Höhere Toleranz spürbar

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Anlässlich der derzeitigen Debatte um depressive Assistenzärzte sprach die WP mit Dr. Ewald Rahn, stellvertretender Ärztlicher Direktor der LWL-Klinik Warstein.

Herr Rahn, was genau versteht man eigentlich unter einer Depression?

Ewald Rahn: Die Krankheit kann unterschiedliche Formen annehmen. Das Wort „Depression“ ist nur ein Oberbegriff für viele Leiden. Interessensverlust oder Bettschwere können Erscheinungen des Krankheitsbildes sein. Rund zehn Prozent aller Erwachsenen leiden mindestens ein Mal in ihrem Leben an einer depressiven Periode, die zwischen sechs und zwölf Monate andauern kann.

Wie kann man gegen eine Depression vorgehen?

Im Gegensatz zum Mythos sind seelische Krankheiten, besonders die Depression, gut behandelbar. Die Möglichkeiten reichen von Verhaltenstherapie über psychotherapeutische Behandlungen bis hin zu Medikamenten in besonders schweren Fällen. Eine wichtige Wandlung gab es in den letzten Jahren vor allem durch die Burnout-Debatten, welche eine höhere Toleranz für Depressionen zur Folge hatte. Ein offener Umgang ist mit einer seelischen Störung wie der Depression noch am ehesten möglich – im Vergleich zu anderen Krankheiten, wie zum Beispiel der Schizophrenie.

Eine Studie gibt an, dass 40 Prozent der Assistenzärzte an depressiven Symptomen oder einer Depression leidet. Wie kommt es dazu?

Ärzte sind aufgrund der erheblichen psychosozialen Belastungen besonders gefährdet. Zwar werden Doktoren seit kurzem ein wenig entlastet, so dass sie statt bis zu 48 Stunden am Stück nur noch maximal 24 Stunden arbeiten müssen, aber die Belastung mindert sich nicht genug. Erschwerend kommt hinzu, dass die Prozesse im Krankenhausalltag stark beschleunigt sind, es viele Störungen und viele Notsituationen gibt, die verlangen, dass der Arzt zu jeder Zeit hoch aufmerksam ist. Das verlangt sonst kein anderer Job. Deswegen gibt es auch in keinem anderen Berufsfeld mehr Arbeitsunfähigkeitstage. Aber ich finde nicht, dass die Depressionsfälle steigen und Grund zur Sorge besteht. Die Krankheit wird einfach mehr akzeptiert und nicht mehr verborgen. Früher hatte man das Krankheitsbild einfach unter anderen Namen behandelt und jetzt wird langsam das Ausmaß der Depressionsfälle bekannt. Aber Depressionen gibt es schon lange.

Gehen denn auch Ärzte dann offen mit einer Erkrankung um?

In Gesundheitsberufen können Vorbehalte entstehen, wenn sich Patienten oder Eltern fragen, ob die Person überhaupt noch in der Lage ist den Beruf auszuüben. Vorurteile gibt es noch, daher würde ich davon abraten, jedem von der Erkrankung zu erzählen.

Worin liegen sonst Herausforderungen für die Ärzte in Zusammenhang mit Depressionen?

Problematisch ist vor allem, dass man nicht krank sein darf. Das bringt befremdliche Reaktionen mit sich. Man hat zwar Verständnis für kranke Patienten, aber nicht für kranke Ärzte. Man neigt dazu, Probleme zu verbergen und zu lange zu warten, ehe man Hilfe aufsucht. Ärzte tauschen ungern die Rolle und wollen nicht zum Patienten werden. Hoffnung macht hier aber die jüngere Generation, die immer öfter den Mut aufbringt und ihre Probleme zugibt.

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