Talk am Turm

"Ich kann nicht mit jedem noch ein bisschen sterben"

Talk am Turm mit Andrea Cramer und Elisabeth Liß.

Foto: Tim Cordes

Talk am Turm mit Andrea Cramer und Elisabeth Liß. Foto: Tim Cordes

Warstein.   Elisabeth Liß und Andrea Cramer koordinieren die Arbeit des Hospizkreises der Caritas in Warstein. Eine Arbeit, die oft die eigenen Kräfte überschreitet.

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Wir müssen über den Tod reden. Das fällt alles andere als leicht an Tagen wie diesen, wo der Oktober dem Herbst die lange Nase zeigt und zu sagen scheint: „Guck mal, ich kann auch Sommer.“ Am liebsten möchte man einen solchen Tag in einem Einmachglas konservieren, in den Vorrat stellen und wieder hervorholen, wenn der Wind ums Haus peitscht und kalter Regen gegen die Scheiben klatscht.

„Mein Gott, ist das heute schön“, freut sich Andrea Cramer und zieht die klare Waldluft durch die Nase ein. Auch Elisabeth Liß hat ein frühlingshaftes Strahlen aufgesetzt: „Da haben wir uns ja einen perfekten Tag für einen Spaziergang zum Lörmecke-Turm ausgesucht.“ Stimmt, haben wir. Und trotzdem wird uns der Tod jetzt auf Schritt und Tritt begleiten.

Andrea Cramer und Elisabeth Liß sind die Koordinatorinnen des Warsteiner Caritas-Hospizkreises. Seit Anfang des Jahres sind die beiden Warsteinerinnen in dieser Funktion ehrenamtlich tätig. Zuvor haben sie bereits einige Jahre intensiv im Hospizkreis mitgearbeitet und ungezählt viele Menschen auf ihrem letzten Weg begleitet.

Besondere Motivation für Andrea Cramer und Elisabeth Liß

Als gelernte Krankenschwestern war ihnen das Thema Tod und Sterben auch vorher schon nicht fremd. „Als die Kinder so langsam selbstständig genug waren, wollte ich einfach etwas machen, das mich erfüllt“, erklärt Andrea Cramer ihre Motivation. Ganz ähnlich war es auch bei Elisabeth Liß: „Für andere da zu sein in diesen schweren Stunden, das hat mich an dieser Aufgabe schon immer gereizt.“

Schwere Stunden - davon erlebt die 56-Jährige, die mit dem Kripo-Beamten und BG-Ratsmitglied Bernd Liß verheiratet ist, beruflich eigentlich genug. Als Nachtschwester im „Haus der Pflege“ in Kallenhardt hat sie es mit Schwerstpflegefällen wie Wachkoma-Patienten zu tun. Die sind dem Tod eigentlich ständig näher als dem Leben. „Und trotzdem ist die Hospizarbeit noch einmal etwas anderes.“

Wir sind nicht die einzigen, die diesen Oktobertraum zu einem Spaziergang durch das Sahnestück unter den Warsteiner Waldgebieten nutzen. Einer hat es besonders eilig. Der düst auf einem Mountainbike den geschotterten Weg entlang. Auch ein schönes Hobby.

21 Frauen arbeiten im Hospizkreis

Bei Andrea Cramer war es nicht allein der Beruf, der eine gewisse Nähe zum Tod mit sich gebracht hat; sie hat sich schon immer gerne „gekümmert“ - nicht nur um die vier Kinder, die sie mit Ehemann Rolf, dem Chefarzt am Krankenhaus Maria Hilf, hat: „Das war irgendwie schon immer mein Ding. Ich bin sehr emotional. Andere Menschen in den Arm nehmen, ihnen Mut zusprechen oder sie trösten - das liegt mir einfach. Ich betüddele gerne.“

Eigenschaften, die zur Mitarbeit in einem Hospizkreis geradezu prädestinieren. 21 Frauen bringen diese Eigenschaften aktuell mit. Alle sind hochmotiviert und von einer unerschütterlichen Nächstenliebe getragen, sich immer wieder den oft schwierigen Begleitungen zu stellen. Denn wer sich auf das „Abenteuer Sterbebegleitung“ einlässt, erlebt Situationen, die die eigenen Kräfte oft übersteigen.

