Talk am Turm

Iris Belecke-Severin dachte, sie könne die Welt retten

Iris Belecke-Severin ist Bewährungshelferin - und das seit 28 Jahren. Beim Talk am Turm gewährte sie Einblicke in ihre Arbeit und ihren Alltag.

Foto: WP

Iris Belecke-Severin ist Bewährungshelferin - und das seit 28 Jahren. Beim Talk am Turm gewährte sie Einblicke in ihre Arbeit und ihren Alltag. Foto: WP

Warstein.   Die Bewährungshelferin Iris Belecke-Severin brennt für ihren Job. Als sie begann, dachte sie: "Fünf Jahre , nicht länger." Aus den fünf Jahren sind mittlerweile fast 30 geworden. Beim "Talk am Turm" gewährt sie Einblicke in ihren Arbeitsalltag.

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Manchmal gestalten sich Anfänge schwierig. Iris Belecke-Severin weiß das nur allzu gut, allein schon von Berufs wegen. Mit offenen Armen wird man als Bewährungshelferin nur höchst selten empfangen. Die Freude ihrer Klienten hält sich beim Erstkontakt in der Regel in Grenzen. In sehr engen Grenzen, wohlgemerkt.

Diese Sichtweise ist sogar irgendwie verständlich. Da wird einem aufgrund einer richterlichen Verfügung jemand vor die Nase gesetzt, mit dem man sich jetzt irgendwie zu arrangieren hat. Und als sei das nicht schon lästig genug, besitzt diese Person auch noch das Recht, dem Gericht bei Missachtung der Auflagen zu empfehlen, die Bewährung zu widerrufen und einen ins Gefängnis zu schicken. Kein Wunder also, dass Iris Belecke-Severin es durchaus gewohnt ist, auf Personen zu treffen, die ihr reserviert gegenüber treten – zumindest anfänglich.

Im Gegensatz dazu gestaltet sich unsere erste Begegnung sehr herzlich. Es ist Montag, kurz nach elf, wir treffen uns auf dem Parkplatz der Wanderroute zum Lörmecke Turm. Mir fällt auf, dass es sich tatsächlich um unsere erste richtige Begegnung handelt.

Zum ersten Mal sprechen wir miteinander. Miteinander kommuniziert hatten wir natürlich bereits am Telefon, allein schon um dieses Treffen zu arrangieren. Begegnet sind wir uns ebenfalls bereits, im Saal sechs des Warsteiner Amtsgerichts. Wobei man hier nicht von richtigen Begegnungen sprechen kann, schließlich hatten wir dort kein einziges Wort miteinander gewechselt. Vielmehr verfolgte ich dort als journalistischer Prozessbeobachter mit großem Interesse ihre Einschätzungen, die sie über die jeweiligen Angeklagten zu Protokoll gab. Und schon damals reiften die Fragen in mir: Was macht eigentlich ein Bewährungshelfer? Wie hilft man jemandem, sich zu bewähren? Geht das überhaupt?

Buch mit sieben Siegeln

Ja, das geht. Und aus Belecke-Severins Sicht tut das in den meisten Fällen auch dringend Not. So beobachtet sie zum Beispiel, dass gerade Jugendliche und junge Erwachsene immer häufiger in die Kriminalität abrutschen – einfach, weil sie es nicht gelernt haben, ein alltagstaugliches Leben zu führen.

Wo es für das Gros ganz selbstverständlich ist, einem geregelten Leben nachzugehen, eine Tagesstruktur zu haben, sich um die eigenen Belange zu kümmern, ist dies für manche junge Leute ein Buch mit sieben Siegeln. Lebensuntauglichkeit nennt Iris Belecke-Severin das. Diese zu beheben, ist ihr Job. Menschen beibringen, ihr Leben in geordneten Bahnen zu führen.

Wie sie das macht? Indem sie vermittelt. Im Prinzip ist Iris Belecke-Severin so etwas wie eine Maklerin. Sie vermittelt ihren Klienten Kontakte zu Einrichtungen wie der Arbeitsagentur, dem Jobcenter, Drogenberatungsstellen oder der Berufsberatung. Bei ihr laufen die Fäden zusammen, sie koordiniert, hilft bei Formalien, unterstützt bei Behördengängen und hofft, dass ihre Bemühungen Früchte tragen.

