Baum des Jahres

Häufigster Baum in Warsteins Wald ist nicht unumstritten

Die Fichte ist der Baum des Jahres 2017. Henning Dictus erklärt ihre Bedeutung und zeigt alte Bestände.

Die Fichte ist der Baum des Jahres 2017. Henning Dictus erklärt ihre Bedeutung und zeigt alte Bestände.

Foto: Frohne

Warstein.  Die Fichte ist der Baum des Jahres 2017. Dabei ist der häufigste Baum in Warsteins Stadtwald nicht unumstritten. Henning Dictus erklärt warum.

Es gibt keinen Baum im Warsteiner Stadtwald, der einem so oft begegnet wie die Fichte. 50 Prozent der Waldfläche beträgt der Fichtenbestand aktuell. Trotz – oder vielleicht gerade wegen – seines Massenvorkommens ist die Fichte der Baum des Jahres. „Die Fichte ist eigentlich derzeit die umstrittenste Baumart“, erklärt Förster Henning Dictus. „Sie hat positive Seiten, birgt aber auch viele Risiken. Sie trägt beispielsweise zum sauren Boden bei.“ Aber sie ist eben auch ein geschichtlich spannender Baum, über den es jede Menge zu erzählen gibt.

Schließlich gab es die Fichte vor 1817 in Warstein gar nicht, in jenem Jahr wurde sie zum ersten Mal für die Hamecke urkundlich erwähnt. „Das waren keine Kulturen wie heute, sondern alles Saaten“, erläutert Dictus auf dem Weg zu den ältesten vorhandenen Fichtenbeständen am Brandenberg. Heißt: Zapfen wurden getrocknet und mit ihren Samen gleichmäßig auf dem Waldboden verteilt.

Platz genug war für die Aussaat, denn Anfang des 19. Jahrhunderts herrschte Holznot. „Der Kahlenberg trägt seinen Namen nicht zu Unrecht – er war völlig frei von Wald.“ Dabei hatten die Wälder noch so gut ausgesehen, als den Warsteiner Bürgern im Jahr 1281 3350 Hektar überlassen wurden. Buchen- und Buchenmischbestände mit Eiche wuchsen hier. Als Bau- und Brennholzlieferant diente der Wald, ab dem 14. Jahrhundert auch für die Montanindustrie. „Ab 1371 spielte der Wald für die Holzkohlegewinnung und -nutzung eine große Rolle“, so Dictus. Brauchte man diese doch für die Eisenverhüttung und Nagelschmieden.

Hinzu kam, dass die Bürger bis 1872 auf der gesamten Fläche in den Wald eintreiben durften. „Der Wald wurde devastiert, völlig ausgeräumt.“ Von Nachhaltigkeit keine Spur. Selbst das Laub holte man sich als Streu ins Haus. Und irgendwann fehlte selbst Holz zum Heizen. Gut nur, dass die Preußen 1815 das Regiment in Westfalen übernahmen, die schon eine relativ gute Forst-Organisation geschaffen hatten. „Sie hatten ein Mittel gegen die riesigen kahlen Flächen: die Fichte.“ Eine robuste Baumart, mit der man die Holznot gut bekämpfen konnte, da sie gut wächst.

Die Preußen trieben die Verbreitung massiv voran. 1872 waren in Warstein bereits 16 Prozent der Fläche mit Fichte bestockt, im Jahr 2000 waren es 61 Prozent, heute noch 50 Prozent oder 2375 Hektar. „Kyrill hat viel umgeworfen und wir haben nicht unbedingt mit Fichte aufgeforstet.“ Aber die Fichte bleibt die wichtigste Hauptbaumart, auch, weil die heimischen Sägewerke Hüster und Fisch zumeist Fichte verarbeiten.

Problematische Baumart

Doch die Fichte bringt auch Risiken mit sich. „Sie hat ein hohes Windwurf-Risiko“, erläutert Dictus. Bei Kyrill gab es 160 000 Festmeter Windwurf im Stadtwald, 95 Prozent davon Fichten. Im Jahr darauf gab es in fast 50 000 Festmetern Fichte Borkenkäferbefall. „Solche Kalamitäten bereiten Probleme; wir wollen steuern können, wann wir auf den Markt gehen, um gute Preise erzielen zu können.“

Außerdem ist die Fichte die Baumart, die am stärksten von Sika- und Rotwild geschält wird. „Bei uns ist jede dritte Fichte geschält.“ Beim Verbiss ist es nicht ganz so extrem, aber dennoch ist jede fünfte Fichte verbissen. „Hinzu kommt der Klimawandel. Damit wird die Fichte nicht gut fertig. Genau so wenig wie mit den niedrigen Niederschlägen in der Vegetationszeit – es regnet viel zu wenig.“ Die Douglasie wird mit dem Klimawandel besser fertig.

„Es gibt Klimaprognosen, danach werden die Fichten bis 2050 bis auf einige Hochlagen völlig verdrängt in Südwestfalen“, so Dictus. „Sie wird in tieferen Lagen, wie bei uns, verschwinden.“ Darauf müsse man sich heute schon einstellen und klimastabile Nadelbaumarten wie Douglasie oder Weißtanne pflanzen. Aber der Fichte wird durch Naturverjüngung immer noch ein Platz eingeräumt.

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