankten direkt eine Einladung zum Gespräch. Das ist dort Standard“, so Sippel, der vor Ort schon tätig gewesen ist. Die LWL-Kliniken verfolgen daher den Wunsch, Kindern von Betroffenen angemessene Betreuung anbieten zu können.

Die Realisierung dürfte aus verschiedenen Gründen leider nicht so einfach sein, wie Dr. Ewald Rahn, Chefarzt der Abteilung Allgemeine Psychiatrie, erklärt.

Thematisieren statt Tabuisieren

Das langfristige Ziel von Forschungen wie diesen ist es, eine Verbesserung der Versorgung und insbesondere der Prävention psychischer Erkrankungen zu erreichen.

„Es ist ein sehr komplexes Thema, was nicht auf eine Dimension einzugrenzen ist“, erläutert Patricia Wahl. „Man muss stark differenzieren, sowohl zwischen den Krankheitsbildern, als auch zwischen den Altersgruppen der Kinder.“

Wichtig sei, dass man dieses komplexe Thema eben nicht tabuisiert, sondern thematisiert. Denn „Thematisierung ist der erste Schritt, um etwas zu ändern – auch im Interesse der Eltern und vor allem der Kinder.“

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