Rückschläge und Dämpfer

Letztlich hat dies jedoch niemand anderer in der Hand als der Klient selbst. Entscheidend ist, wie sehr er mitzieht und ob er das überhaupt will – oder kann. Besonders mit Alkohol- und Drogensüchtigen hat Belecke-Severin in ihrem Berufsleben schon einige Rückschläge und Dämpfer erlebt. Und aller professioneller Distanz zum Trotz geht ihr das teilweise auch nahe, besonders bei Klienten, mit denen sie schon lange zusammenarbeitet. „Zu vielen ist das Verhältnis nach einer gewissen Zeit sehr eng und vertrauensvoll. Man hofft einfach, dass sie die Kurve kriegen. Besonders wenn es Rückfälle mit Drogen gibt, lässt einen das alles andere als kalt“, sagt sie.

In vielen Fällen klappt es jedoch, zumindest mit der erfolgreich überstandenen Bewährungszeit. Belecke-Severin schätzt ihre eigene Quote auf rund 70 Prozent und liegt damit voll im NRW-Durchschnitt. „Fast 75 Prozent der 13.547 beendeten Bewährungsaufsichten im Jahre 2008 (Stand: 31.12.2008) konnten erfolgreich abgeschlossen werden. Nur 25 Prozent (3449 Personen) mussten in den Strafvollzug aufgenommen werden“, schreibt das NRW-Justizministerium auf seiner Homepage. Es verweist obendrein darauf, dass die Betreuung eines Klienten unter Bewährungsaufsicht den Steuerzahler pro Tag lediglich 2,50 Euro koste. Für einen Strafgefangenen müssten dagegen circa 100 Euro ausgegeben werden.

Die Allgemeinheit profitiert also von dem System Bewährung. Und Iris Belecke-Severin tut dies auch. Besonders wenn sie sieht, dass ihre Bemühungen nicht umsonst waren, dass es tatsächlich wieder einer geschafft hat, sich ins Leben zurückzukämpfen. „Man sieht dann, dass es Sinn macht und nicht alles umsonst ist“, sagt sie. Das gibt ihr Energie und Kraft, die auch dringend notwendig seien, schließlich müsse man in dem Job auch mit viel Negativität umgehen. „Ich würde mich aber immer wieder für den Job entscheiden“, sagt sie, kurz bevor wir den Lörmecke Turm erreichen, „das ist genau mein Ding.“

Nach ihrem Studium in Paderborn hegte sie jedoch noch leise Zweifel. Sie hatte gerade begonnen, in der Bewährungshilfe zu arbeiten. Damals war das Berufsbild eine reine Männerdomäne. Sie dachte: Fünf Jahre, länger nicht. Aus den fünf Jahren sind mittlerweile 28 geworden. Und sie würde sich immer wieder so entscheiden, denn das Feuer sei immer noch da. Sie brenne immer noch für ihren Beruf, auch wenn die Flamme nun etwas gemächlicher lodere als in dem 18-jährigen Mädchen, das sie einst war. Damals wusste sie bereits genau: Sie würde auf jeden Fall in der Bewährungshilfe arbeiten.

Enthusiasmus und Naivität

Gemeinsam mit Bernd Belecke, ihrem heutigen Mann, rief sie den Verein „Forum Jugendarbeit“ ins Leben. Einfach so, weil sie Lust darauf hatten, Jugendlichen zu helfen. Damals war viel Enthusiasmus im Spiel und ein gehöriger Schuss positiver Naivität. Ein Raum war schnell gefunden. Im Forsthaus Funke – einem damaligen Jugendtreff – richteten sie ihre Beratungsstelle ein. In einem kleinen, beschaulichen Zimmer, das sich tatsächlich zu einer Anlaufstelle für Jugendliche mit Problemen entwickelte. „Wir haben gedacht, wir können die Welt retten, alles regeln“, sagt Belecke-Severin. „Und eigentlich war ich ja selber noch eine Jugendliche.“

Eine Berufsjugendliche ist die heute 51-Jährige jedoch nicht geblieben. Zwar ist sie immer noch im Forum Jugendarbeit aktiv, jedoch nicht mehr im Tagesgeschäft. „Das überlasse ich mittlerweile anderen“, sagt sie und lächelt verschmitzt. Im Vorstand engagiert sie sich aber immer noch. Der Verein lebe weiterhin von dem Feuer und der Leidenschaft seiner Helferinnen und Helfer. Mehr als 20 davon sind hauptamtlich aktiv. Wahrscheinlich ist der Verein das beste Beispiel dafür, dass es sich langfristig lohnt, seinem inneren Impuls zu folgen und sein Ding durchzuziehen. So wie es Iris Belecke-Severin damals getan hat und es heute immer noch tut. Auch wenn die Anfänge manchmal schwierig sind.

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