Euthanasie

Familie von Euthanasie-Opfer zu Besuch in Warstein

Drei Generationen vereint vor der Gedenktafel mit dem Namen ihrer Vorfahrin: Inge Medau, Christina Medau-Turek, Giulia Turek und Gabriela Macagninco (von links) stehen in der Treisekapelle. Hier wird jedes Jahr an die Euthanasie-Opfer der Klinik gedacht, darunter auch Emma Schlewitz.

Foto: Elisa Sobkowiak

Drei Generationen vereint vor der Gedenktafel mit dem Namen ihrer Vorfahrin: Inge Medau, Christina Medau-Turek, Giulia Turek und Gabriela Macagninco (von links) stehen in der Treisekapelle. Hier wird jedes Jahr an die Euthanasie-Opfer der Klinik gedacht, darunter auch Emma Schlewitz. Foto: Elisa Sobkowiak

Suttrop.   Emma Schlewitz ist ein Opfer der grausamen Nazi-Euthanasie geworden – über 70 Jahre später hat ihre Familie nun in Warstein einen Ort zum Trauern.

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Vier Frauen aus drei verschiedenen Generationen kehren an den Ort ihrer Wurzeln zurück. Und das Einzige, was ihnen von ihrer gemeinsamen Vorfahrin bleibt, ist eine Geburtsurkunde und ein weißlich leuchtender Name auf einer Gedenktafel: Zum zweiten Mal nehmen Inge Medau, Gabriela Macagnino, Christina Medau-Turek und Giulia Turek an der kleinen Feierstunde zum Gedenken an die Euthanasie-Opfer teil.

Für sie aber ist es am vergangenen Sonntag vielmehr wie ein Besuch bei ihrer (Ur-) Großmutter und Mutter. „Nachdem ich letztes Jahr in Warstein ihre Spuren gefunden habe, habe ich meiner Schwester Christina direkt die Nachricht geschickt: Oma ist hier“, erinnerte sich Gabriela Macagnino. Emma Schlewitz heißt die Frau, die am 14. August 1941 gemeinsam mit 58 anderen Frauen vom Gelände der heutigen LWL-Kliniken nach Eichberg deportiert wurde.

Warum sie sechs Jahre zuvor in die ehemalige Heilanstalt in Warstein eingewiesen wurde, wissen die vier Frauen nicht. „Wir rekonstruieren das alles aus Erinnerungen und den Erzählungen unserer Mutter heraus. Unser Opa jedenfalls arbeitete als Bergarbeiter und lebte Zuhause“, versuchen sie immer wieder einen Zusammenhang zwischen der Lebensgeschichte Schlewitz’ und ihres Mannes herzustellen. „Er war Kommunist und alle warnten ihn, Stillschweigen über sein Unbehagen gegenüber dem NS-Regime zu bewahren – sonst würden sie ihn eines Tages holen kommen.“ Doch es war seine Frau Emma, die in die Hände der grausamen Euthanasie-Verbrechen geriet. Und sie war schwanger: Im Juli 1936, sprich während ihres Aufenthalts in der Warsteiner Anstalt, gebar sie Inge Medau – jene alte Frau, die am Sonntag mit ihren beiden Töchtern und ihrer Enkelin vor der Treise-Kapelle steht.

Geschichte wird totgeschwiegen

„Ich kann mich leider an nichts erinnern. Ich war ja erst fünf Jahre alt, als meine Mutter deportiert wurde“, bedauert die heute 80-Jährige, großgezogen habe sie dann ihre älteste Schwester. Am 23. Dezember 1941 kam für die Familie die erschütternde Nachricht, dass Emma Schlewitz verstorben sei. Was sich nach ihrer Deportation abgespielt haben muss, wurde totgeschwiegen – und das habe sich auch bei den eigenen Kindern Inge Medaus nicht geändert: „Wir haben viele Jahre keine Antwort auf unsere Fragen bekommen“, erinnern sich Gabriela Macagnino und Christina Medau-Turek an die recht strenge Erziehung durch ihre Mutter.

Im Juni 2015 aber machte sich Macagnino auf den Weg nach Warstein, holte unter anderem Emma Schlewitz’ Geburtsurkunde im Standesamt ab. „Ich bin wirklich dankbar für die ganzen hilfsbereiten Menschen hier, die mir auf meiner Spurensuche geholfen haben“, so die Enkelin des Euthanasie-Opfers. Mit Helmut Monzlinger vom Landschaftsverband Westfalen-Lippe der LWL-Kliniken Lippstadt und Warstein sowie Dr. Ernst Grafe sei sie auf geschichts- und ortskundige Menschen getroffen, Monzlinger begleitete sie dann auch zum ersten Mal in die Treise-Kapelle. „Das war ganz komisch, es stehen so viele Menschen auf der Gedenktafel im Inneren der Kapelle. Aber es war, als hätte mich Emmas Name wie ein Magnet angezogen – ich bin automatisch darauf zugegangen“, zeigte sich Gabriela Macagnino noch immer etwas aufgewühlt von diesem Erlebnis, „und auch wenn die Geschichte so traurig ist, habe ich mich seit meinem ersten Besuch hier direkt wohl gefühlt.“

Stiller Ort des Gedenkens

Im vergangenen Jahr schon kam sie deshalb mit Mutter, Schwester und Nichte zu der Gedenkfeier auf dem LWL-Gelände. Nahmen sich - nachdem die anderen Besucher weg waren - gemeinsam Zeit, um ihrer ganz persönlichen Geschichte nachzuspüren. Denn ein wenig Licht in die Vergangenheit der Familie zu bringen, sei für sie immer besonders wichtig gewesen – einen Anhaltspunkt haben die vier Frauen, die heute im Ruhrgebiet wohnen, nun jedenfalls. Einen stillen Ort, an dem Emma Schlewitz auch dank der von ihnen übernommenen Namens-Patenschaft niemals in Vergessenheit gerät.

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