Asylbewerber

LWL-Klinik muss bei Flüchtlingen Sprachbarriere überwinden

Dr. Ewald Rahn, stellvertretender ärztlicher Direktor der LWL-Klinik Warstein.

Dr. Ewald Rahn, stellvertretender ärztlicher Direktor der LWL-Klinik Warstein.

Foto: WP

Warstein.   Dr. Rahn, stellvertretender ärztlicher Direktor der LWL-Klinik, spricht im Interview über die Behandlung von Flüchtlingen und die Probleme dabei.

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Jede Woche kommen derzeit neue Flüchtlinge aus Kriegs- und Krisengebieten nach Warstein. Viele von ihnen haben große Not erlebt, die nur schwer zu verarbeiten ist und nicht selten zu psychischen Erkrankungen führt.

In der LWL-Klinik hat der Anteil der Flüchtlinge unter den Patienten dadurch in den vergangenen Wochen ebenfalls zugenommen. Mit welchen Krankheitsbildern sie nach Deutschland kommen, wie eine Therapie trotz Sprachbarriere funktioniert und welche Umstände eine effektive Behandlung verhindern, erklärt Dr. Ewald Rahn, stellvertretender ärztlicher Direktor, im WP-Interview.

Viele Flüchtlinge haben unfassbares Leid erfahren. Man könnte meinen, dass ihre Behandlung daher hauptsächlich auf eine Traumatherapie hinausläuft. Stimmt das?

Dr. Ewald Rahn: Flüchtlinge sind auch nach ihrer Ankunft in Deutschland noch in verschiedener Hinsicht in einer schwierigen Situation. Viele wissen nicht genau, was mit ihnen passiert. Es ist unsicher, wie lange sie an einem Ort bleiben. Sie müssen gerade in den Erstaufnahme-Einrichtungen auf engem Raum leben und das in einem nahezu babylonischen Sprachgewirr. Da gibt es zum Beispiel auch immer wieder Leute, die das nicht aushalten. Die Krankheitsbilder der Flüchtlinge allein auf Traumatisierungen zu reduzieren, würde also zu kurz greifen. Ein gewisser Anteil ist davon aber schon betroffen.

Wie äußert sich eine Traumatisierung?

30 Prozent derjenigen, die etwas Traumatisierendes erlebt haben, bekommen hinterher eine richtige Traumastörung. Sie überführen das Erlebnis nicht auf normalem Wege in ihr Gedächtnis, sondern erleben es immer wieder neu. Das passiert aber nicht zusammenhängend, sondern im Sinne von Schreck. Das löst starke emotionale Reaktionen aus und geht auch nicht von alleine wieder weg.

Wie wird eine solche Störung behandelt?

Unsere Therapeuten entwickeln zusammen mit den Patienten eine Perspektive: Wie lebe ich weiter? Die Patienten müssen lernen, dass das Ereignis vorbei ist, damit sich die so genannten „Flashbacks“, das heißt, das plötzliche Wiederaufflammen der Angst, abschwächen. Eine Methode ist die Konfrontationstherapie: Die Geschichte wird neu erinnert, aber mit dem Fokus darauf, dass sie überstanden ist.

Das klingt so, als sei die Sprache von entscheidender Bedeutung. Wie kann man bei einer solchen Behandlung die Sprachbarriere überwinden?

Die Techniken sind tatsächlich sehr sprachbezogen. Das ist ein Riesenproblem. Wir haben zwar Mitarbeiter, die Arabisch, Türkisch oder Farsi sprechen, aber jeden Dialekt können wir nicht abdecken. Und wir können auch kein Heer von Dolmetschern beschäftigen.

Kann eine Therapie per Dolmetscher überhaupt so wirkungsvoll sein wie eine Behandlung mit direkter Kommunikation?

Die Bedingungen mit Dolmetscher sind schon schwierig, aber es ist besser als gar nicht zu sprechen.

Wir haben vorhin schon über die Unsicherheit gesprochen, die Asylbewerber nach ihrer Ankunft in Deutschland durchleben. Während der Flucht sind die Zustände ja vermutlich nochmals andere – mit welchen Folgen?

Viele sind monatelang unterwegs mit ungewissen Ausgang. Die Flucht ist damit eine Extrembelastung und auch die Fluchtfolgen sind gravierend. Flüchtlinge gehen auch ein enormes Risiko ein, wenn sie ihr Heimatland verlassen. Das bleibt den Leuten nicht an den Kleidern hängen. Wer zum Beispiel aus Syrien kommt, hat eine Kriegserfahrung hinter sich. Auch wenn das nicht zwangsläufig zu einer Traumastörung führen muss, muss man das verarbeiten. Hinzu kommt der Heimatverlust und die komplette Destruktion des Lebensentwurfes. Sie geben oft ein Leben innerhalb großer Familienverbände auf und ersetzen es durch ein Leben in Deutschland, das nicht stabil und oft auch einsam ist. Das löst viele psychische Krisen aus.

Sie heben die Unsicherheit hervor, die Asylbewerber in Deutschland durchleben. Aber ist die Ankunft nicht auch mit Erleichterung verbunden?

Natürlich sind manche auch froh, dass sie in Sicherheit sind. Wiederum andere haben viele Dinge während der Flucht aus Stressgründen vermauert, was hier dann oft rausbricht und behandelt werden muss. Auch wenn die Umstände eine wirkungsvolle Therapie schwierig machen.

Was müsste sich aus Ihrer Sicht
ändern?

Wir brauchen auf Dauer Behandlungssettings, die die Sprachprobleme lösen. Ab und zu gibt es noch den Fall, dass Leute in die Klinik kommen, wir aber die Therapie nicht realisiert bekommen. Außerdem ist es schwierig, eine kontinuierliche Versorgung zu organisieren, weil die Flüchtlinge eben noch sehr oft umziehen. Und es müssten genügend Hilfen zur Prävention zur Verfügung gestellt werden, damit die Flüchtlinge das Erlebte und die Unsicherheit verarbeiten können.

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