Junge Amerikaner auf den Spuren der Urgroßeltern

Sichtigvor.  1939 wurde Dr. Max Ostwald gezwungen, seinen Besitz an die Gemeinde für 9000 Reichsmark zu verkaufen („entsprechend den Judengesetzen“, wie der Bürgermeister in seinem Tagebuch vermerkte). Der Preis wäre vermutlich nach vorsichtiger Einschätzung nicht zu beanstanden gewesen, aber Dr. Ostwald hat sicherlich nicht über das Geld verfügen können, da solche Zahlungen oft auf Sperrkonten eingezahlt werden mussten, die dann später vom Staat eingezogen wurden.

Dr. Ostwald und seine Kinder Martin und Ernst wurden bald in Dortmund wochenlang festgenommen und verhört. Die Polizei gab an, sie habe keine Schäden am Besitztum von Dr. Ostwald feststellen können. Dr. Ostwald und seine Frau Hedwig sind in den letzten Kriegsjahren nach einer langen, grauenvollen Odyssee in Theresienstadt und Auschwitz umgekommen. Nur durch glückliche Umstände konnten die Kinder Martin und Ernst dem Nazi-Terror entkommen. Martin Ostwald ist über England und Kanada in die USA gelangt und hat dort mit Hilfe von Verwandten Studien der klassischen Geschichte aufgenommen. Ernst ist in England geblieben, hat dort geheiratet und eine Familie gegründet und ist dort schon 1967 verstorben.

1974: Alter Brief

Martin Ostwald hatte nach dem Krieg aber immer noch Kontakt zu den alten Sichtigvorer Nachbarn und Freunden, der Familie von Friedrich Schmidt und hat ihnen 1947 über sein Schicksal berichtet. Danach ist der Kontakt irgendwann abgerissen, vermutlich weil in Deutschland für alle der Wiederaufbau anstand und Martin aus beruflichen Gründen häufiger in den USA umgezogen ist und zunächst hart arbeiten musste, um eine neue Existenz aufzubauen.

Als ich dann als Schüler auf dem Dachboden des Hauses meiner Großeltern in Sichtigvor 1974 nach interessanten alten Sachen suchte, bin ich auf den Brief von 1947 gestoßen. Als ich ihn meinem Großvater, der damals schon 85 Jahre alt war, zeigte, bat er mich, Martin doch einmal zu schreiben („vom ihm haben wir ja schon lange nichts mehr gehört“). Nach zwei Monaten kam mein Brief, allerdings mit dem Vermerk: „Addressee unknown“, zurück; die Adresse von 1947 war nicht mehr gültig. Eine Kontaktaufnahme war nicht mehr möglich.

1982: Antwort aus Amerika

1982 saß ich im Amerika-Haus in Köln und studierte Vorlesungsverzeichnisse amerikanischer Universitäten, um mich auf ein USA-Studium vorzubereiten. Dabei fiel mir auch ein Buch mit dem Titel „Who is who in America“ in die Hände. Neugierig blätterte ich in dem Buch und stieß zufällig auf einen Eintrag „Ostwald, Martin, born 1922 in Dortmund…“, der auch die aktuelle Adresse von Martin Ostwald enthielt. Das musste er sein! Sofort habe ich wieder versucht, ihm zu schreiben und hatte ihm den retournierten Brief von 1974 mit in den neuen Umschlag gelegt. Nach kurzer Zeit kam schon die Antwort auf diesen Brief, auch mit den Zeilen: „Sichtigvor ist wohl der einzige Ort, der mir in Deutschland noch etwas bedeutet.“

Da Martin Ostwald kurze Zeit später in der Schweiz war, um eine Ehrendoktorwürde von der Universität Fribourg entgegenzunehmen, ließ er es sich nehmen, sofort mit seiner Frau Lore einen Abstecher nach Sichtigvor zu unternehmen. Er war inzwischen ein international bekannter Altertumswissenschaftler geworden, der seit langem einen Lehrstuhl an der University of Pennsylvania innehatte und zahlreiche Gastprofessuren an vielen renommierten Universitäten übernommen hatte. Sofort begab er sich mit Sichtigvorer Freunden auf die Suche nach den Stätten seiner Kindheit, die ihm „als besonnte Vergangenheit“ so gut in Erinnerung geblieben waren.