Andrea Cramer und Elisabeth Liß sind Sterbebegleiterin und auch Familientherapeutin 

Erst vor wenigen Wochen hat Andrea Cramer eine junge Frau begleitet, die den Kampf gegen den Krebs aussichtslos verloren hatte. In der Familie war man aber offenbar nicht bereit, dies zu akzeptieren und würde- und vertrauensvoll von einander Abschied zu nehmen. Das ganze Haus war eine einzige stumme Sprachlosigkeit, ein Totschweigen. Vor allem der 7-jährige Sohn konnte überhaupt nicht damit umgehen, dass seine Mutter so krank war. „Der machte einfach einen großen Bogen um seine Mama und war unglaublich wütend auf sie. Das war eine schlimme Baustelle.“

Da ist man dann nicht nur Sterbebegleiterin, sondern auch Familientherapeutin. „Wenn ich von dieser Familie kam, war ich regelmäßig so fertig, dass ich erst einmal eine Runde heulen musste.“ Dass sie auf den Nachhausewegen auch noch zwei kleine Unfälle gebaut hat, erwähnt sie eher am Rande: „Manchmal kann man einfach nicht mehr.“ Das ist auch mit ein Grund, weshalb sie sich als Koordinatorin inzwischen von der aktiven Sterbebegleitung weitgehend zurückgezogen hat: „Ich kann nicht mit jedem noch ein bisschen sterben.“ Der Satz gefällt ihr und sie lacht auf.

Spaß gehört auch zur Hospizarbeit

Durch das bunt gefärbte Laub wärmt die Sonne. „Indian Summer“ nennt man diese herbstliche Farbenpracht in Nordamerika. Wir genießen den „Indian Summer“ in Warstein und nehmen auf einer Bank am Wegesrand Platz. „Wir erleben aber auch viele schöne Momente“, sagt Elisabeth Liß, die gemeinsam mit Andrea Cramer („Elisabeth ist mein Büro, sonst würde es drunter- und drübergehen“) die Hospizarbeit und die Begleitungen organisiert und koordiniert. „Wir haben auch oft Spaß. Das gehört einfach dazu.“

Denn das macht gute Hospizarbeit aus: Den Angehörigen die Möglichkeit geben, mal wieder durchzuatmen, ein wenig nach vorn zu schauen und Alltagsaufgaben zu meistern. Gleichzeitig aber den Todgeweihten diese Nähe zu geben, die sie so dringend auf ihrem letzten Weg benötigen. Liß: „Der Begriff Hospiz ist ja manchmal auch ein wenig missverständlich. Die Leute haben immer sofort den Gedanken an Tod und Sterben im Kopf. Dabei ist Hospiz ja eigentlich nichts anderes als eine Herberge, wie etwas umhüllen, etwas geborgen und warm halten. Wir können behüten, zuhören, Zeit schenken, begleiten. Eben dabei sein.“

Viele warten, dass sie endlich gehen dürfen

Zuletzt hat Andrea Cramer ihre eigene Mutter auf dem Weg zum Tod begleitet: „Das war noch einmal etwas ganz Besonderes. Die eigene Mutter zu begleiten, ist . . .“

Sie lässt den Satz unvollendet. Ich spüre einen dicken Kloß im Hals und muss schlucken. Vor neun Jahren habe ich meinen Vater begleiten dürfen. Die Erinnerung an seine letzten Minuten ist immer noch so präsent, als sei es erst gestern gewesen. Der friedliche Gesichtsausdruck, der sich nach intensivem und verzweifeltem Kampf gegen den Krebs auf sein Gesicht gelegt hatte, war wie eine Erlösung. Für alle. Da habe ich erfahren, dass es ein Geschenk sein kann, wenn man einem Menschen, den man liebt, auf seinem letzten Weg beistehen darf.

Elisabeth Liß kennt das: „Viele Sterbende warten auf diesen Moment. Warten, dass sie endlich gehen dürfen. Aber natürlich gibt es auch andere Fälle. Menschen, die mit aller Macht weiterleben wollen und nicht loslassen können. Das kann dann für alle schon sehr belastend sein.“

208 Stufen hoch auf den Lörmecke-Turm

In diesen Momenten gibt der Glaube oft Kraft und hilft den Angehörigen und den Sterbebegleiterinnen gleichermaßen. Und doch wächst gerade aus dem Glauben heraus auch oft der Zweifel. Liß: „Manchmal denkt man schon, warum macht der liebe Gott das? Warum lässt er so viel Leid und Schmerz zu?“ Eine Antwort auf solche Fragen hat sie bisher nicht bekommen. Auch nicht auf die existenzielle Frage: „Was kommt nach dem Tod?“ - „Ich habe keine Idee, was danach kommt“, räumt Elisabeth Liß ein. „Ich verlasse mich in dieser Beziehung ganz auf den liebenGott.“

Inzwischen sind wir am Lörmecke-Turm angekommen. Ich stelle die obligatorische Frage: „Wollen wir hoch?“ Die Antwort kommt im Duett: „Logisch. Jetzt, wo wir schon einmal hier sind.“ 208 Stufen und knappe drei Minuten später müssen zumindest mein Kollege Tim Cordes, Elisabeth Liß und ich tief durchatmen. Andrea Cramer, die wie ihr Mann regelmäßig läuft („so diszipliniert wie Rolf bin ich aber nicht“), steht bereits an der Brüstung und genießt die traumhafte Aussicht: „Einfach nur schön.“ Ein zarter Schleier Dunst liegt über Hirschberg, Warstein, Belecke und Suttrop und scheint die Orte sanft in Watte zu packen. Das Leben kann so schön sein.

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