Viele Sichtigvorer erfuhren vom schlimmen Schicksal der Familie Ostwald und deren Verwandten erst durch Martin Ostwalds Berichte. Auch er selbst war über die Vorgänge in den letzten Kriegsjahren nur durch wenige, lückenhafte Augenzeugenberichte informiert. Nach dem ersten Kontakt entwickelte sich eine fast eine Generation andauernde Freundschaft.

1994: Die nächste Generation

1994 hatte Martin Ostwald bei einem weiteren Besuch auch seine Söhne Mark und David mitgebracht, um ihnen die jahrhundertealten Wurzeln der Familie im Möhnetal näherzubringen. Insbesondere David war verständlicherweise zunächst skeptisch und vielleicht reserviert allem Deutschen gegenüber, konnte sich aber der Herzlichkeit des Empfangs seines Vaters und seiner Kinder nicht entziehen.

Anlässlich der Verleihung der Ehrendoktorwürde durch die Universität Dortmund im Jahre 2001 war Martin Ostwald das letzte Mal in Sichtigvor. 2010 starb er an einem Herzinfarkt in Swarthmore, Pennsylvania, kurze Zeit später folgte ihm seine Frau Lore. Im gleichen Jahr hatte er noch sein letztes Buch zur Entwicklung des Rechts im antiken Griechenland veröffentlicht.

2015: Ahnen auf Spurensuche

David Ostwald, der teilweise in die Fußstapfen seines Großvaters Dr. Max Ostwald getreten war und der Anwaltsprofession in New York nachgeht, wollte seinen Kindern Madeleine (26), Joe (24) und Olivia (20) auch die alte Heimat seiner Vorfahren zeigen und hat im Juli Sichtigvor besucht. Von seinem Anwaltsbüro im New Yorker Empire State Building benötigt er nur eine Viertelstunde zum Broadway, wo er mit seiner bekannten Jazzband „David Ostwald’s Louis Armstrong Eternity Band“ im Birdland einmal wöchentlich abends Auftritte hat (Motto „What We Play Is Life“).

Davids Kinder waren natürlich sehr interessiert, die alte Heimat ihrer Vorfahren kennenzulernen und die Gräber von direkten Vorfahren mit ihrem Vater auf den jüdischen Friedhöfen in Belecke (der schon 1693 von dem Juden Hese angekauft worden war) und Warstein zu besuchen. Ihr Vater hatte sogar extra ein Informationsmemorandum für sie zusammengestellt, damit sie sich auf den Besuch vorbereiten konnten. David war selbst sehr erstaunt, als ihm berichtet werden konnte, dass eine Firma aus dem Möhnetal, die Firma Dassel, 1929/30 den Eingangsbereich des Empire State Buildings mit Marmor und Granit verkleidet hat.

Nach einem Besuch des alten Familiensitzes der Ostwalds, ging es auf den Loermund, den Spielgrund ihres Großvaters Martin Ostwald in den 1920er und 1930er Jahren in Sichtigvor. Danach war Kaffee und Kuchenessen bei Fritz Schmidt angesagt, der die Urgroßmutter von David Ostwald als kleiner Junge noch gut in Erinnerung hatte. Bei einem Besuch der Ordensritterkirche ließ sich David gern überreden, einmal die Orgel auszuprobieren. Vom Turm der Kirche aus hatte Davids Familie dann – nach einigen Kletterübungen – einen guten Überblick über die Heimat ihrer Vorfahren. Das Kettenschmieden im Sichtigvorer Kettenschmiedemuseum bildete am späten Abend den Schlusspunkt eines ereignisreichen und auch durch Emotionen geprägten Tages auf den Spuren der hundertjährigen Familiengeschichte der Ostwalds in Sichtigvor. Das nächste Treffen soll in New York stattfinden.

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